Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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Nr. 16 2>r. Biocb s Mocbenscbrttt. Seite 263 Ueberhaupt habe'ich dort eine wahrhafte Kulturmission erfüllt. Der größte Teil der Jeschiwah rekrutierte sich aus jungen Leuten aus den nördlichen Komitaten, wo es keine jüdischen Schulen gab, und die daher n i ch t d e u t s ch l e s e n u n d schreibe n konnten — von Ungarisch war damals unter dem Bach'scheu Regime keine Rede. Ich lehrte daher die einen schreiben und lesen und leitete den Bildungsgang der anderen, der Vorgeschritteneren. E i-n a n d e r e r G e i st zog in die „Jeschiwa" e i n, es begann zu dämmern. Der Rabbi war weit entsernt, mir in dieser Beziehung Hindernisse in den Weg zu legen, umso weniger, als er selbst sich bemühte, die deutsche Schriftsprache sich anzueignen. — Erschlug fleißig im „Adelung" nach. Unter solchen Umständen war rneine Stellung eine geachtete unter meinen Kollegen. Nur einmal wäre es mir beinahe schlimm mit ihnen ergangen. Einst kam in die Lehrstube vor Beginn des Vortrages ein Mann, der trotz des damals bestandenen strengen gesetzlichen Verbotes im Geheimen zum Judentume übergetreten war. Er erfreute sich dieserhalb besonderer Ehren von Seiten meiner Kollegen; nur ich hatte die Naivetät, den Mann zu fragen: „Sagen Sie mir, was hat Sie denn bewogen, die Religion Ihrer Väter, in der Sie geboren und erzogen lvurden, zu verlassen und eine Religion zu wühlen, die Sie doch nicht kannten? Ich muß Ihnen sagen, ein solcher Uebertritt, ein solcher Tauschhandel mit der Religion gefällt mir nicht, auch wenn er zu Gunsten des Judentums geschieht." Diese Worte entfessellten einen Sturm gegen rnich, der mich das Aergste befürchten ließ. An einen „G e r" (Proselyt) eine solche Frage zu richten, war unerhört. Zum Glück trat in diesem kritischen Moment der Rabbi ein, und der Sturm legte sich. Meine materielle Lage war mit der Zeit eine relativ günstige. Anfangs hatte ich mit Entbehrungen zu kämpfen; aber ich fand nach einigen Wochen eine ergiebige Erwerbsquelle durch Privatunterricht. Meine erste Privatstunde erhielt ich in einem der vornehmsten Häuser, und zwar infolge einer recht derben Antwort, die ich einem jungen Manne gab, der tu einem Kaufladen mit dem Hausfräulein sich unterhielt. Ich kam in das Geschäft mit einem Folianten unter dem Arme, um eine Kerze für die Nacht zu kaufe«. „Fräulein Marie", sagte der junge Mann, „nehmen Sie vielleicht Unterricht im Talmud?" „Mein Herr!" erwiderte ich, „dazu ist der Talmud viel zu gut, als daß Sie Ihre ungeziemenden Witze über ihn machen dürften." Der junge Mann war verblüfft. Eine solche selbstbewußte, in korrektem Deutsch erteilte Antwort hatte man in Gyöugyös von cinenr Bochur noch nicht gehört und auch nicht erwartet. Er entschuldigte sich, er habe es nicht arg gemeint, und auch ich suchte meine schroffe Antwort zu motivieren. „Sehen Sie, mein Herr!" sagte ich, „der Talmud ist mein Alles, ihm habe ich meine Vergangenheit geweiht, von ihm erhoffe ich meine Zukunft; und nun machten Sie mein Idol zum Gegenstände Ihres Witzes. Ist es ein Wunder, daß ich aufgeregt wurde und weniger höflich antwortete, als ich hätte müssen und sollen?" Der junge Mann lud mich ein, des anderen Tages in das Haus seiner Eltern zu kommen. Er habe zwei Schwestern, die der Schule bereits entwachsen sind, aber noch der Fortbildung bedürften, und so erhielt ich für die Lektion, die ich dem Bruder gab, eine solche bei seinen Schwestern mit einem Salair von — vier Gulden monatlich! Eine andere Quelle meines Einkommens war für mich das Verfassen von Bittgesuchen und Briefen; letztere waren zumeist — Liebesbriefe. Ich mußte die Gefühlsergüsse Anderer in Worte kleiden. So wendete sich ein bereits betagter Bräutigam an mich, dessen Liebe zu seiner in Pest wohnenden Braut so heiß war, daß er nicht im Stande war, seinen Gefühlen schriftlichen Ausdruck zu geben; ich mußte eS für ihn tun. Jeder Brief brachte mir einen Gulden, und da damals in der unseligen Kvnkordatszeit das Ausnahmsgesetz bestand, daß der Jude zur Eheschließung besonderer Bewilligung von Seiten der Komitatsbehörde bedurfte, wozu eine ganze Menge von Nachweisen und Zeugnissen nötig war. so dauerte der Brautstand zu meiner Freude recht lange. Der Mann brachte mir den Brief der Braut, und nachdem ich auf die laufenden Dinge geantwortet hatte, sagte er mir: „Und jetzt s ch r e i b e n S i e m i r a u ch e t w a s v o n L i e b e hinein." So schrieb ich auch etwas von „Liebe". Hatte ich doch das schon als elfjähriger Junge zuwege gebracht, nur daß ich damals in die Lage der Braut, jetzt aber in die deS Bräutigams mich versetzen mußte, waS doch allenfalls leichter war. All dieses Einkommen aber genügte nicht, daß ich aus die „Kosttage" (Freitische) verzichten konnte. (Fortsetzung folgt.) Kriefkaffen. K. Italien zählt jetzt nenn jüdische Senatoren. Der Letzternannle ist Baron Treves dei Bonfili in Mailand. S. Die erste jüdische Firma, welche (1880) in der japanischen Stadt Nokohama errichtet wurde, war „Gmsburg und Brüder". Sie beschäftigte sich mit dem Perladen und Ausladen von Schiffen; später gründete sie auch in ander, n Städten Filialen. „Amon." Ans Berlin nichts eingetroffen. Herzlichen Gruß und Dank. N. Romanow. Der modernen Despotie werden die egyptischen Plagen nicht erspart bleiben. Mit der Schmach der Blutschuld und der Schande der Unfähigkeit behaftet, will sie so ivenig wie der alte Pharao aus den „ttnglücksfällen" die zürnende Richterstimme Gottes vernehmen. Darum wird sie den Kelch der Leiden bis auf die Neige leeren müssen. F. Nahezu ausschließlich jüdische und polnische Aerzte ruft Rußland auf den Kriegsschauplatz, um die russischen zn schonen. Dr. M. Die Mitteilung ist, wie Sie ans unserer heutigen Nummer ersehen, vollständig erfunden. Die Söhne dieses Mannes werden nicht abtrünnig. Offenes Dankschreiben. Unsere vor vier Jahren — anläßlich des Regierungs- Jubiläums unseres Kaisers — erbaute Synagoge war von der Katastrophe der gerichtlichen Feilbietung bedroht. Unsere Mittel waren zu gering, um den Fehlbetrag zu decken, den eine durch unvorhergesehene Baukalamitäten verursachte Ueberschreituug des Voranschlages zur Folge hatte, und mit bitterem Schmerze mußten wir schon des Augenblickes gewärtig sein, wo wir unseres Gotteshauses verlustig sein würden. Die edle Hilfsbereitschaft unserer Glaubensgenossen hat, zur Ehre Gottes und des jüdischen Namens, dieses Unheil vou uns abgewendet und wir erachten es nunmehr für eine heilige Pflicht der Daukoarkeit, öffentlich unseren innigsten, tiefempfuudenen Dank allen jenen auszusprechen, die sich an der Hilfsaktion für unsere Synagoge, welche durch die ehrwürdigen Herren Oberrabbiner Tr. Güdemann und Rabbiner Dr. Schmiedel mächtig gefördert wurde, beteiligten. Insbesondere aber danken wir gerührten Herzens dem Präsidenten der Wiener israelitischen Kultusgemeiude Herrn Dr. Alfred Stern, der voll Güte, mit unermüdlicher Ausdauer, mit wahrer Hingebung und ganzem Erfolge diese Hilfsaktion unternahm und leitete; dem Vizepräsidenten Herrn Dr. Gustav K o h n, der uns zu jeder Zeit mit seinem bewährten, unerschöpflichen Wohlwollen, mit Rat und Tat zur Seite stand; sowie dem gesamten Vorstande der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, der mit einer munifizenteu Spende dieses fromme Rettungswerk unterstützte. Schließlich sprechen wir unseren verbindlichsten Dank dem Herausgeber der „Oesterr. Wochenschrift", Herrn Dr. I. Bloch aus, der in jeglicher Richtung uns förderte und in seinem Blatte allen auf diese Angelegenheiten bezüglichen Aufrufen und Mitteilungen gütigst Raum gewährte. Der Borstand des Liesing Atzgersdorfer Tempelvereines.