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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-08 · 15 (8.4.1904) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 242 Dr. Dlocd's Wocvenscbrttl. Mr. 15 Elend in einem jüdischen Städtchen. Die deutsche „Petersburger Zeitung" entnimmt einer Korrespondenz der „Kiewsk. Otkliki" aus Belaja Zerkow im Kiewschen Gouvernement Folgendes: Infolge seiner geographischen Lage hat unser Städtchen in den letzten Jahren einen hervorragenden Platz im jüdischen Ansicdlungsrayon eingenommen. Die bedauerlichen Vorgänge in den Achtziger-Jahren, die eine kontinuierliche Aussiedelung der Juden aus den Dörfern mit sich brachten, bewirkten es, daß Belaja Zerkow das Zentrum wurde, wohin sich aus den Dörfern ein Strom obdachloser und abgerissener blutarmer Juden ergoß. Trotzdem das Städtchen einige hundert steinerne Häuser, zahlreiche glänzende Läden und große, wohlgepflcgte Straßen besitzt, empfängt der Besucher den Eindruck, daß der Ort von Bettlern bewohnt sei. Und tatsächlich sind auch die meisten Bewohner bettelarm; die Aerztc und Wohltätigkeitsanstalten konstatieren einmütig, daß mit jedem Jahre die Zahl derjenigen größer wird, die sich durch die bitterste Not gezwungen sehen, an die Wohltätigkeit zu appellieren. Da die meisten Bewohner des Ortes Juden und dabei Handwerker sind, so ist die Konkurrenz mangels eines zahlkräftigen Publikums außerordentlich groß, Man gehe einmal durch die abgelegenen Gäßchen des Ortes: zu beiden Seiten dieser Gäßchen stehen Hütten, so klein, elend, schmutzig und zerfallen, daß man an ihrer Bewohnbarkeit zweifeln muß. Und doch wird jeder Winkel dieser engen, stickigen, niedrigen und finsteren Räume von Menschen bewohnt. Diese stets hungernden, mit einander den Kampf ums Dasein führenden Menschen sind fast alle Handwerker. Es gibt fast kein Fenster — wenn die kleinen Luftlöcher diese Bezeichnung verdienen — in dem nicht ein Zettel hinge, auf dem ein Flickschneider, ein Klempner oder ein Galoschenflicker seine Dienste anbietet. Verirrt sich einmal ein Zahlungsfähiger in diese elenden Gäßchen, so macht er von den angebotenen Diensten keinen Gebrauch, sondern hält sich an die großen Magazine; die armen Juden aber, die so gern arbeiten möchten, hungern. Doch die Leiden und Entbehrungen der Juden in Belaja Zerkow sind so alltägliche Erscheinungen, daß man sich an sie gewöhnt hat und ihnen keine weitere Beachtung schenkt. Odessa (Die Zustände in Odessa.) Ueber die beunruhigenden Zustände, die sich in Odessa herausgebildet haben und den Ausbruch von Exzessen gegen die Juden zu Ostern befürchten lassen, erhalten wir aus Odessa folgende Mitteilungen: Die intelligente Einwohnerschaft von Odessa, insbesondere aber die jüdische Bevölkerung, ist von lebhaften Besorgnissen erfüllt. Die Befürchtungen, daß es während des Osterfestes zu Exzessen gegen die Juden kommen könne, entspringen nicht schreckhafter Phantasie oder unmotivierter Angst, sie finden ihre Begründung in mannigfachen charakteristischen Vorarbeiten. Seit einer Woche werden in Odessa Proklamationen verbreitet, in denen die Bevölkerung zum gewaltsamen Angriff gegen die Juden aufgerufen wird. Die Juden werden darin der Sympathien mit den Japanern verdächtigt. Vor einigen Tagen war der durch die Ereignisse in Kischenew zu trauriger Berühmtheit gelangte Redakteur des „Znamja", Kruschewan, hier und konferierte mit seinen Freunden. Kruschewan hat seine neuerliche Ankunft für die Charwoche angekündigt. Seine Zeitung „Znamja" wird hier zu herabgesetztem Preise verkauft und in den niederen Volksschichten auch unentgeltlich verteilt. In der Volksbuchhandlung Ssistunow werden allen Büchern und Bestellungen Exemplare des „Znamja" beigelegt. Man sieht Polizisten auf ihren Standplätzen und die Hausbesorger in der Toreinfahrt in die Lektüre des „Znamja" vertieft. Sein bekannter Ruf „Schlagt die Juden tot!" dringt in alle Kreise. Redakteure freisinniger Zeitungen erhalten anonyme Zuschriften, in denen mit einer baldigen Abrechnung des russischen Volkes mit den Juden und ihren Beschützern gedroht wird. Natürlich enthalten die Petersburger Zeitungen kein Wort über diese Vorgänge. Der Stadtgouverneur von Odessa Nenthardt ist in Kenntnis gesetzt von der Existenz und der Verbreitung dieser Proklamationen. Eine mordbrennerische Proklamation wird in Zehntausenden von Exemplaren verteilt, ein direkter Aufruf zu Mord und Raub. Die Sprache dieser Hetzmanifestation ist so charakteristisch, daß ich sie im Wortlaut zitiere. 'In der rechten und linken Ecke des Aufrufs ist das russische Doppelkreuz gezeichnet, dann folgt nachstehender Text: „Rechtgläubige! Wir stehen am Eingänge des Osterfestes. Im vorigen Jahre haben unsere Brüder eine gründliche Abrechnung gehalten mit den Mördern unseres Gottes, den Juden. Brüder, es war eine glorreiche Zeit! Das russische Volk hatte sich ermannt und bewiesen, daß es die Fahne des selbstherrschenden rnssischen Zaren und das Banner unserer rechtgläubigen, heiligen Kirche nicht fallen lassen wird. Aber unsere Widersacher gingen nicht in sich. Satan hat sich die Gestalt der Juden geliehen, und er fährt fort, unsere teure Heimat, unser heiliges Rußland zu beunruhigen. Und immer mächtiger wird er. Hinter unseren inneren Feinden, den Juden, steht eine unermeßliche Anzahl von Juden im Auslande im Verein mit den Ungläubigen, den Engländern, Amerikanern und Japanern. Sie alle wollen Rache nehmen für Kischenew und sie err gen Aufruhr im Innern, Erbostheit gegen unsere teuere Heimat im Ausland. Sie haben den gegenwärtigen Krieg 'heraufbeschworen. Rechtgläubige! An unserem Elend sind die Ungläubigen schuld, jene, die Christus verraten haben. Sie wollen herrschen über unsere Erde, über unsere uralten russischen Heiligtümer und so verkaufen sie denn unser Vaterland dem Feinde. Das gottlose England, das schachernde Amerika, das heidnische freche Japan wollen uns niederringen. Allein nicht in ihnen liegt die Gefahr. Unendlich ist die Macht des russischen Heeres. Mit den Mützen wird es sie bedecken, alle übelwollenden, alte Feinde, das ruhmvolle russische Heer und der siegtragende heilige Georgius. Die Gefahr ruht im Innern, die Gefahr sind die Juden. Sie, die das Blut unserer Kinder trinken, vergiften unsere Jugend mit bösen und verderblichen Ideen, die die Pfeiler unserer geheiligten staatlichen Ordnung und des Glaubens zerstören. Gegen diese hundertköpfige Hydra, gegen dieses giftige Gewürm müssen wir mit allen Kräften ankämpfen. Die Regierung selbst ist ohnmächtig; das Volk muß aufstehen, um ihr in diesem Vernichtungskampfe beizustehen. Brüder! Das Vaterland ist in Gefahr! Der Zar null es, daß die Juden vernichtet werden! Es nahen die heiligen Ostern, der glorreiche Jahrestag von Kischenew. Wollen wir nicht zurückstehen. Zeigen wir den Juden unsere russische Macht. Vernichten wir sie! Wo ihrer auch leben, schlachtet sie hin! Keine Schonung! Jeder einzelne ist ein Feind und Verräter. Zu sanftmütig waren wir im vorigen Jahr. Mit Blut wollen nur bezahlen für das Blut unserer Kinder, das sie zu Ostern trinken. Mit Blut bezahlen für unsere armen Brüder, die ihrethalben in die Zwangsarbeit geschickt wurden. Mit Blut bezahlen für den japanischen Krieg. Tod den Juden! Gott ist mit uns und der Zar für uns. Die Organisation der Rechtgläubigen." Ein Erlast über die Behandlung der Juden. Wir erhalten von einem vertraulichen Erlasse des russischen Ministers des Innern Kenntnis, in dem unter Hinweis auf die offen zugestandene Mangelhaftigkeit der russischen Judengesetze eine mildere Praxis, zunächst bis zum Ende des Krieges vorgeschrieben wird. Folgendes ist der Wortlaut des Erlasses: Ministerium Vertrauliches Zirkular, der Jiuicren Angelegenheiten An die Herren Gouverneure, Stadtobereu und Oberpolizeimeister. Die Anordnungen zur Entfernung der Inden aus den Orten außerhalb der jüdischen Ansiedlungszone, die zu verschiedenen Zeiten vom Ministerium der inneren Angelegenheiten gegen diejenigen Juden, die sich dort unrechtmäßiger Weise angesiedelt haben, getroffen worden sind, veranlaßten die örtlichen Behörden zu mehr oder weniger strengen Maßregeln gegen diese Juden. Ans den zahlreichen Beschwerden der ausgewiesenen Juden an das Ministerium und aus den Berichten der .örtlichen Behörden ist zu ersehen, daß die Maßregeln der Verwaltungen behufs Wiederherstellung der Wirkung der Gesetze, die das Wohnrecht der Inden beschränken, bisweilen von schweren Folgen für die Betroffenen begleitet waren. Indessen muß bemerkt werden, daß in gewissen Fällen die Ursachen des ungesetzlichen Aufenthaltes der Juden in Orten, in denen der Aufenthalt ihnen nicht erlaubt ist, in

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