Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 254 Dr. Blocb’s TKHocbenscbrrn. Nr. 16 Band mit diesen gewaltsam entzweizuschneiden und das in seinen Adern rollende jüdische Blut zu verleugnen. Er hat während seiner zwölfjährigen Amtstätigkeit jede Gelegenheit gemieden, ihnen sein Wohlwollen zu bezeugen und sich so eine dankbare Erinnerung bei ihnen zu sichern. Sie haben daher seinen Abgang nicht zu bedauern. Wenigstens wird jetzt der jüdische Name nicht so oft im Munde des Hähern und niederen Pöbels herumgetragen werden. Nciigion und Kultus bei den Ariern. Die „Arbeiter-Zeitung" meldet: Der Lueger-Kult in Wien wird immer närrischer. Daß man die Wiener Schulkinder mit dem Porträt unseres Herrn Bürgermeisters beteilte, daß man in allen Beratungssälen der Gemeinde und der Bezirke das Bild des schönen Karl aufhing, daß jede Schule mit Lueger's Bild geschmückt wurde, daß alle Wallfahrerinnen sich ein Medaillon, das seine Züge trägt, um den Hals hängen, daß Tausende von Ansichtskarten mit seinem schönen Bart in den Papiergeschäften ausgehängt werden, all das war noch zu wenig. Ein Maler Hans Zatzka hat einen letzten Schritt zur Verherrlichung Lueger's unternommen, er hat den Bürgermeister auf einem — Muttergottesbild gemalt, das für die neue Kirche des Versorgungshauses zu Lainz bestimmt ist. Der Anfertiger dieses Bildes (Künstler will man in solchem Falle nicht sagen) ist ein Bruder des so vielgenannten Stadtrates Ludwig Zatzka, von dessen Baugeschäften Herr Gregorig so viel Erbauliches zu erzählen wußte. Herr Zatzka hat in der Mitte seines dreiteiligen Bildes die Muttergottes mit dem Jesukind auf einen Thronsessel hingesetzt. Ihr zu Füßen steht der heilige Karl Borromäus und rechts kniet — Sankt Lueger im Hermelinpelz, mit der goldenen Ehrenkette Wiens geschmückt. Die Aehnlichkeit soll ziemlich deutlich sein, das kühne Altarbild nächste Woche zur allgemeinen Besichtigung ausgestellt werden. . . Wahrhaft fromme Menschen müssen dies Kirchcngemälde geradezu als gotteslästerlich empfinden. Wenn heute der schöne Karl neben Maria auf einem Altarbilde die Betenden erbauen soll, so tvird es uns nicht mehr wundern, wenn Herr Zatzka morgen ein Muttergottesbild, das die Züge der Frau Ruzicka trägt, malen wird. Vielleicht findet diese Art Kirchenkunst in Wien Anhang und irgend ein Stadtratssohn oder Bruder beschert uns demnächst ein „Abendmahl" nach Lionardo da Vinci. Alle Apostel mit stadtbekannten Köpfen. Geßmann, Bielohlawek, Strobach als Jünger des Herrn von Wien. Nur ein tückischer Verräter darunter, der Judas Gregorig. Als Hintergrund muß der Maler das Ratsherrnstüberl im Rathauskeller verwenden. Herr Wolsgang Madjera, der Magistratsdichtcr mag dann den neuen Lionardo in schwungvollen Stanzen bewundern und Herr Geßmann junior, der Sohn und Dichter, soll aus Luegers Lebenslauf ein biblisches Erlöserdrama schnitzen. . . In ganz Europa aber wird man die Neublüte christlicher Kunst in Oesterreich erst mit großen ungläubigen Augen ausehen und dann in ein heidnisch homerisches Gelächter ausbrechen. _ Die Agitation in Kischenew. Zur Naturgeschichte der Blutlüge. C z c r n o w i tz. Der „Czernowitzer Allg. Ztg." wird aus Kischenew berichtet, daß dort unter der christlichen Bevölkerung infolge vielfacher Agitation große Erregung herrsche. Der Ausbruch neuer Unruhen wird jeden Tag befürchtet. Mit welchen Mitteln gearbeitet wird, lehrt folgender Vorfall, der sich am Vorabend der jüdischen Osterfeiertage abspielte. Ein christlicher Knabe war in einen Sack eingcnäht und in den Keller eines Hauses geworfen worden, das einen Juden gehörte, vermutlich in der Absicht, den Knaben am Osterabend selbst dort zu entdecken. Der Eigentümer des Hauses kam jedoch am Abend in den Keller und erblickte den Sack, indem sich etwas regte. Er machte, erschreckt, die Anzeige bei der Polizei und der Polizeimeister begab sich selbst an Ort und Stelle. Der Knabe wurde befreit und gab die Namen der Männer an, die ihn in den Sack genäht hatten. Dieselben wurden verhaftet und die Untersuchung wurde eingeleitet. Die polnische Nationalliga und der russisch-japanische Krieg. Die polnische Nationalliga hat soeben an das polnische Volk folgenden Aufruf erlassen. „Landsleute! Einer der ältesten Feinde der Polen — Rußland — habe im fernen Osten einen gefährlichen Gegner gefunden. Durch habgierige Ausdehnung seiner Besitzungen habe Rußland den Krieg hervorgerufen. Die ersten Niederlagen bedeuteten die Ankündigung weiterer Niederlagen. Das polnische Volk empfange die Nachrichten über die Niederlagen Rußlands mit Freuden, weil es mit dem politischen Instinkte und dem Herzen sich bei dem Feinde befinde. Die Phrase von dem Kampfe der weißen gegen die gelbe Rasse berühre die Polen gar nicht. Man wisse ja, was das tüchtige, arbeitsame japanische Volk für die Kultur in Asien getan habe; man wisse aber auch, wie Rußland bestrebt sei, die Kultur in Europa zu vernichten. Japan kämpfe nicht mit Vertretern europäischer Kultur, sondern lediglich mit der staatlichen asiatischen Horde, mit wilden Zerstörern, die in Polen seit langem über die Jahrhunderte alte Kultur rücksichtslos schritten und die heute in Finnland die Arbeit vieler Geschlechter zu vernichten suchten. Obwohl auf russischer Seite zahlreiche Polen zwangsweise mitkämpften und obschon den Polen infolge des Krieges große ökonomische Verluste zugefügt würden, so antworteten dennoch die Herzen der Polen auf jede für Rußland ungünstige Nachricht mit einem freudigen Schlage, weil jede dieser Niederlagen gleichbedeutend sei mit einem wuchtigen Schlage, der gegen die stattliche Maschinerie gerichtet sei, die das polnische Land verwüste und die Kräfte des polnischen Volkes und seine Kultur töte. Obwohl die Polen sehr gut wüßten, daß sie nicht nur den einen Feind hätten, daß nicht nur von russischer Seite das Polentum bedrängt werde, seien sie sich ebenso gut dessen bewußt, daß die Machtlosigkeit des hauptsächlichsten Teiles des Volkes die Polen unfähig mache zum Kampfe mit den übrigen Feinden. In den russischen Niederlagen begrüße das Polentum die Verkünder einer besseren Zukunft. Der gegenwärtige Krieg kündige zwar eine Aenderung in der Karte Europas nicht an, aber er eröffne eine Epoche weiterer Kämpfe im Osten, in denen Rußland geschwächt werde. Ein nüchternes Urteil lasse von diesem Kriege eine Aenderung der Grenzen Rußlands nicht erhoffen, und deshalb dürften/ die Polen als aktive Verbündete der Feinde Rußlands nicht aüftreten." Dir Kant'sche Philosophie und das lnblischtalmtidischr Klorolprinsip. In Nr. 7 a. c. dieses geschätzten Blattes entwirft Herr Dr. S. Rubin in knappen Zügen ein klares, anschauliches Bild von der Kanl'schen Philosophie in ihren Hauptmomenten. Während er aber die erkenntnistbeoretischen Partien derselben mit der biblischckalmudischcn Metaphysik übereinstimmen läßt, findet er einen Widerspruch zwischen der Autonomie des Sittengesetzes, dem kategorischen Imperativ im Sinne Kam's und der biblisch-talmudischen Ethik; und in dieser Beziehung nimmt Herr Dr. Rubin auch gegen den Standpunkt des Professors Lazarus s. A. Stellung, welcher die beiden letztgenannten Anschauungen identifiziert. Herr Dr. Rubin schreibt in dieser Hinsicht: „Nach Kant ist ja die praktische Vernunft eine kleine Despotin, die sie volo, sic jubeo sagt, und dieses Prinzip auf die biblische Ethik übertragen, macht Gott zum Despoten, was nach biblischer Auffassung unstatthaft ist." Wir glauben nun, Herr Dr. Rubin ist von deniselben Irrtum befangen, in welchem sich auch Eduard v. H a r t m a n n hinsichtlich dieses Theorems befindet. In seinem Buche: Selbstzersetzung des Christentums" S. 2v weicht E. v. Hartman» genau vom Standpunkte des Rubin'schen Argumentes, einen „christlichen Gott", ab. Eine strikte, blinde Unterwerfung unter den allmächtigen Willen dieses transzendenten Gottes, meint Ed. v. Hartmann daselbst, die gehorsame Ausführung eines fremden Willens lasse alle Moralität heteronom erscheinen u. s. w. H a r t m a n n verwechselt hier augenscheinlich Wirkung mit Ursache. Und mit Recht widerlegt Lazarus dessen besagtes Argument mit der geistvollen Wendung: „Nicht weil das Prinzip in Gott ist, deshalb ist es das Moralprinzip, sondern weil es das Moralprinzip ist, auch an sich und ganz absolut ist, deshalb ist es notwendig in Gott." (Lazarus: Die Ethik des Judentums, S. 101.) Das Gleiche kann man auch der Rubin'schen Schlußfolgerung entgcgenbalten: Nicht weil Gott dem sittlichen Subjekte sie volo, sic jubeo zuruft, deshalb ist das Moralgesetz autonom, sondern weil es vielmehr autonom ist, deshalb vernimmt dasselbe jenes sie volo, sic jubeo in seinem Innern. Nein, der theistische Gedanke widerspricht nicht dem Purismus des Moralprinzips; er ist vielmehr die unmittelbare Ursache desselben. Es würde unsere naturgemäße Anschauung von der Autonomie des moralischen Willens, für dessen „Würde" Lazarus mit vollem Recht die Gottesidee reklamiert, von Grund aus zerstören, wollten wir auf ethischem Gebiete von derselben willkürlich abstrahieren. Es wäre eine Welt ohne Sonne, ein nächtliches Grauen ohne leuchtenden Stern. Der kategorische Imperativ ist jener erhabene Begriff des