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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-22 · 17 (22.4.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
17 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 17 Dr Wlocb's Mocbenscbrift. Seite 267 zu bereiten, dem armen jüdischen Mädchen Erwerb und Brot und dem jüdischen Haus ein wenn auch dienendes, so doch gleichartiges, ohne Disharmonie sich hineinfügendes Element zu verschaffen? „Doch wie?" so hören wir fragen, „wie die auf beiden Seiten vorhandenen Schwierigkeiten überwinden; wie die unleugbar bestehenden Unzulänglichkeiten des jüdischen Dienstmädchens beheben; wie namentlich die tief eingewurzelten Vorurteile der jüdischen Hausfrauen besiegen?'• Wir antworten hierauf: einzig und allein in modern rationeller Weise; die Unzulänglichkeiten des jüdischen Dienstmädchens — amicissima veritas — sind vorhanden. Sie lassen sich auf 3 Grundfehler zurückführen: 1. Mangel an Ordnungssinn, 2. Mangel an Arbeitswilligkeit und 3. Mangel an richtigem Benehmen. Allein diese schweren Fehler, welche die jüdische Hausfrau zurückschrecken, ein jüdisches Mädchen zu acquirwren, entspringen den bestehenden Verhältnissen und werden zweifelsohne mit Aenderung letzterer von selbst verschwinden. 1. Die vorhandenen jüdischen Dienstmädchen rekrutieren sich zumeist aus deklassierten Familien, d. h. aus solchen, wo der Vater z. B. früher Kleinhändler gewesen und nun Hausierer mit Streichhölzchen geworden. Die Ungewißheit des täglichen Verdienstes läßt im Hauswesen keine Ordnung aufkommen — im Hause eines von einem noch so geringen, aber fixen Wochenlohn lebenden Arbeiters ist die Ordnung möglich, ja zumeist vorhanden. Ein Dienstmädchen aus solchem Milieu kann sich nur schwer in eine stramme Ordnung hineinfinden. 2. Die slavische Kuhmagd, die zum städtischen Dienstmädchen avanziert, hat in ihrem Dorfe beim Vater oder Dienstherrn die Hände tüchtig rühren müssen und Lut es auch selbstverständlich im neuen Beruf, wenn auch in anderer Form. Das galizische, nordungarische arme jüdische Mädchen hat bei dem geringen, fast ausschließlich städtischen, im engsten Kreise sich abspielenden Haushalte der Eltern keine Gelegenheit, anstrengend manuell zu arbeiten und empfindet daher jede stärkere Inanspruchnahme ihrer körperlichen Kräfte am Dienstorte, wie z. B. das Bürsten des Fußbodens, das Rollen der Wäsche, weil ungewohnt, als Last und Ueberbürdung. 3. Das ungeschickte, oft linkische Benehmen des jüdischen Dienstmädchens, über das in besseren jüdischen Häusern so sehr geklagt wird, hat zur Ursache — und jeder psychologisch Geschulte wird dies bestätigen — die besondere Isoliertheit, in der es leben muß. Auch die dienstbaren Geister bilden eine Klasse für sich, deren Mitglieder miteinander ihre Erfahrungen, ihre Praktiken und Winke austauschen: was eine Gnädige verlangen darf und was man zu leisten hat; namentlich wie man sich benehmen und verhalten soll. Die jüdischen Dienstmädchen sind dünn gesät, stehen vereinzelt da, zumeist ohne innigen Kontakt mit den christlichen Dienstboten; sie sind also auf die eigenen Erfahrungen und Versuche angewiesen, greifen bei ihrer geringen Bildung fehl und werden entweder offenherzig familiär oder mürrisch verschlossen. Gegen all' diese Fehler gibt es nur ein einziges, aber vollauf hinreichendes Heilmittel; es ist dies die Schule, die D i e n st b o t e n s ch u l e, welche Ordnungssinn, stusenmäßige Angewöhnnng zur ausreichenden Arbeit und richtiges Benehmen beizubringen vermag. Die Dienstboteuschnle ist ja kein Novum! In Deutschland gibt es viele solcher Institute und in Berlin sogar ein jüdisches! An Vorbildern wird es also nicht fehlen. Hauptaufgabe wäre es, diese Schule so zu gestalten, daß sie weniger auf die Theorie als vielmehr auf Erzielung praktischer Erfolge hinarbeite. Die erste Voraussetzung hiezu wäre unserer Meinung nach der Anschluß an eine der bestehenden jüdischen Volksküchen, wo die Mädchen reichliche Gelegenheit fänden, das Kochen und alle hiezu nötigen Hantierungen einschließlich des Waschens der Kochgeschirre und Teller zu erlernen und intensiv auszuüben. An der Schule denken wir uns 3 Kurse; den ersten Kurs in der Dauer von 6—8 Monaten hätten das Mädchen für alles und das Stubenmädchen; den zweiten Kurs in der Dauer von IV, Jahren die Köchin; den dritten Kurs in der Dauer von 2 Jahren die Stütze der Hausfrau zu absolvieren. Mit einem regelrecht ausgestellten Zeugnis über den Erfolg der abgelegten Prüfung würde die Absolventin die Schule verlassen und hiedurch der jüdischen Hausfrau die Gewähr bieten, eine geschulte, verläßliche Kraft zu erhalten, gegen deren Leistungen ein Vorurteil kaum sich erheben könnte, es sei denn nunmehr im günstigen Sinn e. Die Dienstbotenschule allein — und mag sie noch so vollkommen und zweckentsprechend eingerichtet sein — wäre nach unserem Dafürhalten weit mehr eine Wohltat für die jüdischen Hausfrauen, denen gutes Dienstmaterial zur Verfügung stünde, als für die Mädchen selber, und wäre demgemäß nur ein Torso, wenn sie nicht zugleich ihre Fürsorge für ihre Zöglinge auch über die Lehrzeit hinaus erstrecken und durch Wohlfahrtseinrichtungen für deren Schutz und Wohlergehen sorgen würde. Als solche betrachten wir den leicht einzurichtenden Stellennachweis, dann aber auch ein jüdisches Dienstbotenheim, wo die vazierenden Mädchen in der kritischen Zeit, in welcher zumeist die Versuchung an sie herantritt, gegen geringes Entgelt Unterkunft und Verpflegung fänden, ebenso die Schaffung von Dienstprämien für solche Mädchen, die nach Ablauf einer gewissen tadellos verbrachten Dienstzeit in den Stand der Ehe treten wollen; ein Ansporn für ihr Verhalten und zugleich die moderne Form der nosan Wo Schule und Heim zu errichten seien? Doch nicht anderswo als in Wien, das bekanntlich Zufluchtsort der schiffbrüchigen Existenzen aus allen Gegenden des Reiches ist, aber auch der Markt für alle Arbeitskräfte und — last not least — das Zentrum jüdischer Wohltätigkeit. Wer dieses edle Unternehmen in Angriff zu nehmen habe? Vorerst dachten wir an die vielen Wohltätigkeitsvereine unserer Frauen, deren Nächstliegende Aufgabe es wäre, für ihre vom Schicksal stiefmütterlich behandelten Schwestern — und das sind ja die armen Mädchen — Sorge zu tragen. Allein all diese Vereine, so segensreich sie auch im Einzelnen wirken, sie selber entbehren bis zur Stunde des größten Segens, der in einer Vereinigung, in einem Verbände liegt, denn nur ein solcher vermöchte eine größere Aktion ins Werk zu setzen. So möge denn die jüdische Oeffentlichkeit hier eingreifen! Mögen alle Männer und Frauen, die auf die Erhaltung des jüdischen Hauswesens und die gleichzeitige Errettung vieler unserer Schwestern aus Not oder Schande bedacht sind, über alle Parteischattierungen hinweg zu einem „Vereine zur Gründung einer jüdischen Dienstbotenschule" sich zusammenschließen. Möge endlich in allen Kreisen der Gedanke zum siegreichen Durchbruche gelangen, daß nur die einigende Tat und nicht die leere, nur entzweiende Phrase uns retten kann; möge groß und klein zum edlen Unternehmen sein Scherflein beisteuern und möge bald das Wiener und mit ihm das österreichische Judentum jene Institution entstehen und erblühen sehen, die sowohl vom religiösen als auch modernen Standpunkt geboten erscheint und die in sich die sichere Gewähr trägt, allen Klassen des Judentums, den armen wie nicht minder den wohlhabenden, zum Segen zu gereichen: die jüdische Dien st boten schule, verbunden mit dem jüdischen D i e n st b o t e n h e i in.

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