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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-22 · 17 (22.4.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
17 (22.4.1904)
Date
1904-04-22
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Sette 266 Dr. Llocb's Mocbenscbrm. Nr. 17 Was ist aus dem stolzen Schiffsgeschwader mit seinen sieben Panzerschiffen, seinen Kreuzern und Torpedoflottillen, aus dieser mächtigsten Eskadre, die Rußland jemals in außereuropäischen Gewässern vereinigt hat, geworden? Schiff auf Schiff sank hin: Ueberfälle, Zufälle, Unfälle. Nicht einein dieser in den Grund gebohrten, torpedierten, zusammengeschossenen, gesprengten Kolosse gelang es, ein Schiff des Gegners mit in das Wellengrab zu reißen: fast scheint es, Rußland habe seine Kriegssahrzeuge nach dem Osten bloß geschickt, damit die ganze japanische Marine an ihnen die rasch erlernten Künste des modernen Seekrieges erprobe. Dem Zuschauer bietet sich das Bild wehrlosen, hilflosen Erliegens. Rußland wurde bisher für die stärkste der europäischen Großmächte gehalten, es drückte mit dem Gewichte seiner Autorität auf die Politik unseres Erdteils und beeinflußte sie oft und oft in seinem.Sinne. Ein Bismarck lag im Staube vor dem Zaren, und welche Großmacht hätte je eine Note an die Adreffe Rußlands zu senden gewagt? Nun haben die Fluten des Gelben Meeres außer so manchem schönen Schiffe der rusfischen Kriegsflotte auch ein ansehnliches Stück des russischen Prestiges verschlungen. Vom General Dragomirow kursiert der Ausspruch: „Die Japaner schlagen uns mit Minen, wir sie mit Bittgottesdiensten." In der Kirche versucht man das mahnende Gewissen, die Erinnerungen an die Blutschuld zu betäuben. Bittgebete folgen einander, dann kommen Trauergottesdienste, die den Hof des Zaren in der goldstrotzenden Admiralskirche versammeln, und endlich eine patriotische Tat des Opfermutes: auf Antrag des Ministers des kaiserlichen Hauses hat Nikolaus II. eine Million Rubel von dem Budget des Hoftessorts streichen und den Betrag der Staatsrentei überweisen lassen. Für die Hinterbliebenen der unglücklichen Märtyrer von Kischenew hat der Zar nicht einen einzigen Rubel gespendet. * ¥ Die Wiener antisemitische Presse' schreibt unaufhörlich von dem Frohlocken der Juden über die Niederlagen Rußlands. Das ist eine dreiste Lüge. Ein solches Frohlocken über den Fall der Gegner und Feinde ist Sitte der Arier und nicht der Juden. Der Talmud enthält folgende Legende: Als die Heere Pharaos in den Wellen des Roten Meeres versanken, versuchten die Eugelsscharen des Himmels Preislieder anzustimmen. Da vernahmen sie die zürnende Stimme des Herrn: „Meine Geschöpfe ringen mit dem Meere und Ihr wollet Jubellieder singen!" Wir Juden empfinden mit dem russischen Volke in diesen schweren Tagen aufrichtige Teilnahme. Unsere Religion lehrt uns das Aufhören der Sünde zu erstreben, nicht aber den Untergang der Sünder. Nur Eines hat uns unsere wunderreiche viertausendjährige Vergangenheit gelehrt, daß ein Gottesgeist in der Geschichte waltet, der, unabhängig von unserem schwachen menschlichen Willen, ein Geist strenger Gerechtigkeit und schrecklicher Vergeltung ist. Seit den Zeiten der Pharaonen bis heute waren die Juden die lebendigen Zeugen, daß es keinen Dränger gibt, auf dessen Haupt die Drangsal nicht zurückfährt. Di» Wisch» Dienliboteirfrage »«d di» Notwendigkeit sowie di» Form ihrer Lösung. Von Dr. M. Rosenmann, Bezirksrabbiner in Floridsdorf. Achte keinen Menschen gering. Sprüche der Väter IV. Der sozial-reformatorische Geist, der etwa seit mehr denn einem Dezennium durch die jüdische Gesellschaft geht und sich der Armen und Schwachen unter uns in modernhumaner Weise aunimmt, dem die erholungsbedürftige arme jüdische Jugend der Großstadt das herrliche „Ferienheim", die armen jüdischen Wöchnerinnen den „Wöchnerinnen-Unterstützungs-Berband", die jüdischen Arbeiter und Handwerker den „unentgeltlichen Arbeitsnachweis", die nach geistiger Nahrung strebenden jüdischen Volksschichten die „Toynbee- Halle" zu verdanken haben, er hält merkwürdigerweise stille vor einem Wesen, das wohl als das hilfloseste auf G.ottes Erdboden bezeichnet werden kann:demar men jüdischen Mädchen, und scheut sich, an eine Frage heranzutreten, mit der trotz ihrer scheinbaren Geringfügigkeit schwer wiegende religiöse und soziale Interessen des Judentums verbunden sind: die jüdische Dienstbotenfrage. Es ist eine auffallende, des Nachdenkens werte Erscheinung, daß, während einerseits die jüdischen Hausfrauen oft auf eine unfreundliche, wenn nicht sogar gehässige und geringschätzende Gesinnung bei den nichtjüdischen Dienstboten stoßen und schon im „Bureau" bei der Aufnahme sich die Frage gefallen lassen müssen: Ob denn nicht Gnädige Jüdin sei?, daß ferner die antisemitische Presse und auch die kirchlichen Kreise das Halten von christlichen Dienstboten den Juden zum Vorwurf machen; andererseits dagegen zahllose arme jüdische Mädchen subsistenzlos sind und aus Mangel an täglichem Brot um Hungerlöhne zur Nähnadel greifen müssen, oder in die Schnapsläden zur Bedienung der Hefe der menschlichen Gesellschaft sich drängen, oder endlich den Verlockungen der Mädchenhändler und hierdurch bem sittlichen und körperlichen Untergänge anheimfallen, und daß endlich solche jüdische Mädchen, die durch irgend eine Ursache dem Dienstbotenstande sich gewidmet haben, oft monatelang postenlos herumirren und nur dann in einem jüdischen Hause landen, wenn dieses durch die streng rituelle Lebensweise gezwungen ist, eine jüdische Köchin zu hallen. Diese schreiende Inkongruenz zwischen jüdischer Nachfrage und jüdischem Angebot, diese tief beschämende Tatsache, daß fast durchgehends das jüdische Haus ohne jüdisches Dienstmädchen ist, ist nicht bl»s ein Unrecht gegen tausende — und diese Zahl ist wahrlich nicht hoch gegriffen — blutarme jüdische Mädchen, sie ist auch mit tiefen Schäden auf religiösem und sozialem Gebiete für diejüdische Gesamtheit verbunden. Wenn in vielen jüdischen Kreisen, namentlich der Großstadt, das rituelle Leben fast ganz erloschen ist und Kaschrus zum Fremdwort geworden, so ist dies zum nicht geringen Teil durch das Fehlen der jüdischen Köchin, des jüdischen Dienstmädchens verursacht worden! Die Hausfrau, Geschäftsfrau oder Dame, kann sich der Küche nicht widmen und überläßt sie daher nolens volsus dem Machtbereiche der andersgläubigen und anders manipulierenden Küchenfee. Aber auch das Eindringen der nichtjüdischen Gebräuche und Sitten — häufig Vorläufer des Abfalles — ist zumeist nur hierauf zurückzuführen. Die Einbürgerung des Weihnachtsbaumes in vielen jüdischen Familien zum Beispiel läßt sich nur in dieser Weise genügend erklären. Vorerst ist es die Rücksicht auf das christliche Mädchen, die den Tannenbaum erstrahlen läßt, dann „haben sich die Kinder so sehr daran gewöhnt" und zuletzt ist er zum „Stammbaum" der ganzen Sippe geworden, die ihn nunmehr als ein unentreißbares Erbgut betrachtet und trotz Zureden nicht fahren lassen will. In vielen solchen Familien wird das Wort „Jude" peinlichst vermieden, der „jüdisch" aussehende Gast nur ungern empfangen, werden jüdische Feste nicht gefeiert, jüdische Bücher beiseite geschoben, jüdische Zeitungen zurückgewiesen — aus Scheu, das „Mädchen" könnte es hören, sehen, lesen. Und sollten wir nicht zuletzt auf das beklemmende Angstgefühl Hinweisen, das viele Glaubensgenossen so um die Passahzeit herum beim irgendwo erfolgten Auftauchen des Blutmärchens befällt und das sicherlich in kritischer Zeit schon manchen Angstmeier veranlaßt hat, für den heilen, durch leinen zufälligen Nadelstich etwa Versehrten Zustand des „Mädchens" mehr zu flehen als für die Gesundheit des eigenen Kindes! Sind diese Zustände erträglich und ist es nicht Pflicht der jüdischen Oeffentlichkeit, ihnen sobald als möglich ein Ende

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