Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 268 Dr. Mocb's Mwcbenscbrtkr. Nr. 17 Vorn ZabrmarKt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Ein Genrebild. — Eine ungehaltene Rede. — Die I u d e n h e tz e ans Anlaß des r u s s i s ch - j a p a n i s cN e n Krieges. — Wieder: echt jüdisch! — Ein russischer E r l a ß. — Dr. Lueger strudelt den Fürsten Liechtenst e i n a n.) Ein Genrebild aus dem Wiener Gemeinderate: Bürgermeister Dr. Lueger: Vom k. u. k. II. Korpskommando ist folgende Schrift eingelangt: Die vom löblichen Stadtrat beabsichtigte Spende einer zehntägigen Gratislöhnung für die Mannschaft des nach Wien zurückkehrenden Infanterie- Regimentes Hoch- und Deutschmeister kann zufolge einer soeben herabgelangten höheren Entscheidung nicht angenommen werden. (Gemeinderat Bielohlawek: Hört!) Es wäre daher dieses Geld eventuell einen anderen wohltätigen.(Gemeinderat B i e l o h l a w e k: Bis einmal ein Judenregiment nach Wien kommt!) Bürgermeister Dr. Lueger: Ich würde Sie bitten, eine solche Aeußerung hier nicht zu machen. Das ist so ungeschickt, wie nur etwas. Ich weise diese Behauptung mit aller Entschiedenheit zurück.- Genrebilder sind Sittenbilder; sie charakterisieren ihre Zeit, und in diesem Sinne hat die kleine Szene ihren geschichtlichen, ihren kulturgeschichtlichen Wert. Die enorme Dummheit, die sich in dem Zwischenrufe kundgibt, die lassen wir einstweilen aus dem Spiele. Weit interessanter ist die Antwort des Bürgermeisters, die in ihrer Kürze an die rhetorische Form der Aposiopese erinnert, die die Form der vielsagenden Verschweigung ist und nicht sowohl durch das, was sie sagt, sondern durch das, was sie nicht sagt, zu wirken beabsichtigt. Wie das bekannte Schulbeispiel für die Aposiopese, das Virgil'sche „Quos ego . . .“, von jedem Leser nach eigenem Ermessen, aber wahrscheinlich sofort richtig ergänzt werden kann, so sei auch hier der bürgcrmeisterliche Lakonismus vervollständigt und auf das richtige Maß gebracht durch das, was nicht gesagt, wohl aber gemeint wurde. Demnach sollte die Rede wohl folgendes besagen: Lieber Freund und Gesinnungsgenosse! Du bist ein Esel. Solche Dinge sagt man nicht, d. h., man sagt sie wohl, und wie Du weißt, bin ich gelegentlich selber nicht abgeneigt, ähnliches zn sagen, aber zur richtigen Zeit und an richtiger Stelle. Hättest Du Dein tiefsinniges Wort in einer Wählerversammlung gesprochen, so hätte ich wohlgefällig dazu geschmunzelt. Es hat zwar keinen vernünftigen Sinn, aber das tut gar nichts. Den Leuten gefällt es und das genügt. Ich habe wiederholt erklärt: der Bielohlawek ist ein fescher Kerl, und ich lasse ihn gern Dinge sagen, die ich nicht gut sagen kann. Aber mit einem Korpskommando bindet man nicht an, noch weniger mit einer „höheren" Stelle, von der eine Entscheidung „herab"gelangt ist. Da kann man sich nämlich sehr leicht schneiden. Bei jenen seltenen Gelegenheiten, wo man es mit solchen Instanzen zu tun hat, wird der Gemeinderatssaal ein Ort, der besonderen Anstand erfordert. Unangenehm war mir der Zwischenruf deshalb doch nicht. Er gibt mir Anlaß: 1. zu zeigen, daß ich ein unparteiischer Vorsitzender bin. Bei Deiner notorisch dicken Haut wird Dir der kleine Rippenstoß nichts geschadet haben und mir hat er wohlgetan. Ich habe mir damit ein Gegenargument eingelagert, wenn die sozialdemokratischen oder die judenliberalen Gemeinderäte in kritischen Fällen von meiner Objektivität nicht ganz entzückt sein sollten; 2. nach „oben" hin zu beweisen, daß man sich auf meine staatsmännische Einsicht und auf meinen Patent-Patriotismus verlassen kann. Ich habe auch nur gebeten, solche Aeußerungen hier nicht zu machen, und ich habe die Aeußerung auch nur als „ungeschickt" bezeichnet. Sonst verstehen wir uns ja sehr gut und im übrigen bleiben wir die Alten." Was Herr Bielohlawek sich bei seinem Zwischenruf gedacht haben mag, ist natürlich schwer zu sagen — aus siebzehn Gründen, von welchen der erste der ist, daß er sich wohl überhaupt nichts gedacht hat. Das ist auch gar nicht nötig. Man setzt sich zu jedem Ereignis sofort in das richtige Verhältnis, wenn man auf die Juden schimpft. Ein weiteres Nachdenken ist da vollkommen üterflüssig. Was in aller Welt haben die Juden mit dem Einmarsch des Infanterie-Regimentes Hoch-und Deutschmeister zu tun? Nicht mehr und nicht minder als mit dem russisch-japanischen Krieg, und doch lebt jetzt der ganze Antisemitismus förmlich davon, daß er eine neue Judenhetze betreibt aus Anlaß dieses Krieges. Der Kausalnexus wird nicht ohne Kunstfertigkeit geknüpft. Dem Krieg an sich, obschon er wahrhaftig nicht arm ist an sensationellen und erschütternden Zwischenfällen, würde die rechte Würze fehlen ohne die Asa foetida-3utat des Judenhasses. Nichts ist so aberwitzig, daß es nicht mit apodiktischer Sicherheit als feststehende und gar nicht erst zu beweisende Tatsache hingestellt würde. Man halte nur Lese unter den Blüten und Perlen in den Leitartikeln des „Deutschen Volksblatt" über den Krieg. An allem sind die Juden jchuld. Die Juden sind Verbündete der Japaner, die den Krieg wider Rußland nnt jüdischen: Gelde führen. Daß die Juden in Rußland neuerlich drangsaliert werden, ist nur selbstverständlich. obschon natürlich dazu kein besonderer neuer Anlaß nötig gewesen wäre. Wie aber der Trinker auf seinen titulus bibenäi hält, so bedient man sich auch hier anstandshalber — anstandshalber! — des erforderlichen Vormundes. Das Schicksal der Juden ist auch in diesem Falle ein echt jüdisches. In der ganzen Welt ist ein solches Massenelend nicht aufgehäuft, wie unter den Juden in Rußland. Trotz alledem scharren sie ihr Letztes zusammen, um es auf den Altar des Vaterlandes niederzulegen. Sie tun, obschon weitaus ärmer als das übrige Volk, unendlich mehr, nur um noch größeres Unheil von ihren Häuptern abzuwehren. Es wird direkt verlangt von ihnen, und die Art, wie es verlangt wird, grenzt an Erpressung. Sie würden sich sonst Verfolgungen aussetzen, und man weiß, was russische Judenverfolgungen zu bedeuten haben! Im günstigsten Falle hätten sie Ausweisung zu gewärtigen, und Ausweisung heißt Vertreibung von der Scholle, von Haus und Hof, ohne daß sie wüßten, wohin sie ihr Elend tragen sollen. Wo nimmt man heute noch vertriebene russische Juden aus," die natürlich nicht mit Reichtümern angerückt kommen? Sollen sie etwa nach Rumänien? Amerika schützt sich, England hat seine Alien-Bill, die ja vorwiegend gegen die Juden aufgerichtet ist; sollen sie etwa zu uns kommen, um sich der Segnungen des herrschenden Regimes, des Regimes des jubilierenden Fürsten Liechtenstein und seiner Schleppträger zu erfreuen? Sie verbluten sich also an Ort und Stelle; sie gaben ihr Letztes her — und dafür werden sie auch noch verfolgt, müssen sich als Feinde betrachten, behandeln, verfolgen lassen. Rechtlos und gehetzt von allen Seiten. Ja, dieses Schicksal ist ein echt jüdisches. Der russisch-japanische Krieg — es ist hirnverbrannt, aber es ist so, — hat für den Antisemitismus seine Bedeutung vorwiegend in der gewaltsam vom Zaune gebrochenen und weidlich ausgenützten Gelegenheit, dem Judentum zu Leibe zu rücken. Eine neue Beschuldigung ist gefunden, noch verhängnisvoller, noch aufreizender als die infame Blutbeschuldigung des Ritualmordes, und mit jauchzendem Behagen über den glücklichen Fund wird sie hinausgeschrieen in die Welt und wird weitergetragen in die Massen. Und wenn dann hinterher, wenn das Verhängnis seinen Lauf genommen und das Unheil sich vollzogen hat, es sich sonnenklar erwiesen hat, daß die Beschuldigung ein schmähliches, ein ungeheures Unrecht war, dann, nun dann — hat man sich eben geirrt. Ein kleiner Irrtum. Irren ist ja menschlich. Irgend welchen Grund zu besonderer Begeisterung für das russische Volk und die russische Regierung, die sie bei jeder Gelegenheit ausplündern und verfolgen, haben die Juden natürlich nicht. Psychologisch wäre eine Erbitterung sehr wohl zu begreifen, aber das sollten auch antisemitische Köpfe begreifen, daß die Juden nicht so dumm sind, die ohnedies brutalen Massen noch mehr gegen sich aufzuregen, daß schon der nackte Selbsterhaltungstrieb sie in ihrer peinvollen Lage abhalten muß, sich auch nur Mißdeutungen auszusetzen. Schon hat die Obrigkeit in Rußland begonnen, das einzüsehen. Der Gouverneur von Bessarabien hat an die Geistlichkeit einen Erlaß herausgegeben, der sich gegen die lügnerischen Nachrichten wendet. Es heißt darin: