Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 236 scheint alles sehr gut. Aber was können wir dabei tun? Es hieße ja, sich in einen Gegensatz zu unseren eigenen Prinzipien, zur Basis unserer Kirche bringen, wenn wir da eingreifen wollten, wie es Herr Dr. Herzl vielleicht von Seiner Heiligkeit erwartete. Wie können wir zum Beispiel das Land unseres Erlösers einem andersgläubigen Volke selbst ausliefern, die heiligsten Stätten aus Händen geben?" Ich: „Die dem Christentum geheiligten Stätten müßten natürlich exterritorial erklärt werden. Es denkt kein Jude daran, die heiligen Reliquien der Christen anzutasten." Seine Eminenz: „Das hat uns der Herr Dr. Herzl allerdings auch gesagt." Ich: „Schließlich sind ja diese heiligen Stätten auch jetzt nicht in den Händen der Christen, sondern in jenen der Mohammedaner." Seine Eminenz: „Ja, leider. Die christlichen Mächte glauben aus Eifersucht — aus rein politischen Gründen diesen Zustand erhalten zu sollen." Ich: „Eine christliche Legende spricht ja auch davon, daß die Juden sich wieder in Palästina vereinigen werden." Seine Eminenz: „Das ist wohl nur eine Legende." Ich: „Und dennoch sollte vom Vatikan aus kein Hindernis gegen die Besiedlung des Landes Palästina durch die Juden zu erwarten sein." Und nun schilderte ich Seiner Eminenz die Leiden der Juden in verschiedenen Ländern, die sie zwingen, eine rechtlich gesicherte Heimstätte in Palästina anzustreben. Seine Eminenz: „Das ist etwas ganz anderes. Wer sagt denn, daß wir das hindern wollen? Wenn die Juden glauben, daß sie im Lande ihrer Väter ihr Los erleichtern können, dann ist das für uns eine Frage der Humanität. Die Grundlage des Heiligen Stuhles ist eine apostolische, er wird nie gegen eine Unternehmung sein, die menschliches Elend lindert. Ueberhaupt, was man sich unter vatikanischer Politik vorstellt. Wir haben eine große Achtung vor dem eigentlichen Judentum, wir vergessen nie, daß wir nichts wären ohne dieses, daß es die Grundlage unserer Religion ist. Wenn die Katholiken gegen Juden zu kämpfen in die Lage kommen, dann geschieht es gegen den Einzelnen, der sich Uebergriffe gestattet." Ich: „Und doch hält man die ganze antisemitische Bewegung in Wien für ein Werk des katholischen Klerus, unterstützt vom Vorgänger Eurer Eminenz." Seine Eminenz: „Vergessen Sie nicht, daß sich viele aus Neid, aus Eigennutz, aus politischen und sonstigen weltlichen Gründen an uns klammern. Aber anderseits dürfen Sie auch nicht übersehen, daß die Katholiken gerade in Wien um ihre berechtigte Stellung kämpften. Die Juden drängen überall vor; so erzählt man mir, daß in Wien 70 Prozent aller Lehrer Juden wären. Kann man es mitansehen, daß katholische Kinder im zartesten Alter von Andersgläubigen unterwiesen werden? Nehmen wir an, Sie hätten die Mehrheit im Staate oder ein eigenes Land, würden Sie das zugeben?" Ich: „Eure Eminenz scheinen da unrichtige Informationen erhalten zu haben; es kann nie so viele jüdische Lehrer in Wien gegeben haben. Vielleicht sieben Prozent, und das entspräche dem B evölkerungsprozentuale." Seine Eminenz: „Ferner finden wir die Juden immer im Lager unserer Gegner. Wo ein schlechtes Buch erscheint oder ein häßliches Bild, das uns verhöhnt, eine Zeitung, die uns verunglimpft — wenn wir die Sache genau untersuchen — es steckt immer ein Israelit dahinter." Ich: „Auch hier, glaube ich, sind Eure Eminenz nicht ganz unparteiisch informiert. Wenn es aber vorkommt, dann ist es immer ein Vergehen." Seine Eminenz (rasch einfallend): „Aber glauben Sie nur ja nicht, daß wir deswegen alle Juden verdammen. Wir wissen, daß es die Sünden einzelner sind. Ein jeder von uns sündigt mit seinen Gaben. Die Juden sind zumeist Geschäftsleute und so sündigen sie mit dem „Affarismo". Und das sollte anders werden." Nr. 15 Ich: „Und das könnte anders werden unter der Herrschaft eines Papstes, wie Pius X. es ist. Indem ich heute hier empfangen wurde und nun gar für meine Volksgenossen sprechen darf, sehe ich schon eine große Wandlung sich vollziehen." Seine Eminenz: „Sie müssen aber auch auf Ihrer Seite wirken, damit wir die Juden nicht immer im Lager unserer Feinde finden. Wir sind, wie ich schon sagte, keine Gegner der Juden als solche, abgesehen davon, daß wir ihre Religion respektieren, schließt die allgemeine Menschenliebe und die besondere Sendung des Heiligen Stuhles Petri dergleichen Feindschaften aus." Ich: „Eure Eminenz, ich bin überzeugt, daß es bis ins Dunkel des letzten polnischen Dorfes einen Strahl von Freude tragen wird, wenn es heißt, daß in Rom im Vatikan nicht ein mächtiger Gegner sitzt, sondern ein weiser, gütiger, milder Herr, der auch den Leiden der armen Juden sein aufmerksames Ohr leiht." Seine Eminenz: „Wir halten die Qualen und Verfolgungen der Juden, wie sie uns besonders aus Rußland gemeldet werden, für ungerecht und verwerflich." Ich: „Von dort wollen auch die meisten Juden nach Palästina zurück." Seine Eminenz: „Diese Sehnsucht der Juden nach der alten Heimstätte, das ist eine der merkwürdigsten Sachen, das scheint ja in die Herzen wie eingemeißelt. Ein Volk der Vorsehung, das Volk der Geschichte par excellence sind die Juden. Was sie einmal erlebt haben, das scheinen sie nicht wieder vergessen zu können. So erzählte man mir — was mich als Spanier sehr interessiert — daß im Orient jüdische Zeitungen mit hebräischen Lettern in spanischer Sprache erscheinen. Die Leute, die vor Jahrhunderten von Spanien ausgewandert sind, haben auf diese Weise unsere Sprache konserviert. Ist das nicht merkwürdig?" Ich bemerkte, daß auch die Dankbarkeit der jüdischen Nation eine ungewöhnliche sei, daß wir Wohltaten nie vergessen. Daran schloß ich meinen Dank für den überaus freundlichen Einpfang. Als ich bereits im Vorsaale war, öffnete der Kardinal nochmals die Tür und ersuchte mich, wenn ich nach Wien schreibe, Herrn Dr. Herzl grüßen zu lassen." * Wie war's mit dem Erzbischof Kohn, und warum mußte er gehen? Aus der Darstellung, die das offiziöse Wiener „Fremdenblatt" über den Fall Kohn veröffentlichte — als Gewährsmann wird ein hervorragender Prälat in Rom bezeichnet, der ein intimer Freund des Staatssekretärs Mery bei Val ist — geht unzweifelhaft hervor, daß Kohn gehen mußte, weil er ein Nachkomme des „Volkes der Geschichte" ist. Der Freund des Staatssekretärs läßt sich sogar die höchst seltsame Bemerkung entschlüpfen: „Der Papst gab ihm (Dr. Kohn) zu verstehen, daß sich um seinen Namen zu viel Kämpfe entspannen hatten und daß es ihm infolge dessen unmöglich sein werde, sein hohes Amt in Olmütz mit Erfolg auszuüben." Wenn es aber noch eines Beweises bedürfte, um die Gegner zu zeigen, die gegen den Erzbischof mit so großartigem Erfolge agitierten, so sei auf eine Nachricht hingewiesen, die von den antisemitischen Blättern mit großem Behagen veröffentlicht wurde. In dieser Notiz wurde erzählt, daß Dr. Geßmann — der christlichsoziale Generalstabschef — einen Vortrag in Olmütz hielt, welchem nebst dem Generalvikar Weinlich auch noch eine stattliche Anzahl von Olmützer Domherren beiwohnte. Ein jüdischer Korvetten-Kapitän. Der Vizeadmiral z. D. Paschen veröffentlicht in der „Deutschen Revue" Skizzen aus seiner Dienstzeit in der österreichischen Marine. Da heißt es: „Ich gedenke noch einer letzten Episode meiner österreichischen Dienstzeit. Der Herbst des Jahres 1866 brachte durch den Abzug der französischen Garnison aus Rom die Freiheit des Papstes in Gefahr. Man befürchtete eine Revolution, und Oesterreich entsandte zum Schutze des Papstes die Korvette Erzherzog Friedrich, zu deren erstem Offizier ich ernannt worden war, nach Civitavecchia. Mit Hinblick auf die Heiligkeit des Zweckes, aber in der Eile und in den Wirren nach dem verhängnisvollen Kriege war die Auswahl des Stabes bezüglich der Konfession in wenig Dr. Dlocb's Mlocbenscbrttt.