Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 16 Dr. LLocb's Mocbenscbritt Seite 253 den gesunden Menschenverstand auf seiner Seite. Wenn nur der Schwemminger kam', daß man aus diesem Dilemma herausfände! Einen Riß hat es der Partei jedenfalls gegeben. Sehen wir ruhig zu, ob und wie er verkleistert werden wird. Whig. Zur Tragikomödie des Erzbischofs Dr. Theodor Kohn. Während zwischen Deutschen und Czechen wegen der Wiederbesetzung des fürsterzbischöflichen Stuhles in Olmütz ein heftiger Kampf entbrannte, bringen die Blätter immer neue Beiträge zur Geschichte der abgelaufenen Tragikomödie Kohn. Der k. k. Kustos W. Müller in Olmütz schreibt in einem größeren Artikel der „Montagsrevue": „Ich kenne Dr. Theodor Kohn als Zeremoniär des Kardinals Fürstenberg, als Professor des Kirchenrechtes, als Konsistorialkanzler und als Fürsterzbischof, also seit langer Zeit und kann wohl sagen, daß in de» ersten Achtziger-Jahren kaum ein liebenswürdigerer Gast in meiner Bibliothek verkehrte, als der junge erzbischöfliche Zeremoniär, der damals auch umfassende schriftstellerische Tätigkeit entfaltete und in deutschen und böhmischen Zeitschriften Artikel über kirchenrechtliche Themata veröffentlichte. Aeußerst bescheiden in seiner Lebensführung, gönnte er sich kaum ein Vergnügen und lebte ausschließlich seiner beruflichen Tätigkeit und seinen wissenschaftlichen Arbeiten. Seine einzige Erholung waren in späten Sommerstunden einsame Spaziergänge in den Anlagen rings um die Stadt, bei denen ihm öfter der damalige Redakteur der „Neuen Zeit" in Olmütz, Oskar Meister, Gesellschaft leistete. Waren die beiden Naturfreunde besonders übermütig gelaunt, so genossen sie zusammen als Abendtrunk in der heute noch bestehenden Jakobcrmühle ein Glas Milch. Wie der bescheidene Priester sich immer mehr das Vertrauen des Kardinals Fürstenberg errang, wie er vom einfachen Zercmonirr verhältnismäßig rasch zum Professor des Kirchenrcchtcs. zum Konsistorialkanzler und zum Domherrn emporstieg, weis; alle Welt. Anfangs beachtete man die rasche Karriere des liebenswürdigen Menschen nicht im mindesten. Erst als Dr. Kohn Kanzler geworden war, erregte er die Aufmerksamkeit weiterer Kreise, und zwar zunächst der Seelsorge geistlichkeit, welche die feste Hand des neuen Mannes ziemlich unliebsam zu spüren bekam. Nnnachsichtlich von jedim volle Pflichterfüllung verlangend, wie er sie selbst in allen seinen Stellungen übte, wurde er in den Kreisen der Landgeistlichkeit bald ein gefürchstter Mann. Eine halbe Stunde nach vollzogener Erzbischofswahl, am 3. November 1892, begegnete ich ans dem Olmützer Oberringe in Gesellschaft eines befreundeten Katecheten einen Kooperator vom Lande. „Wissen Sie schon, wer gewählt ist?" — rief ntetii Begleiter dem jungen Geistlichen zu. „Nein", war die Antwort. „.Der Kanzler ist Erzbischof", sagte mein Begleiter. Da fuhr sich der Geistliche durch die Haare und nieinte: „Nun, da kann ich mich auch gleich erschießen." Das Vorstehende, dessen Wahrheit ich verbürge, kennzeichnet die Stimmung der niederen Geistlichkeit am Wahltage des Erzbischofs. Die ersten Schritte des Erzbischofs auf dem ungewohnten Parkett des Olmützer Palais waren nicht gerade ungeschickt. Dr. Kohn versuchte gute Beziehungen zur Stadtgemeinde herznstellen, Freunde auch in mährischen Adelskreisen zu gewinnen und verzichtete zunächst auf äußeren Glanz. Dr. Kohn war plötzlich ein anderer geworden. Tatsache ist, daß ihn ein junger Mensch eines Tages beschimpfte, indem er ihn als Juden verhöhnte. Seit dieser Zeit zeigte sich Doktor Kohn nur mehr in seinem Wagen der Ocffentlichkeit und benützte denselben sogar, wenn er sich von seinem Palais ins Konsistorialgebände begab, das von dem Palais nur durch die Breite der Domgaffe getrennt ist. Die Beziehungen zur Stadtgemeinde wurden bald kälter. „Nun weht in Olmütz reine Luft", meinte dieser Tage ein hervorragender Priester in Bezug auf die Nachricht von der Resignation des Erzbischofs, und dieser Priester speziell hatte nicht die mindeste Ursache, seinem Oberhirten zu grollen." * * * Ueber die Beziehungen des Fürsterzbischofs Dr. Kohn zum Judentum wird der „Allgemeinen Zeitung des Judentums" aus Mähren geschrieben: Obwohl die Juden zum Olmützer Bistum, ohne dessen Zustimmung bis zum Jahre 1848 keine Synagoge in Mähren erbaut werden durfte, seit 50 Jahren gar keine Beziehungen pflegten, ließen sie dennoch aus ererbter Pietät und Dankbarkeit kein Jubiläum des jeweiligen Erzbischofs vorübergehen, ohne ihm ihre Ehrerbietung und Hochachtung auszudrücken. Der Vorgänger des Fürsterzbischofs Dr. Theodor Kohn, Kardinal Fürstenberg, zeigte sich erkenntlich für jede ihm erwiesene Aufmerksamkeit, die er in der höflichsten Form erwiderte. Hingegen verhielt sich Dr. Kohn schroff und ablehnend gegen jede Zuvorkommenheit der Juden. Offenbar wollte er dadurch seine Gleichgiltigkeit gegen das jüdische Volk manifestieren, von dem sich sein Großvater aus Rache gegen seine Glaubensgenossen losgesagt hatte. Als Zweitgeborener durste dieser nämlich keine Ehe eingehen; er heiratete aber ohne „Familie" (Bewilligung), was sein ihm feindlich gesinnter Nachbar infolge eines Zwistes der Behörde anzeigte. Beim Einzuge des Dr. Kohn in die zweite Residenz Kremsier begrüßte ihn der Sprecher der jüdischen Deputation mit dem Hinweise auf den in diesem Schlosse im Jahre 1848 versammelten Reichsrat, der die Gleichberechtigung der Israeliten beschlossen hat, und äußerte den Wunsch, daß auch ferner aus diesen Hallen durch den Mund des ersten Priesters der Diözese das erlösende und verbrüdernde Wort der Duldung in die wahnbetörte Menge dringen möge. Dr. Kohn versprach, auf die Geistlichkeit in dem Sinne zu wirken, daß der konfessionelle Friede stets erhalten bleibe. Man weiß es nicht, ob er sein Versprechen eingelöst hat. Genug, daß unter dem Einflüsse des Klerus die Wogen des Antisemitismus nicht lange nachher über die Juden Holleschaus sich ergossen haben. Von seinen Werken der Humanität waren die jüdischen Armen stets ausgeschlossen. Ein Ansuchen des jüdischen Frauenvereines um Unterstützung blieb unbeantwortet. An dem von ihm gegründeten Stipendium für Gymnasiasten sollten die Juden keinen Anteil haben. Mit Berufung aus seine in der „Deutschen Zeitung" veröffentlichten, an der theologischen Fakultät in Olmütz gehaltenen Vorlesungen, laut welchen der alte Konzilbeschluß, keinen Verkehr mit Juden zu pflegen, noch Geltung hätte, brachen selbst liberale Professoren ihre Besuche in jüdischen Häusern ab, um nicht den Umvillen des Oberhirten zu erregen. Sicher brachte die Stammverwandtschaft mit diesem hohen kirchlichen Würdenträger dem Judentum nicht nur keinen materiellen Vorteil oder idealen Gewinn, sondern lud noch auf dasselbe den Haß und Spott der Bevölkerung. Seine Knauserei, Rechthaberei und Prozeßsucht, welche mehr aus die bäuerliche Herkunft, seine vielgerühmte Kenntnis des Kirchenrechtes, die schlechten Ratgeber und Verteidiger, zurückzusühren sind, wurden seiner jüdischen Abstammung zur Last gelegt und das Judentum für alle seine Mißgriffe verantwortlich gemacht. Als er den Schloßpark eine Zeit lang absperren ließ, um sich dem Publikum als den eigentlichen Besitzer desselben zu zeigen, wurden von allen Seiten Beschimpfungen auf den „arroganten Juden, den jüdischen Parvenue und Eindringling" vernommen. Ja, es fehlte nicht viel und das über die unschuldige Verhaftung eines Geistlichen erbitterte Volk wäre, nachdem es die Fenster des Schlosses zerschlagen hatte, auch über die I u d e n g a s s e hergesallen. Aber nicht nur das Volk, auch die höheren Stünde hatten gleich den Bortvurs „Pharisäer, Jehovapriester" bei der Hand. Immer war der „Jude" Kohn der Prügelknabe. Aeußerte sich doch der erste politische Beamte unserer Stadt anläßlich der Rektus-Affaire: „In Dr. Kohn wütet der alttestamentliche Rachegott." Und wenn auch dieser, kurz nachher, als der Fürstbischof von der Einweihung der Realschule mit großem Pomp unter Musik nach Hause begleitet wurde, an der Spitze der Bürger, welche vor dem Schloßtor Spalier bildeten und knieend den fürstlichen Segen empfingen, ehrfurchtsvoll dem Dr. Kohn seine Huldigung darbrachte, erblickte er dennoch in ihm den Inden und freute sich im Herzen über den ihm bevorstehenden Sturz. Dieses Vorurteil gegen die Juden begleitete Dr. Kohn bis nach Rom. Bedenkt man, daß ganz andere Fehler den Kardinal Fürstenberg beim Erklimmen der Stufenleiter der Hierarchie nicht gehemmt haben, dann ist die Annahme berechtigt, daß Kohn als Judenstämmling auch geringe Vergehen hoch angerechnet wurden. Er teilte das Geschick der Glaubensbrüder seiner Ahnen, deren Fehler mit anderem Maßstabe gemessen werden. Weder Purpur noch Thron schützten ihn gegen den Judenhaß, verhüllten seinen Mischen Ursprung. Ohne es zu wollen, war er ein jüdischer Märtyrer. Als solcher hätte er die Achtung der Juden verdient, hätte er nicht alles ausgeboten, um jedes