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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-08 · 15 (8.4.1904) · page 9

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 15 Dr. Dlocb's MocbenscbrM. Seite 241 und Anschaffung einschlägiger Zeitschriften jüdische Geschichte und Literatur zu pflegen. Bei der am 19. März l. I. abgehaltenen konstituierenden Versammlung wurden in die Vereinsleitung gewählt: I. Präsident: Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Schächter; II. Präsident: Herr Siegfried Schwarz; I. Schriftführer: Herr Rudolf Frank; II. Schriftführer: Fräulein Charlotte Wurmfeld; Kassier: Herr Isidor Reis: I. Revisor: Herr Samuel Mandl; II. Revisor: Herr Friedrich Bleier; I. Bibliothekar: Herr Isidor Kreidl; II. Bibliothekar: Fräulein Rosa Reis. Es fanden bereits im verflossenen Winter literarische Abende statt, wobei sich jedesmal Se. Ehrwürden Herr Rabbiner Dr. Schächter durch seine ebenso geistvollen als formvollendeten Vorträge den wärmsten Dank seiner zahlreichen Zuhörer erwarb. Wie groß das Interesse ist, das dem jungen Vereine entgegengebracht wird, beweist, daß sich bereits 140 Personen als Mitglieder angemeldet haben. Klattau. Nach einem kurzen Interregnum wurde die verwaiste Rabbinerstelle in unserer Gemeinde wieder besetzt. Am 25. d. M. hielt der neugewählte Rabbiner Se. Ehrwürden Herr Dr. S. Bret seinen Einzug in die heiligen Hallen unseres Tempels. Der Präses der Gemeinde, Herr JUDr. I. Fleischer und dessen Stellvertreter Herr Josef Feigl erwarteten ihn am Bahnhofe. Abends vor dem Gottesdienste wurde der neue Seelsorger vom Gesamtvorstande und dem Obmanne der Chewra- Kadischa, von dem Vorsitzenden des Chorgesangs- und Geselligkeitsvereines aus seiner Amtswohnung abgeholt und in die festlich beleuchtete Synagoge geleitet. Bei dem reservierten Sitze des Rabbiners erwartete ihn der Kultusvorsteher und begrüßte ihn im Namen des Gesamtvorstandes und im Namen der Gemeinde mit herzlichen Worten, indem er die Aufgabe des neuen Seelsorgers zeichnete und erwähnte, welche Erwartungen die Gemeinde hege. Nach der Ansprache stimmte der Chor einen Willkommensgruß an. Unter lautloser Stille bestieg hierauf Se. Ehrwürden die Kanzel. Aus der gespannten Aufmerksamkeit der Zuhörer, unter denen sich auch Nicht-Israeliten befanden, konnte mün entnehmen, welch' einen Eindruck die Antrittsrede gemacht. Das Urteil lautete einstimmig: „Der neue Prediger ist ein würdiger Nachfolger des mit Tod abgegangenen Doktor Wolf s. A., der ja ein äußerst gediegener Kanzelredner war". Das Urteil sagt viel mehr, als mit Worten niedergeschrieben werden kann. Von unserem Standpunkte legen wir auch hohes Gewicht darauf, daß Se. Ehrwürden der Schule — der israelitischen Schule, die er als Fundament des Judentums mit Recht darstellte und die zu erhalten, zu heben sein stetes Streben sein wird, Erwähnung tat. Unsere Chewra-Kadischa, die nach der neuen Wahl wiederum den alten Vorstand, an dessen Spitze abermals Herr S. I. Krauskopf gestellt ist — gewählt hat, übergab dem hiesigen Chorgesangs- und Geselligkeitsvereine einen Betrag per 50 Kronen zur Anschaffung solcher Lesewerke, die von jüdischen Autoren verfaßt sind, und versprach, den Verein nach dieser Richtung auch weiter zu unterstützen. Diese Handlungsweise verdient nicht nur Lob, sondern auch anderweitige Nachahmung. — Am 28. März wurde Frau Julie Porges, Ehegattin unseres einstigen Kultusvorstehers, zu Grabe getragen. Sie hatte das hohe Alter von 89 Jahren erreicht. Die Verblichene war seit dem Bestände des hiesigen Frauenvereines tätiges Mitglied und auch mehrere Jahre Präsidentin desselben. Die gesamten Mitglieder der Kultusgemeinde, viele Nicht-Israeliten der Stadt, Se. Hochwürden Herr Johann Urban, Dechant aus Planitz, viele Freunde aus Nah und Fern gaben der Dahingeschiedenen das letzte Geleite. Auf dem Friedhofe gab auch Se. Ehrwürden Herr Dr. Bret diesem Gefühle beredten Ausdruck. —a.— Die Juden im Heere. Die Reuter'sche Korrespondenz berichtet: „Die Veröffentlichung einer Korrespondenz zwischen dem Deutschen Kaiser und einem jüdischen Rechtsanwalt, die aus der Beschwerde des letzteren entsprang, daß seinem Sohne der Weg zum Reserveoffizierskorps durch seine Religion verschlossen worden sei, hat in England großes Aufsehen erregt. Die Juden in England glauben allerdings zu wissen, daß diese Verhältnisse, wie sie der betreffende Rechtsanwalt schildert, den Tatsachen entsprechen. Ein Londoner Rabbiner äußerte sich folgendermaßen: „Ich muß mit Bedauern sagen, daß derartige Verhältnisse in Deutschland bekannt find. — Im toleranten England gibt es über 40 aktive jüdische Offiziere in der Armee, während die Miliz und die Aeomanry deren 25 besitzen und 12 als Offiziere in der Marine tätig sind." Herr von Plehwe und die ruffischen Juden. Petersburg. Der russische Minister des Innern, v. Plehwe, hat sechzig Vertreter der größeren jüdischen Gemeinden Rußlands nach Petersburg berufen und sie beauftragt, dem Ministerium eine Denkschrift über die Nöten der Juden und über wünschenswerte Reformen zu überreichen. Diese sechzig Vertreter haben unter anderem folgende Wünsche zum Ausdruck gebracht: 1. Die Aushebung der prozentualen Beschränkung sür Juden an den Bildungsanstalten des Reiches: 2. die Eriveiterung des Wohnrechtes der Juden und 3. die Wiedereinführung der Handwerkerverwaltungen, welche allein das Recht haben, jüdischen Handwerkern Zeugnisse auszustellen, die den Juden das Wohnrecht im Innern des Reiches einräumen. Die Denkschrift hatten die jüdischen Vertreter am 16. Februar dem Minister v. Plehwe persönlich überreicht. Es fand hierauf eine Unterredung zwischen Plehwe und den Juden statt, über welche einige Einzelheiten vorliegen. Nachdem Plehwe die jüdischen Vertreter ersucht hatte, den Inhalt der Unterredung geheimzuhalten, sagte er wörtlich: „Ganz ungerecht ist die verbreitete Ansicht, daß der Zar und ich die Juden als eine inferiore Rasse betrachten; im Gegenteile, wir erblicken in den Juden eine überlegene Rasse, und wenn man den Juden den Zutritt zur höheren Bildung frei machen wird, werden sie, wenn auch aus ehrlichem Wege, alles an sich reißen, und es wäre ein Unrecht, die Minorität über die Majorität herrschen zu lassen. Mit Bedauern habe ich mich überzeugt, daß die Juden nicht nur Revolutionäre, sondern sogar Mörder sind. Mein Vorgänger wurde von Balmassen ermordet, Fürst Obolenskij zwar von einem Christen angeschossen, aber alle diese Morde und Attentate sind von Juden vorbereitet worden. Die Juden haben uns den Krieg in der ausländischen Presse erklärt; ich mache darauf aufmerksam, daß ein Krieg Opfer bedingt. Die Regierung ist bereit, die ökonomische Lage der Juden zu verbessern, aber sehr langsam und allmählich. Von Gleichberechtigung sollen die Juden nicht einmal träumen, denn man braucht nur heute den Juden die Gleichberechtigung zu verleihen und schon am nächsten Tage werden sich die Ereignisse von Kischenew und Homel wiederholen." Am Schluffe dieser Unterredung ersucbte v. Plehwe die Notablen, die revolutionären Bestrebungen der Juden einzudämmen, und versprach ihnen, wie die neueste „Oswoboschdenije" meldet, daß ihre Arbeit in dieser Richtung Früchte tragen würde. Zur Vervollständigung wird den „Letzten Nachrichten", dem Organ des jüdischen Arbeiterbundes in Rußland, mitgeteilt: Die Audienz dauerte im Ganzen vierzig Minuten, zehn Minuten sprach Plehwe mit Baron Günzburg französisch; worüber er mit ihm sprach, ist nicht bekannt, da Günzburg den Inhalt der Unterredung nicht bekannt gibt: Nach der Unterredung mit dem Baron wendete sich der Minister zu den übrigen Delegierten und erklärte, was für eine große Ehre sowohl sür sie als sür alle Juden es wäre, daß der Minister selbst mit ihnen spräche; dann sagte er ihnen Folgendes: „Im Ausland macht man uns zum Vorwurf, daß wir nichts zur Verbesserung der Lage der Juden tun. Ich bin damit einverstanden, daß die Lage der Juden gebessert werden muß, doch scheint man im Auslande nicht zu wissen, daß 85 Perzent der Feinde des Vaterlandes, der Sozialdemokraten, bei uns von den Juden gebildet werden. Außerdem wohnen die Juden überhaupt sehr abgesondert und bilden gleichsam einen Staat im Staate. Der Gedanke eines jüdischen Staates gefällt mir, doch nur „dort", dabei wies Plehwe mit der Hand nach Osten.

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