Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 16 (15.4.1904)
- Date
- 1904-04-15
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 252 Dr. JBiocb’s MocvenscbrM. Nr. 16 Das Muskeljudentum nun stand in der abgelaufenen Woche auf der Tagesordnung in Berlin sowohl als in Wien. Es hat sich dabei um wichtige, insbesonders für die Antisemiten wichtige Dinge gehandelt und dennoch haben sich dieses Mal unsere antisemitischen Blätter nicht mit dem sonst an ihnen gewohnten Elan iu's Geschirr gelegt. Sie hatten auch einigen Grund zur Zurückhaltung. Denn in Fachfragen sind Tatsachen entscheidend und sie bilden Argumente, gegen welche nur mit ödem Gewäsch nicht auszukommen ist. Wenn ein antisemitischer Kunstkritiker über ein Theaterpublikum herfällt, es als ein jüdisches stigmatisiert und infolge dessen beschimpft und sogar die „krummen Füße" unter den Bänken sieht, wo doch Hans Arnold Schwer und Bcrgani so zaubergcwaltige Erscheinungen und erhebende Muster edler, männlicher Kraft und Schönheit sind, so muß man sie eben kläffen lassen, weil der Tatbestand zu einer Diskussion nicht gegeben ist. Er ist nicht in der Lage, einen Beweis zu erbringen und ihm kann kein Gegenbeweis vorgchalten werden. Wenn aber einmal positive Leistungen aufs Tapet gebracht werden, dann ist mit Beschimpfungen allein nicht mehr durchzukommcn und dann zieht man sich lieber in mimosenhafter Schamhaftigkeit zurück. In Berlin haben sie wieder einmal auf dem dort abgehaltenen deutschen Turnertag über den famosen „Aricrparagraph" gestritten. Die Anregung dazu ward natürlich von österreichischer Seite geboten. In Deutschland sind derartige Albernheiten im Großen und Ganzen doch schon überwunden. In Oesterreich ist man nicht nur päpstlicher als der Papst, römischer als Rom, man ist auch teutonischer als die Teutonen. Es geht also gegen die alldeutsche Ehre der österreichischen Teutonen, mit Juden in einem Verbände zu sitzen. Aus diesem Hochgefühl heraus wird dann regelmäßig der Antrag gestellt: „Schmeißen wir die Juden hinaus!" Da ist nun der Boden, auf dem einmal auch über die von den Antisemiten mit besonderer Vorliebe und gesättigtem Selbstbewußtsein immer wieder hervorgehobene und betonte körperliche Minderwertigkeit der Juden verhandelt werden kann, aber merkwürdig — hier auf dem Boden der Tatsachen und der positiven Leistungen verstummen die antisemitischen Organe ganz säuberlich. Die mißachtete, verfolgte, verleumdete Rasse beweist einfach durch Tatsachen, daß sic ihren Feinden und Verfolgern auch in Hinsicht ans körperliche Kraft, Geschicklichkeit und Ausdauer zum mindesten ebenbürtig, wenn nicht überlegen ist. Man sehe sich die Siegerlisten der österreichischen Turnerschaft durch, und man wird finden, daß der jüdische Perzentsatz darunter ein außerordentlich hoher ist. (Daraus ergeben sich zwei wunderschöne Vorwürfe: 1. Die Juden sind immer für einen hohen Perzentsatz. 2. Die Juden drängen sich überall vor.) Ein arischer Bildhauer hat als Siegcspreis eine jugendliche Athletenfigur zu modellieren. Er sucht ein möglichst vollendetes Modell und bittet schließlich den bekannten Turner Rosenseld um die Ehre — einen Juden. Ausnahmen beweisen nichts! Auf den Einwand war ich gefaßt. Wir können ja die Probe machen auf allen Gebieten körperlicher Betätigung. Die Ehre der österreichischen Schwimmerschaft bilden Juden seit einem Jahrzehnt schon. U.nd sie haben ihre Triumphe nicht nur in Wien geholt, sie haben auch internationale Ehren errungen, in England und in Amerika, wo alle Sportzweige in voller Blüte stehen. Otto Wahle, der für lange Strecken durch Jahre hindurch eine Klasse für sich bildete, ist ein Jude; Ruberl, der als „Flieger" auf dem Kontinent keinen Rivalen hat — ein Jude. Er weilt jetzt wie Wahle in Amerika und setzt dort seinen Siegeszug fort; er gewinnt eine Meisterschaft um die andere. Alle Sportblätter der Welt verkünden seinen Ruhm. Ein Jude ist der Schwimmer O r l i k, der, als er zum Militär einrückte, sofort als Lehrer an der Militär-Schwimmschule designiert wurde. Der Jude Neuhut hält den Rekord im Dauertauchen. Als vor einigen Jahren noch der Radfahrsport in Blüte stand, da war der Jude Maxime L u r i o n der Träger der Meisterschaft des deutschen Sprachgebietes und der Meisterschaft von Europa. Er gewann den Ehrenpreis der Stadt Wien und schlug dabei Breitling, den Besieger des phänomenalen August Lehr. Zu den athletischen Wettkämpfen, den olympischen Spielen in Athen wurden zwei junge Leute entsendet. Sie kehrten als Olympiasieger heim, es waren die Juden N e u m a n n und H e r s ch m a n n. Der einzige, der gegen den gigantischen Weltmeisterstemmer Wilhelm Türk in der einarmigen Arbeit mit dem Schwergewicht aufkommen konnte, war der Jude Michael Mayer. Und so geht das fort auf allen Gebieten. Unter den besten Fechtern, den besten Schnell- und Dauerläufern, unter den tüchtigsten Leuten auf dem Eise und auf dem Wasser, überall wird nian den hohen jüdischen Perzentsatz finden. Dabei wird aber von den Recken Schwer und Vergani die Legende von der physischen Inferiorität der semitischen Rasse noch immer aufrechterhalten und geist- und geschmackvoll darüber gewitzelt. Das ist immer sehr dankbar, insolange man sich nicht auf das Gebiet der Tatsachen und der positiven Leistung begibt. Und doch haben die Herren recht, sehr recht! Es gibt auch ein ungeheueres physisches Elend unter der Judcnschaft, vielleicht ein größeres, als unter irgend einem anderen Volke. Es ist das Elend der Armut, der Entbehrung, der tausendjährigen Verfolgung, nicht das der Rasse. Seitdem es Weltgeschichte gibt, ist noch nie ein Volksstamm so gepeinigt, so bedrückt und in Rechtlosigkeit gehalten worden, wie der jüdische. So entsetzlich arm und gequält wie die ungeheure Mehrheit der Juden, ist kein Volk auf der Welt. Und wenn sie dann in Armut verkümmern, wenn die bitterste Not sie entnervt, dann kommen die antisemitischen Wortführer vom Schlage der Schwer und Konsorten, meist selbst physische Jammerbilder, und witzeln mit Behagen über die physische Unzulänglichkeit der Juden! Mit demselben Rechte könnte das Elend in den bedrücktesten Weberbezirken verhöhnt werden. Gebt erst der getretenen Rasse Lust, daß sie aufatmen kann, laßt einmal erst sie in einem Strahl des Glückes sich sonnen, dann wird es sich ja weisen, was es auf sich hat mit der Legende von der physischen Schwäche! Eine sinnige Ironie des Zufalls hat es gefügt, daß ein christlich-sozialer Landtagsabgeordneter, daß Viktor S i l b e r e r in die Zwangslage versetzt worden ist — sich der Juden anzunehmen! Der Kanipf war derselbe, wie in Berlin, nur kamen hier statt der Turner die Ruderer zum Wort. Silberer als Vorsitzender des X. österreichischen Rudertages geriet dabei in eine Zwickmühle. Auch hier ward der Ruf erhoben: „Juden 'raus!" Der erste, der ihn erhob, er wollte außer den Juden auch die Czechen hinausgewiesen haben, war ein Herr Graf. (Ad vocem Graf. Dieser Herr Graf, Vertreter des Ruder-Klubs „Ellida", war bisher, wenigstens sportlich gerechnet, eine unbekannte Größe. Sonst hat der Name Graf einen guten Klang in der Sportwelt. Drei Brüder dieses Namens haben sich mancherlei Verdienste um den Sport in Wien erworben, und sie sind zum Teil noch in hervorragenden und verantwortlichen sportlichen Stellungen tätig, aber das sind Juden.) Nun ist Silberer nicht nur christlich-sozialer Landtagsabgeordneter, er ist auch eine anerkannte sportliche Autorität, und er kann den Ast nicht absägen, auf dem er sitzt, und den Boden nicht unterwühlen lassen, in dem sein sachliches Ansehen wurzelt, er kann also nicht, nur um Herrn Schwer und Bielohlawek zu Gefallen zu sein, sich als Fachmann übertölpeln und jeden Blödsinn passieren zu lassen. Er mußte also wohl oder übel die teutonischen Stürmer abblitzen lassen. Er nahm sowohl die Juden wie die Czechen in seinen besonderen Schutz. Die Czechen wird ihm seine Partei vielleicht noch verzeihen, schon um des wohltuenden Tortes willen, den er damit den tief gehaßten Alldeutschen zugefügt hat — aber die Juden?! Bruderherz, das geht nicht. Man darf gespannt sein darauf, wie sich die Dinge entwickeln werden. Was wird die Partei dazu sagen? Vorläufig ist man froh, daß man ihn glücklich von den demokratischen Gestaden Kronawetter's zu den blumigen Gefilden Bielohlawek'scher Geistesblüten herübergelotst hat, und man bindet mit ihm ja nicht gern an. Denn der Mann hat eine gewisse unangenehme Schlagfertigkeit der Polemik und steht doch über dem bewährten Troß der Barriörestöcke. Soll man also gar nicht mucksen und die Sache nicht als geschehen betrachten? Das wäre doch zu bitter. Andererseits hat er das gute Recht und