Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 17 (22.4.1904)
- Date
- 1904-04-22
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 17 Dr. Bloch’s ♦ fl ♦ crrnoii Jahrgang XII 4 Centralorgan für die grsammten Interessen de» Iudenthums. n-) B. ft. Postsxarraffrn-Bmt Clearing-Verkehr Ar. 810.976. Ardartion und Administration: Viru IX/1, Brrggaffr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. #-i * -H- 3 Wien. 32. April 1904. K-X vozug-aprei» fltr Sesterreich: Halbjährig 3 Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. X Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Derggaffe 39. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift» Wien. Für'» Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 . Anzeigen: Die4mal gespaltene Prtitzeile 24 Heller. 8- - m Inhalt: Leitartikel: Am Jahrzeitstage der Bluttaten von Kischenew. — Die jüdische Dienstbotensrage und die Notwendigkeit sowie die Form ihrer Lösung. — Vom Jahrinarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Baruch Schorr. — Korrespondenzen: Generalversammlung der „Ehewra-Kadischa". Wien. Die Konferenz des großen A.-C. Verein zur Beförderung der Handwerke unter den inländischen Israeliten in Wien. Ablehnung eines Richters. Brünn, Czernowitz, Königsberg i. P., Frankfurt a. M. Petersburg, Tiflis, Washington. — Vermcschtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa in Wien. Wien. Dr. Siegmund Bars. Wien Marienbad, Klattan, Rzeszow, Vinkovce, Triest, Antwerpen, Warschau, London, Paris. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notiz. — Inserate. Am Jahrzeitstage der Bluttaten von Kischenem dir Katastrophe Make-row! Rüstet Euch mit dem ganzen Fürwitz des selbstgewissen Unglaubens gegen jeden Gedanken des planvollen Waltens einer Vorsehung; waffnet Euch mit dem überlegenen Lächeln des Hochmutes gegen die naive Einfalt des alten Väter-Glaubens an einen göttlichen Weltenplan; verschanzt Euch hinter den Bollwerken Eurer neuen Wissenschaften, deren Meister und Jünger mit ihren triumphierenden Instrumenten alle Räume des Alls durchquert und durchmessen haben, ohne einen Gott zu finden: schließlich steht Ihr gebannt vor Geschehnissen, die auch ein verhärtetes Herz mit elementarer Gewalt erschüttern und aus der Seele tiefsten Tiefen unwillkürlich die Ahnung aufsteigen lassen: „Es ist doch ein Gott"! Als das heilige Rußland im vorigen Jahre das griechische Osterfest feierte und in allen, griechisch-orientalischen Kirchen das Jubellied erklang „Christ ist erstanden", da begannen in Kischenew die von Plehwe, dem Minister Sr. Majestät des Zaren, lange vorbereiteten Krawalle gegen die armen unglücklichen und wehrlosen Juden. Tags daraus, am Ostermontag, begann die schreckliche, zwei Tage andauernde Judenmetzelei, deren Kunde in allen zivilisierten Ländern Entsetzen und Abscheu erregt und den russischen Namen mit ewiger Schniach befleckt hat. Die Bluttaten von Kischenew sind noch in lebendiger Erinnerung, es j ährte sich der Tag, das heilige Rußland feierte wieder das Osterfest mit Gesang und Kirchengeläute. Die ganze Woche steht rot im Kalender. Am vierten Feiertag kann der Osterrausch nicht verflogen sein. Dick, zäh, träge, halbnüchtern flaniert das festtägliche Publikum Petersburgs auf dem breiten Bürgersteige, kokettierend, vor den Schaufenstern gemächlich stehen bleibend, bald rechts, bald links ausweichend. Plötzlich, um 8 Uhr, lebhafte Bewegung im Publikum. Eine Unmenge von Zeitungsjungen überflutet schreiend die Straße. „Neueste Telegramme!" „Make—row umgekommen!" „Der,Petropawlowsk, auf eine Miene geraten!" Soll das ein häßlicher Aprilscherz sein? Alle Gesichter sind ernst geworden. Die Blätter sind im Nu vergriffen; die höchsten Preise werden gezahlt. Unter den Laternen bilden sich lesende Gruppen. Wahrhaftig! Der stolze „Petropawlowsk" auf eine Miene geraten und gesunken, mit der gesamten Mannschaft und — dem „Adler" Make—row! Sein beliebter Kommandant, Kapitän ersten Ranges Jakoblew, ist schwer verwundet aus den Fluten gezogen. Nur 39 Mann, fast alle verwundet, sind gerettet. Zu gräßlich, um es zu glauben! Und Alles das geschah an den Tagen des russischen O st e r s e st e s; am Erinnerungs- und Jahrzeitstag von Kischenew!! Der Zar weint, ganz Rußland trauert wegen der schweren Niederlage. Und nun beginnt in den Herzen eine Ahnung aufzusteigen, daß denn doch ein Gott der Gerechtigkeit die Welt regiert. Selbst die antisemitische „Nowoje Wremja", welche in den Hetzereien gegen die Juden, wie in der Aufreizung zum Kriege gegen Japan in vorderster Reihe stand, gesteht angesichts des Unterganges des „Petropawlowsk" unumwunden ein, in welchem Maße sich die Situation verdüstert habe. In ihrem von S»worin persönlich geschriebenen Artikel heißt es: „Solch ein Unglück, daß ein Oberbefehlshaber mit seinem ganzen Stabe, bestehend aus ausgewählten, glänzenden Offizieren, in einem Augenblicke ums Leben kommt, ohne auch nur zum Kampfe gekommen zu sein, steht einzig in der Weltgeschichte da." Man erinnert sich jenes Samstags, an welchem der japanische Gesandte in Rußland von seiner Regierung den Befehl erhielt, Petersburg zu verlassen. Im Michael-Theater war der ganze Hof anwesend, der Kaiser an der Spitze. Man gab das Donnay'sche Stück „Retour de Jerusalem“. Die Herrschaften amüsierten sich bei diesem durch und durch antisemitischen Stücke sehr gut und nichts ließ ahnen, daß nun ein Krieg mit so schweren Katastrophen beginnt. Das russische Volk, das vom Anbeginn diesen Krieg im fernen Osten mit offenem Widerwillen ansah, das dort keine Güter weiß, an denen sein Herz hinge, mochte zuerst durch die Eindrücke und Veranstaltungen in den Wahn gezogen werden, als müßte es kämpfen, die Ehre seines Namens zu hüten, da es nun einmal angegriffen worden. Aber nach dem ersten Ueberfall, den die Darstellungen der Offiziellen als einen schmählichen Treubruch und Verrat ihm dargestellt haben, sieht es jetzt Schlag auf Schlag fallen, sieht alle Anstrengungen vergeblich verrinnen, den Führer wie ein hilfloses Opfer fallen, den man ihm als Bringer des Sieges ausgerufen; das Unheil wie eine Strafe des Verhängnisses sich über Rußlands Streitmacht entladen. In: Donner der Schlachten hört es die Stimme des rächenden Schicksals.