Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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Sette 260 Dr. Dlocb's Mlocbenscbrltt. Slr. 16 Untersuchungshaft, während die christlichen Plünderer, ja selbst die christlichen Mörder gegen Bürgschaft oder Kaution sich sämtlich auf sreiem Fuße befinden. Die Homeler Anklage verspricht in noch weit höherem Grade zu einem tendenziösen politischen Prozeß zu führen, als selbst die Kischenewer Prozesse. Aus den Ergebnissen der Voruntersuchung läßt sich schließen, daß den Homeler Juden der Versuch der Advokaten, den Kischenewer Behörden und der dortigen „Intelligenz" die Maske herunterzureißen, aufs Kerbholz gesetzt werden soll. Ferner sollen sie zur Verantwortung dafür gezogen werden, daß sie die Frechheit besessen haben, mit bewaffneter Hand ihr Leben zu verteidigen, wie auch dafür, daß die sozialdemokratische Bewegung unter den Arbeitern in Homel so große Ausdehnung gewonnen hat. Man kann sich leicht vorstellen, welches Urteil über die angeklagten Juden unter solchen Umständen von dem Gerichtshof gefällt werden dürfte." Die jüdischen Notabeln bei Herrn v. Plehwe. Ueber die von Herrn v. Plehwe nach Petersburg einberufenc jüdische Notabeln - Versammlung weiß die in Stuttgart erscheinende wohlunterrichtete „Oswoboschdenje" einige interessante Einzelheiten zu berichten. Anfangs Februar erhielt Baron Günzburg den Auftrag, 60 angesehene Juden nach Petersburg einzuberuseu, damit sie mit Herrn v. Plehwe sich über die Lage der Juden in Rußland aussprechen mögen. In einer Versammlung einigten sich die einberufenen Notabeln dahin, daß es „wünschenswert wäre, wenn 1) die Juden zu sämtlichen Bildungsanstalten des Reiches unbeschränkten Zutritt hätten. 2) Wenn das Gesetz über das Wohnrecht der Juden so gehandhabt wäre, daß die Frauen der privilegierten Juden nicht aus dem Innern Rußlands ausgewiesen werden, wenn deren Ehemänner zeitweilig auch nicht mit ihnen an demselben Wohnorte weilen. 3) Wenn die Zunftämter wieder hergestellt werden, damit eine Behörde da wäre, welche die Meisterbriefe ausstellt. Solche Meisterbriefe sind nämlich unerläßlich für den Fall, daß ein jüdischer Handwerker sich außerhalb des Ansiedlungsrayons niederlassen möchte. Da jetzt einerseits Niemand da ist, der berechtigt wäre, einen Meisterbrief auszustellen, andererseits jedoch jeder sich außerhalb des Rayons niederlaffende jüdische Handwerker von der Polizei unbedingt ausgewiesen wird, so hat die russische Regierung durch die Abschaffung des Zunftwesens gleichzeitig das Recht der jüdischen Handwerker, überall in Rußland wohnen zu dürfen, mit einem einzigen Federstrich vollkommen illusorisch gemacht. So bescheiden diese Wünsche auch waren, die jüdischen Vertreter sind nicht einmal dazu gekommen, dieselben auch nur zu. begründen. Die ihnen in Aussicht gestellte Aussprache fiel nämlich sehr einseitig aus, indem Herr v. Plehwe sich damit begnügte, den Vertretern des ruffischen Judentums eine einstündige Pauke zu halten und sie darauf ohneweiters gnädigst zu entlassen. Herr v. Plehwe begann mit der Beteuerung, daß weder der Zar noch er selbst die Juden als minderwertige Rasse ansehe. Im Gegenteil müssen die Juden zu den höher begabten Völkerschaften gezählt werden, und würden sie, falls ihnen der ungehinderte Zutritt zu sämtlichen Bildungsanstalten gewährt wird, sich auf ganz legalem Wege eine enorme Macht aneignen. Er, Herr v. Plehwe, darf es aber nicht zugeben, daß eine kleine Minderheit über die ungeheuere Mehrheit herrsche . . . Darauf ritt Herr v. Plehwe eine geraume Weile sein bekanntes Steckenpferd, indem er seinen stummen Zuhörern gegenüber die kindische Anklage wiederholte, die Juden lieferten ein enormes Kontingent an die russische revolutionäre Armee. Die Loyalität der anwesenden Herren sei ja über allem Zweifel erhaben. „Die Juden im Allgemeinen sind dagegen nicht nur wütende Revolutionäre, sie sind alle Mörder". Herr v. Plehwe mußte freilich zugeben, daß fast alle in den letzten Jahren verübte Attentate von Nichtjuden ausgingen, er behauptete jedoch, Beweise dafür zu besitzen, daß diese Attentate von Juden organisiert und geleitet wurden und daß die Christen nicht viel mehr als bloße Werkzeuge in den Händen der Juden waren. Natürlich hat sich Herr v. Plehwe gehütet, seine angeblichen Beweise vorzubringen. Herr v. Plehwe kam endlich auf die Stelle zu sprechen, an der er am meisten verwundbar ist, nämlich auf die Angriffe der Auslandspresse. Da die Macht seiner Zensoren einstweilen noch nicht bis London und New-Iork reicht, so sucht er sich an die seiner Willkür preisgegebenen hilflosen Juden zu halten". Ihr habt uns in der ausländischen Presse den Krieg erklärt", rief er, seinen unfteiwilligen Zuhörern drohend zu, „gut, wo Krieg ist, fallen auch Opfer!" . . . Die Regierung sei bereit, die ökonomische Lage der Juden nach Möglichkeit zu verbessern", an eine völlige Gleichstellung mit den anderen russischen Untertanen dürfen Sie aber niemals denken, denn" fügte der Urheber und Organisator der Kischenewer Greuel mit unschuldsvoller Miene hinzu: „man braucht heute den Juden nur die Gleichberechtigung zu gewähren, um morgen schon die Kischenewer Krawalle sich in ganz Rußland erneuern zu sehen". Zum Schluffe äußerte Herr v. Plehwe seine Freude darüber, das Vergnügen gehabt zu haben, sich mit den Herren unterhalten zu haben, und sprach die Hoffnung aus, sie nach einiger Zeit wieder bei sich zu sehen. Odessa. (Auswanderung.) Aus allen Gouvernements des Ansiedelungsrayons wird eine starke Zunahme der Auswanderungsziffer gemeldet. In Libau haben sich am 6. März 11 Familien mit 79 Seelen mit dem Dampfer „Penn" nach Argentinien eingeschifft. Aus den jüdischen Kolonien von Cherson und Bessarabien werden Mitte April 100 Familien, die zu Hause an Landknappheit litten, nach Südamerika auswandern. Davon gehen 20 Familien nach dxr neuen Kolonie der Jewish Colonisation Association in Brasilien, während der Rest nach Argentinien geht. Ferner bereiten sich 51 Familien aus der Umgebung von Kischenew zur Auswanderung nach Kalifornien vor, wo sie sich 200 Hektar Boden erworben und darauf eine Anzahlung von LI 26.000 gemacht haben. Aus Homel sind kurz nach dem Krawall 25 Familien nach Palästina ausgewandert. Davon haben 10 Familien als Taglöhner Unterkunft in der Kolonie Rochowoth gefunden, während der Rest in Sedschera in Galiläa im Taglohn beschäftigt wird. Schließlich wollen wir als Kuriosum noch die unverbürgte Nachricht wiedergeben. wonach 300 jüdische Familien aus Johannesburg in Südafrika nach Englisch-Ostafrika ausgewandert sind, um in Erwartung des kommenden Judenstaates sich in der Umgegend von Mombasah und Naiorobi als Ackerbauer niederzulassen. Der Boden kostet da nicht mehr als ll/a Shilling pro Akre und wird überdies dieser Preis auf längere Zeit gestundet. Vermischtes. V. ien. (Falsches Gerücht.) Ueber einen angesehenen Wiener Advokaten, den Sohn eines allgemein verehrten, um das jüdische Gemeinwesen hochverdienten Mannes, wird das Gerücht verbreitet, derselbe sei aus dem Judentum ausgetreten. Nach genauen Informationen sind wir in der Lage, auf das Bestimmteste zu erklären, daß dieses Gerücht jeder Grundlage entbehrt und nur von böswilliger Seite ausgesprengt worden ist. Wien. („O e st e rre i ch i s ch-Israelitische Union".) Infolge prinzipieller Meinungsverschiedenheiten mit den anderen Vorstandsmitgliedern der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" hat Herr Maximilian Paul-Schiff sich veranlaßt gesehen, das Präsidium des genannten Vereines niederzulegen und aus der Vereinsleitung auszutreten. Unternommene Versuche, ihn zur Zurücknahme der Demission zu bewegen, blieben erfolglos. LLi n. (C h e w r a-K a d i s ch a.) Die diesjährige Generalversammlung der Chewra-Kadischa findet Sonntag den 17. April 1904, 10 Uhr Vormittags, im Saale des „Hotel Post", I., Fleischmarkt, statt. Wien. Die aus Anlaß des S u l z e r - Zentenariums im Museum für jüdische Altertümer, II., Praterstraße 23, veranstaltete Reliquien-Ausstellung, welche das lebhafteste Interesse weiter Kreise erregte, wird Sonntag, den 17. d. M. geschloffen. Das Museum selbst bleibt' bis Mitte Mai wie bisher