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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-08 · 15 (8.4.1904) · page 5

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Nr. 15 Dr. Llocb's Miocdensedrttr. Sette 237 sorgfältiger Weise erfolgt. Nur die Minderzahl bestand aus Katholiken, ja der Kommandant war — horribile dictu — glaubensfreudiger Jude, ich, der nächste, lutherisch, dann gab es noch mehrere Protestanten und einen Griechen. Wir geben uns indessen der Hoffnung hin, daß Seine Heiligkeit Pius IX. hiervon nichts bemerkt hat und sich im Falle der Notwendigkeit einer Flucht in unseren Armen vollkommen sicher gefühlt haben würde." ,,Da1 hat de Jud dahn!" Unter anderen Feldzugserinnerungen bringt die „Preußische Lehrerzeitung" eine Episode, die wohl wert ist, auch weiteren Kreisen bekannt zu werden. „An einem trüben Novembertage des Jahres 1870, als wir vor Paris lagen", berichtet der Erzähler, „geriet unsere Kompagnie, die einen ziemlich weit vorgeschobenen Posten innehatte, bei einem Ausfall, den die Belagerten machten, in eine üble Lage. Von der französischen Uebermacht auf das Härteste bedrängt und von drei Seiten vom Feinde eingeschlossen, kämpften wir mit dem Mute der Verzweiflung, da unser aller Untergang oder was uns noch schimpflicher deuchte, unsere Gefangennahme so gut wie gewiß war. Denn wir konnten weder vorwärts noch rückwärts; wir waren eingeklemmt wie in einer Falle. Als der Feind etwa bis auf achtzig Schritt gegen uns herangedrungen war, sprang plötzlich aus unserer Schützenlinie ein einzelner Mann auf und lief mit lautem Hurrah den heranstürmenden Franzosen entgegen. Die ganze Kompagnie fiel in den lauten Ruf ein und folgte ihm nach. Ohne auf das Kommando zu hören, schlugen die Tamboure zum Sturm an. Gleich darauf kamen auch die anderen Kompagnien unseres Füsilierbataillons zu unserer Unterstützung heran, und das ganze Bataillon stürmte nun mit lautem marsch, marsch, hurrah! auf den Feind los. Dieser stutzt, sein Angriff erlahmt, seine Reihen stocken bei dem mörderischen Feuer der Unserigen, und endlich weicht er zurück. Sein Angriff ist abgeschlagen, der Kampfplatz wird von uns behauptet. Plötzlich sprengte, als unsere Kompagnie noch im Schnellfeuer begriffen war, der Bataillonskommandeur, Oberstlieutenant H., in unsere Schützenlinie hinein und fragte sehr laut mit erregter Stimme: „Wer hat hier zuerst Hurrah geschrieen?" Als darauf niemand antwortete, schrie er noch lauter: „Himmelkreuz... ., ich will wissen, wer hier zuerst Hurrah rief!" Nun aber erhielt er erst recht keine Antwort, weil jeder glaubte, es sei ein Fehler begangen worden und der Schuldige habe eine strenge -Strafe zu gewärtigen. Als jedoch der Oberstlieutenant zum drittenmal mit noch verstärkterer Stimme und einem neuen Donnerwetter dieselbe Frage an die Kompagnie richtete, rief eine Stimme aus den Reihen der Schützen: „Dat hat de Jude dahn!" — da geschah etwas, fährt der Erzähler fort, was uns alle höchlichst überraschte: „Du bist es gewesen, mein Sohn? Komm her, laß Dich umarmen! Das war eine Tat, die ich Dir nie vergessen werde!" Mit diesen Worten schloß der Oberstlieutenant den Tapferen — es war der Gefreite A., ein Jude — in seine Arme. Auch der Hauptmann und die anderen Offiziere kamen heran und schüttelten ihm, dem die hellen Freudentränen über die Wangen herunterrannen, die Hände. Der Wackere erhielt bald darauf das Eiserne Kreuz." Der ritnalmordgläubige Klempner Jacob Stad». der an 5 Kindern Sittlichkeitsverbrechen begangen und den fünfjährigen Knaben Joseph Niedler dabei ermordet hat, ist in voriger Woche von dem Schwurgericht in Ambery zum Tode verurteilt worden. Sehr interessant gestaltete sich da die Zeugenaussage einer mit Kindern reich gesegneten Taglöhnersfrau, die sich einst dem Stadt gegenüber beklagte, daß es ihr bei kargem Verdienst sehr schlecht gehe. Stadi sagte zu ihr, sie solle einen Buben verkaufen und auf ihre Frage wohin, erwiderte er: an die Juden, die bezahlen gut, die stechen ihn ab, denn sie brauchen Christenblut. Auf Vorhalten der Frau, daß das die größte Sünde wäre, erwiderte Stadi: „Es gibt keinen Gott und keinen Teufel." Die Anklage betonte ausdrücklich, daß der Gedanke an einen Ritualmord im gegebenen Falle nicht im Entferntesten vorliege. Allein, man konnte aus den Aeußerungen des Stadi entnehmen, daß solche Gedanken an abergläubische Vorstellungen dem Angeklagten nicht fremd waren,,- daß der Mörder vielleicht absichtlich zur Verschleierung seines eigenen Verbrechens die Fabel von dem Ritualmord in Kurs zu setzen versuchte. Wie ein Blutmärchen entsteht. Riga. Am 25. März starb hier, in der kulturreichsten Stadt des gläubigen Rußland, ein jüdischer Handschuharbeiter, der nebenbei ein eifriger, doch durchaus nicht fanatischer sozialistischer Agitator gewesen war. Am Sonntag darauf wurde er unter demonstrativ zahlreicher Beteiligung der Genossen beerdigt. An seinem Grabe sprach mit polizeilicher Erlaubnis eine junge, redegewandte Arbeiterin und schilderte in vornehmer Rede die Lage des Proletariats aller Länder und insbesondere des russischen Proletariats. Sie verstand es, die taufendkvpfige Menge durch ihrer Rede Gewalt zu fesseln. Selbst die Hüter der russischen Administrationsordnung vergaßen für einen Augenblick die staatserhaltende Pflicht und ließen die junge Arbeiterin lange und ungestört beim Worte. Plötzlich jedoch erinnerte sich der Polizeibeamte seiner Aufgabe und rief ihr in barschem Ton zu: „Genug, genug!" Darauf laute Rufe aus der Menge: „Ausreden lassen!" „Nieder mit ihm!" Die Polizei schritt zur Verhaftung der Sprecherin. Die Menge widersetzte sich. Die Vertreter der Ordnung machten von der blanken Waffe Gebrauch. Tie Menge warf mit Steinen. Der Pvlizeileutnant wurde lebensgefährlich, die Schutzleute schwer verwundet. Mittlerweile erschien Militär auf dem Platze. Das Vaterland war gefährdet und so hieb die Soldateska mit blanker Waffe wie wütend um sich. Die Kirchhofe ansgänge waren gesperrt. Ein Entkommen war nur durch das Ueberklettern der Kirchhofmauer möglich. So erklärte es sich, daß viele junge Mädchen klaffende Wunden am Hinterkopf, am Rücken und an den Beinen davontrugen. Einige der Verwundeten stehen in privaten Heilanstalten unter polizeilicher Bewachung, andere wurden sofort ins Gefüngnishospital überführt. Sonntag abends konnte man in allen Arbeiterkreisen mit stark lettischem Element von Polizisten die folgende gruselige Geschichte hören: „Die Juden hätten einen Letten auf ihrem Kirchhof beerdigen wollen! Und weil die Polizei das nicht dulden wollte, da wurde sie von den Juden angegriffen und geprügelt. Warum aber wollten wohl die orthodoxen Juden einen unheiligen Christen auf ihrem Kirchhof mit so großen Ehren begraben? Sehr einfach. Die Zeremonie wäre nur ein Borwand gewesen. In Wirklichkeit wollten die Juden dieser Tage ihr Passahfest in entsprechender Weife feiern, und da haben sie dazu einen Letten ermordet, wie sie es ja schon oft vorher getan haben." — Heute kann man auf allen Straßen der Kulturstadt Riga gebildet aussehende Bürger im ersten Disput untereinander und mit Beamten über den Ernst der Lage der Christen in dem verjudeten Rußland sehen! In solcher Weise schlägt man zwei Fliegen mit einem Schlag: man maßregelt die Arbeiter, und man verhetzt die Bevölkerung gegen die Juden. Korrespondenzen. Erinnerung an Sulzer. Es war in den Fünfziger-Jahren des verflossenen Jahrhunderts. Der geistige Druck lastete allgemein auf Oesterreich: die Polytechnik stand unter der strammen Direktion eines hohen Militärs. In damaliger Zeit waren die Wiener Juden rühmlichst bekannt durch ihren hohen Sinn für Wohltätigkeit. Für die zwei ersten Pessachabende war eine erhebliche Zahl armer jüdischer Studenten, groß und klein, mit Speisekarten beteilt worden. Ein ausgedehnter öffentlicher Saal nahm alle Teilnehmer auf. Die Tische waren gedeckt; jeder erhielt die vorgeschriebenen Mazzoth und ein Fläschchen Rotwein.

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