Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-15 · 16 (15.4.1904) · page 14

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
16 (15.4.1904)
Date
1904-04-15
Page
– (sequence 14)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021564--13529-3038185
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 262 Dr. Mocb's MlocbenscbrM. Nr. 16 Judentum arbeiten, solange sich ein Nerv in mir regt". Tränenden Auges sagte Herr Löw: „Ja, ich will ja arbeiten, aber ich fühle die Last der Jahre und kann nicht mehr so wie früher". Hierauf antwortete der Sprecher, daß er seine Kräfte unterschätze und daß ihm Gott die Gnade gegeben hat, jugendkrästig und geistig frisch zu sein, was auch Gott sei dank der Fall ist. Drohobyez. Unserem verdienstvollen Vizebürgermeister Herrn Jakob F c u e r st e i n, Sohn des hiesigen Kultuspräsidentcn, wurde von Seiner Majestät das Ritterkreuz des Franz Joseph-Ordens verliehen. Lemberg. ->'v' sbi *ir. In der Synagoge ereilte am letzten Jomtob den berühmten achtzigjährigen Obcrkantor Herrn Baruch Schorr ein tragisches Geschick. Während des Aushebens stürzte der Greis vor dem offenen Arauii hakaudesch mitten im Gesänge tot zusammen, wodurch unter der anwesenden Gemeinde große Aufregung und Bestürzung entstand. Die Würdigung dieses seltenen Meisters muß einer berufeneren Feder überlassen bleiben. Lüilhelruburg. Bekanntlich ergreift der hiesige Minjan- Berein Dispositionen zum Aufbaue eines bescheidenen Bethauses, behufs dessen auch das Baukomitee Zirkulare mit beiliegenden Postchecks an edle, menschenfreundliche Glaubensgenossen versendet, um diesem edlen Werke Beistand zu leisten. Obwohl die materielle Unterstützung eine noch geringe ist, hoffen wir dennoch mit der Hilfe Gottes schon in nächster Zeit an das Werk schreiten zu können. Wie angenehm überrascht wurde dieser Tage das Baukomitce, als demselben anonym eine Beisteuer mittels Postanweisung unter dem Schlagworte ,,Isch kematnas jodaii Budapest“ zukam. Konnte doch derselbe kein Zirkular bekommen haben, da doch der österreichische Postcheck in Ungarn nicht giltig ist. Möge daher dieses humane Werk von „Isch kematnas jodau Budapest“ Nachahmung finden, wofür jedem Einzelnen der Allgütige reichlichen Lohn spenden möge. Jassy. Unser Rabbiner Dr. N i e m i r o w e r, der in weiten Kreisen der rumänischen Juden als Talmud - Redner bekannt ist, wurde in Galatz zum Rabbiner und Prediger gewählt. Den Führern unserer großen Gemeinde ist es jedoch gelungen, Herrn Dr. Niemirowcr zur Ablehnung des ihm angebotenen Amtes zu bestimmen. Feuilleton. Alle Rechte Vorbehalten Jüdische Kutturbttder. Bon Dr. Armin Schnitze , Oberrabbiner in Komärom. Vi. (Fortsetzung.) Gyöngyös. Mein erster Gang war selbstverständlich zum Rabbiner. Ich fand einen Mann im Alter von 35—40 Jahren, mit sanften blauen Augen und — gepflegtem Bart, was ich als erfreuliches Zeichen der Kultur begrüßte. Er war hauptsächlich als der Schwiegersohn des Dun a-S zerdahelyer Rabbiners Lipmann Stein, der von Gyöngyös aus dahin gekommen, zum Rabbiuate gelangt, da dieser Schwiegervater, ein gelehrter Talmudist und geistreicher, witziger Kopf, noch immer im besten Angedenken bei seiner früheren Gemeinde stand. Man erzählte noch manches „gute' Wort" von diesem Alten; so z. B. folgendes: Beim Antritte seines Amtes, als er das erstemal die Synagoge besuchte, fragten ihn die ihn begleitenden Vorstandsmitglieder: „Wie gefällt dem Rabbi unsere „Schul"? — Die „Schul" ist schön, aber — seid mir manche!'), die Tieren (Türen) drinn gefallen mir nicht." Das konnte sich damals ein Rabbiner erlauben und man belachte den Witz; heute würde man ihm eine solche Malice gar übel vermerken. Treffender und geistreicher war die Antwort, die er einst einem Kollegen gab. Er war einmal nach Pest gereist. Auf der Fahrt dahin stürzte der Wagen, und Rabbiner Stein erlitt einen Beinbruch. Er wurde in den nächsten Ort gebracht, es war Dima, und der Rabbiner daselbst machte ihm den Krankenbesuch. Er hatte dabei die Rücksichtslosigkeit, dem greisen, von Schmerzen heimgesuchten Gelehrten gegenüber zu bemerken: „Der Rebbe hat gewiß das „T’tillas haderech“ ') nicht mit der nötigen Andacht verrichtet." .„Meint Ihr? Glaubt Ihr denn, daß der Heilige, gelobt sei Er, alle Gebete erhört? Seht, da betet Ihr schon fünfzig Jahre dreimal des Tages zum lieben Gott, daß Er Euch Verstand und Einsicht gebe, und Er hat Euch noch nicht erhört." Rabbiner Stein hatte ein gutes Andenken in Gyöngyös hinterlaffen, umsomehr, als er einmal eine von der Gemeinde in Moor an ihn ergangene Berufung zurückgewiesen hatte, freilich in der ihm eigenen witzigen Art, die auch die eigene Gemeinde nicht schonte: „Da „kreiße" ich schon sieben Jahre in Gyöngyös, und nun soll ich ein Moorl (Mohr) bekommen, da kreiße ich schon lieber hier weiter." Daß er der Berufung nach der großen angesehenen Gemeinde in Duna-Szerdahely Folge gegeben, war eher eine Ehre als eine Zurücksetzung für Gyöngyös. Und die Sympathie für den Alten ebnete auch dem Schwiegersöhne, L a z a r Für st, den Weg zum Rabbinate, umsomehr, als dieser der würdige Nachfolger seines Schwiegervaters war, dem er an Scharfsinn und Gelehrsamkeit keineswegs nachgestanden. Um nun auf meinen Empfang von Seiten des Rabbi zurückzukommen, war dieser ein sehr freundlicher, und als ich ihm mein curriculum vitae. meinen bisherigen Studiengang, beschrieb, da bekundete er ein solch reges Interesse besonders für den gewesenen Landesrabbiner Dr. Samson Rafael Hirsch, daß er nicht müde wurde, über das geringste Detail mich auszufragen. Zwei Stunden dauerte der Empfangsbesuch. Interessant war es, zu beobachten, wie es mir allmälig gelungen, schrittweise an Boden zu gewinnen. Anfangs duzte er mich nach althergebrachter Sitte; es wäre eine Selbstdegradierung gewesen, würde als ein Verzicht auf die eigene Autorität gegolten haben, wenn der Rabbi zu seinen Schülern „Sie" sagen würde. Natürlich hatte er auch bei mir keine Ausnahme gemacht. Später aber, als meine Erzählungen aus Nikolsburg immer mehr sein Interesse steigerten und ihm auch mein reines Hochdeutsch imponierte, da wollte ihm das „Du" nicht mehr über die Lippen und er vermied es, mich direkt anzusprechen, um nur nicht „Sie" sagen zu müssen. In der zweiten Stunde jedoch ergab er sich und so war ich damals der einzige unter allen seinen damaligen Schülern, der das Privilegium hatte, vom Rabbi nicht geduzt zu werden, und unter diesen Schülern waren auch bemoste Häupter; denn die Talmudschule seines unmittelbar nach der Wahl verstorbenen Schwiegervaters war ihm nach Gyöngyös gefolgt. Nicht so freundlich als vom Rabbiner wurde ich von meinen Kollegen empfangen, die entsetzt waren, als ich auf ihre Frage, wie ich heiße, meinen Familiennamen nannte! Ich wußte mir ihre Indignation gar nicht zu erklären und fragte sie, was sie denn gegen meinen ehrlichen Namen einzuwenden hätten. „Wie heißen Sie denn?" fragte ich einen. „Schime Galande (aus Galantha)." „Und Sie?" „Chajem Potek (aus Saraspatak)." „Und Sie?" Mosche Jhel (aus Ujhely)." „Ah so?" Nun, ich bleibe „Schnitzer", war meine Antwort. Und was war die Folge? — Nach kurzer Zeit gab es kaum einen unter den fünfunddreißig Talmudjüngern, der nicht bestrebt war, seinen Familiennamen zur Geltung zu bringen. ') verzeiht mir. ') Gebet siir die Reise.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.