Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. Vlocb's Mocbenscbrttt. Seite 25 9 doch die Bemühungen Einzelner als unzureichend. Man rief deshalb besondere Institute ins Leben, mit der Aufgabe, die Massenerscheinungen des wirtschaftlichen und kulturellen Lebens der Juden mittelst der statistischen Methode zu erforschen. So enstand 1902 der „Verein für jüdische Statistik" in Berlin, dessen Arbeiten in einem von Alfred Nossig herausgegebenen und von der wissenschaftlichen Statistik günstig aufgenommenen „Jahrbuch" vorliegen. In England wurde 1903 die „Society for Jewish Statistics" gegründet, die die bedeutendsten englischen Statistiker zu ihren Mitgliedern zählt. Von der Voraussetzung ausgehend, daß die erwähnte Aufgabe nur dann erschöpfend durchgeführt werden kann, wenn überall, wo Juden wohnen, sich ähnliche Gesellschaften organisieren, berief auch in München ein vorbereitender Ausschuß auf den 10. März eine Versammlung ein zur Konstituierung eines „Vereins für die Statistik der Juden". In der gut besuchten Versammlung legten zunächst die Herren Dr. Arthur Cohen und Dr. Gg. Halpern den Zweck des Vereines dar, der in § 1 der Statuten dahin formuliert ist, daß der Verein die Erforschung der Massenerscheinungen der Juden, zunächst in Bayern, durch wissenschaftliche Untersuchungen auf statistischer und deskriptiver Grundlage anstrebt. Doch sollen auch die Verhältnisse in den Nachbargebieten mit hereingezogen werden. Der als Gast anwesende Unterstaatssekretär Professor v. Mayr begrüßte die Gründung des Vereins, indem er hervorhob, daß die Ziffern der amtlichen Statistik erst durch eingehende Detailgliederung recht nutzbar gemacht werden können und sich zu dieser Arbeit statistischer Gesellschaften besonders eignen. Rabbiner Dr. Werner betonte, wie nützlich die Untersuchungen des Vereines der organisierten jüdischen Wohltätigkeit werden könnten, da erst durch sie eine gesunde Basis für eine planvolle Tätigkeit der betreffenden Institute geschaffen werde. In die aufliegenden Listen zeichneten sich 60 Herren ein, von denen etwa die Hälfte eine aktive Mitarbeit in Aussicht stellte. Der Vorstand besteht aus den Herren Dr. Arthur Cohen, I. Vorsitzender (Haydnstraße 5); Rechtsanwalt Dr. Holländer, H. Vorsitzender; Dr Halpern, I. Schriftführer (Friedrichstraße 1): Dr. Epstein, Arzt, II. Schriftführer; Banquier Krämer, Schatzmeister, ferner den Beisitzern Consul Ballin, Rechtsanwalt Dr. Blumenstein, Justizrat Ofner, Arzt Dr. Sielmann, Rechtspraktikant Dr. Elias Straus, Rabbiner Dr. Werner. Das Blutmärchen in Bulgarien. Im Donauhafen Lompalanca im nördlichen Bulgarien hat die Bevölkerung anläßlich der jüdischen Osterfeiertage versucht, antisemitische Exzesse zu veranstalten, lieber die Ursachen dieser Exzesse wird von bulgarischer Seite folgendes mitgeteilt: Vor etwa 8 Tagen kam ein 22jähriger christlicher Weinhändler aus Sofia über Einladung eines in Lompalanca etablierten jüdischen Weingroßhändlers in die Stadt, um Weine zu kosten. Da ihm die Weine entsprachen, so kehrte er mit Fässern zurück, um ein gewisses Quantum von dem Weine zu kaufen, und seit der Zeit blieb er verschwunden. Seine Leute verständigten schließlich die Polizei von dein Verschwinden ihres Herrn, und es wurden Nachforschungen eingeleitet und die Staatsanwaltschaft verständigt, ohne daß es indessen gelungen wäre, die Spur des Vermißten aufzufinden. Kurze Zeit nachher wurde der Leichnam des Kaufmanns aus der Donau herausgefischt. Die Antisemiten in Lompalanca benützten nun den Umstand, daß der Tod des Kaufmanns in die Zeit der jüdischen Ostern fiel, um das Gerücht zu verbreiten, daß der junge Mann von den .Juden zu rituellen Zwecken ermordet worden sei. Die lokale Polizei suchte die Leute zu beruhigen, indem sie nachwies, daß der Tod des Kaufmanns offenbar durch einen Unfall herbeigeführt worden sei, die Menge aber wollte nicht von der Ueberzeugung lassen, daß ein ritueller Mord vorliege, und diese Nachricht verbreitete sich auch in den Dörfern in der Umgebung von Lompalanca. Die Bauern aus diesen Dörfern kamen scharenweise in die Stadt, so daß die Behörden den Ausbruch von Gewalttätigkeiten befürchteten und von Widdin die Absendung von Truppen verlangten. Tatsächlich wurde auch von der Garnison Widdin sofort ein Regiment Infanterie nach Lompalanca abgeschickt, um die Ruhe aufrechtzuerhalten und die jüdische Bevölkerung zu schützen. Am nächsten Tage fand das Leichenbegängnis des jungen Kaufmanns stakt und die ganze christliche Bevölkerung der Stadt sowie zahlreiche Bauern aus der Umgebung gingen hinter den: Sarge her. Der Leichenzug sollte sich auch durch eine Straße bewegen, welche hauptsächlich von Juden bewohnt wird: die Behörden aber, welche Ausschreitungen befürchteten, verboten den Durchzug durch diese Straße. Die Menge setzte Widerstand entgegen und es kam zu einem heftigen Zusammenstöße zwischen den Truppen und der Bevölkerung. Ein Offizier wurde im Gesichte schwer verwundet, und das Pferd des die Truppen kommandierender! Obersten wurde von einer Kugel getroffen. Schließlich bog der Zug in eine andere Straße ein, und der Truppenkommandant quartierte die jüdische Bevölkerung in der Kaserne ein und ging ihr an die Hand, damit sie die Stadt mit den ersten eintreffenden Donaudampfern verlassen könne. Als in Widdin die Bevölkerung erfuhr, daß sich Juden in diese Stadt flüchten wollten, sammelte sich das Publikum in großer Menge am User der Donau an, um ihre Landung zu verhindern. Der österreichische Dampfer, der um 2 Uhr mit 10 jüdischen Familien eintraf, hielt im Hinblicke auf die erregte Stimmung der Bevölkerung nicht in Widdin an und setzte seine Fahrt bis nach Calafat fort, wo er diese Familien, im Ganzen etwa 40 Personen, ans Land brachte. Die Kultusgemeinde erleichterte die Einquartierung der Flüchtlinge und auf Intervention des türkischen Vizekonsuls gestatteten die lokalen Behörden den Flüchtigen, bis zum Abend zu bleiben, worauf sie ihre Fahrt die Donau stromabwärts fvrtsetzten. Wahrscheinlich werden sie sich, sobald sich die Gemüter etwas beruhigt, haben, in kleinen Gruppen in den bulgarischen Donaustädten niederlassen. Der Judenkrawallprozeß in Homel. Aus Petersburger juristischen Kreisen wird geschrieben: „Tie vor wenigen Tagen beendete Voruntersuchung in dem Prozeß über den Krawall in Honcel hat ein geradezu niederdrückendes Ergebnis zu Tage gefördert. Die Untersuchungsbehörde hat alles getan, um durch höhere Beeinflussung der Zeugen, nötigenfalls aber auch durch schamlose Anstiftung derselben zu lügenhaften Aussagen die wirklichen Vorgänge in Homel zu verdunkeln. Die Untersuchungsrichter haben sich augenscheinlich zur Aufgabe gestellt, den Homeler Krawall so darzustellen, wie er seinerzeit in dem berüchtigten Communiquv der Regierung geschildert wurde. Es muß zugegeben werden, daßihnen die Lösung dieser Ausgabe im hohen Grade gelungen ist. Die Schlägerei am Marktplatze vom 29. August wird in den Untersuchungsprotokvllen als ein von den Juden wohlorganisierter Angriff auf die christliche Bevölkerung dargestellt. Es fanden sich „vertrauenswürdige", falsche Zeugen, welche b> künden konnten, daß der Angriff der Juden von diesen schon lange vor dem 29. August gut vorbereitet war, daß er zum Ztveck hatte, den Christen den Krawall von Kischenew heimzuzahlen, und daß die Schlägerei auf dem Marktplatz nur die Einleitung und das Signal zum geplanten Angriffe war. Aus einer großen Reihe von geschickt unterschobenen falschen Aussagen abgerichteter Zeugen geht eine ungeheuerliche Anklage gegen die unglücklichen Juden von Homel hervor. In dem Material zur Voruntersuchung werden die Juden als die dreisten und frechen Feinde aller friedlichen Christen sowohl, wie der herrschenden staatlichen und gesellschaftlichen Ordnung geschildert. Als sachverständige Spezialisten für die Psychologie der Juden werden Soldaten und Gendarmen vorgeführt. Diese Sachkundigen führen zwar sehr wenig tatsächliches Material an, dafür wiederholt aber jeder Einzelne von ihnen alle die Beschuldigungen, welche in der bekannten Ansprache des Gouverneurs Klingenberg so beredt zum Ausdruck gelangt sind. Obgleich die Voruntersuchung schon abgeschlossen ist, schmachten 8 Juden (5 aus der Schlägerei am 29. August und 3 wegen der Vorgänge am 1. September) noch immer in der