Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 15 (8.4.1904)
- Date
- 1904-04-08
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 15 Dr. Blocbs TKUocbenscbrift. Seite 235 eilt Gastspiel am Jubiläums-Theater. Die Leute vom Carl- Theater dankten ergebenst. Solche Geschäfte wollten sie doch nicht machen. Man hausierte weiter — beim Theater an der Wien. Vor vierzehn Tagen erst, in Nr. 13 dieser Blätter, haben wir gezeigt, wie antisemitische Kunstkritik überhaupt gemacht wird und wie sie sich insbesondere gegen das Theater an der Wien stellt. Wir haben eine von Unflat triefende „Rezension" des „Deutschen Volksbtatt" in puris naturalibus abgedruckt. „Zu dieser Vorstellung schienen die Judeninsel, der Salzgries und der Quai sämtliche dort hausende Juden ausgespieen und hingesendet zu haben" u. s. tv. Der Direktor dieses Theaters Herr Karezag, ne Karpeles, war sofort bereit, und zwar unter den denkbar demüthigendsten Bedingungen. Es sollte bei den gastierenden Mitgliedern nicht auf das Talent, sondern lediglich auf den Taufschein gesehen werden. Erst — Juden 'raus! Dann kann der Rummel losgehen. Werden nun die Juden auch in das antisemitische Theater rennen und dann wieder auch in das des Herrn Karezag? Unmöglich wäre es nicht. Hätten die Juden nur ein Teilchen von dem Solidaritätsgesühl, das ihnen von antisemitischer Seite unablässig zur Last gelegt wird, so konnte ja manches anders sein und sie selbst ansrechten Rückgrates durchs Leben wandeln, wo sie noch gebückt bei Seite stehen. Man stelle sich nur Baden bei Wien ohne die Juden vor. Sie tragen unentwegt ihr Geld hin trotz aller christlich-sozialen und deutschuationalen Orgien des Antisemitismus, die nun seit mehr als zwei Jahrzehnten an der Tagesordnung sind. Wenn nur ein einzigesmal, nur für eine Saison, das vielberusene Solidaritätsgesühl sich geltend machte, dann würde man schon sehen, daß seine heilkräftige Wirkung sicher nicht zurücksteht hinter der der Badener Schwefelquellen. Aber dazu hat man sieh niemals aufgerafft, und darum ist die Vorstellung nicht ganz abzuweisen, daß die Juden auch ins Jubiläumstheater und dann doch wieder zu Herrn Karezag laufen werden. Dann tvird man sich aber auch die Kritik gefallen lassen müssen: Echt jüdisch! Dr. Lueger hat wieder eine Rede gehalten. Ich bitte um die Erlaubnis;, mich selbst zu zitieren — aus den vorwöchentlichen „Glossen": „Geredet hat er im Verlause seiner Karriere gottlob doch gerade genug, aber wenn man seine Reden noch so genau durchforscht, so tvird man vergeblich nach e i n e m bedeutenden Wort, nach eine m tiefen, großen und neuen Gedanken suchen. Das Geheimniß seiner Erfolge ist die Banalität seines Geistes. Wie kein anderer seiner Mitstreber hat er es verstanden, jede, aber auch jede öffentliche Frage ins Banale zu biegen und damit hatte er gewonnenes Spiel." Ich möchte doch gebeten haben, da ich mich nun einmal mit den Reden des großen Mannes zu heschäftigen habe, die paar Sätze stereotypieren zu lassen. Man kann sie immer wieder brauchen. Diesesmal hat er im Kreise seiner Getreuen eine wirklich bedeutsame Frage von sozialer Tragweite angeschnitten. Aber wie stellt er sich zu ihr und wie kommt er um sie herum? Auf die denkbar banalste Weise: und wieder hat er sein Publikum ganz und gar begeistert. Es handelte sich um die Frage der Schulärzte. Es gibt aus dem Gebiete öffentlicher Wohlfahrt kaum eine Frage, die der eingehendsten Beachtung und Förderung würdiger wäre. Es handelt sich um das körperliche Wohl und Wehe der Schuljugend, der Heranwachsenden Generation. Was könnte wichtiger sein?! Man sorgt für die geistige Ausbildung und hat damit doch nur halbe Arbeit getan, wenn man nicht Bedacht nimmt auf die physische Entwicklung der jugendlichen Organismen. Darauf soll man zu Hause achten und den Hausarzt walten lassen, könnte eingewendet werden. Mit Verlaub, das kann in den besitzenden Kreisen geschehen, für die die ganze Schulsrage überhaupt keine Frage bildet; die können zur Not sich auch ohne das öffentliche Schulwesen behelfen. Die ungeheure Mehrheit aber, die der öffentlichen Schule nicht entraten kann, für die wäre es eine Wohltat, wenn die Schuljugend nach dem Rezepte „Mens sana in corpore sano" herangebildet würde. Die breiten Schichten sind nicht in der Lage, sich Hausärzte zu halten: es fehlen die Mittel zur regelmäßigen Beobachtung: es fehlt im Drange der Erwerbsarbeit um das tägliche Brot oft an der Zeit, oft naturgemäß auch an dem erforderlichen Verständnis. Wie viel Segen könnte gestiftet, wie viel Unheil verhütet werden, wenn keimende Krankheiten rechtzeitig erkannt und sachgemäß behandelt würden. Augen, Ohren, Zähne, Herz, Lunge, Magen — alles sollte bei einem Kinde einer regelmäßigen Untersuchung unterzogen werden — in der Tat, wenn die Schulärzte eingesüyrt sein werden, wird man finden, daß sie kaum weniger notwendig sind, als die Schullehrer selbst. Und wie stellt sich Dr. Lueger zu dieser Frage? Er vertagt sie, da sie eine schwierige ist, mit einem seiner geschmackvollen Witze a<l -raeeas ealemlas. Er fürchtet, daß es hie und da auch einen Schularzt geben könnte, „der die Wiener Madeln gar zu genau untersuchen könnte"! Also wieder ins Banale, ins Gemeine gebogen, aber sein Publikum lacht und erklärt sich für befriedigt. Weil irgend ein perverser AuSualmisiall sich ergeben könnte, wird ein Gedanke der Menschlichkeit mit wieherndem Gelächter über einen unsauberen Witz begraben. Tie Verhältnisse liegen für eine Justifizierung äußerst günstig. Der Stand der Aerzte ist ein verjudeter: man trifft also die Juden par ru-m-het. Die fromme „Reichspost" schrieb vor Kurzem zur Aerzteirage: „Nur allzulange haben die christlichen Familien geduldet, daß der Jude als Arzt, sogar oft als Hausarzt aus- und einging". Sie führt dann fort: „N a ch d e m die Juden aber die Kollegiali tat mißbrauchen idas kausale „Nachdem" hat nicht Ihren vollen Beifall? Sie sollten froh sein, daß die Kooperatoren der „ReichSpvst" nicht „indem daß" schreiben!) — „und den Stand in Verruf gebracht haben, sehen die arischen Aerzte ein, daß sie den Juden nur als Werkzeug gedient haben. Die Bevölkerung lebte auch in „Frieden" und so kam es, daß die 1400 jüdischen Aerzte in einträglichen Stellungen sich befinden, ihre Praxis im Gummiradler versehen, während die gleiche Anzahl christlicher Aerzte vor dem wirtschaftlichen Ruin steht". Jetzt wissen wir's also, wie glänzend es den jüdischen Aerzten geht: sie prassen direkt in Wohlleben, und da die Institution der Schulärzte auch ihnen vielleicht Nutzen bringen könnte, so läßt man lieber die Hand davon. Es könnte einmal einen perversen Arzt geben, und der könnte ein Jude sein! Warum soll man übrigens nicht gleich sagen, er wird es sein? Und da er es sein wird, kann man ja gleich aus die Juden hinhauen. Auf die Juden im Allgemeinen. Denn wenn irgendwo und irgendwann ein Jude etwas anstellt, dann erhebt sich das große Geschrei über die Juden überhaupt. Wenn aber ein antisemitischer Ehrenmann wie der edle Ritter von Orlowski erwischt wird, dann schweigen auf einmal alle Flöten. Win-. Eine Unterredung mit Merry del Bal. Die letztwöchentliche Nummer der „Welt" veröffentlicht eine Unterredung mit dem päpstlichen Staatssekretär Merry del Val. Der Schriftsteller Herr H.?)ork-Steiner berichtet hierüber in folgender Weise: Seine Eminenz: „Was führt Sie zu mir?" Ich: „Die allbekannte Herzensgüte Seiner Heiligkeit Pius X., seine edlen und herzlichen Worte haben überall die größten Hoffnungen erweckt. 'Auch wir Juden erwarten von seinem Regime manche Erleichterung im Verkehre mit unseren katholischen Mitbürgern." Seine Eminenz (mit feinem Lächeln, SSn» seine Züge noch gewinnender erscheinen läßt): „Was kann Seine Heiligkeit vom Standpunkte der Kirche dazu tun? Vergessen <sie nicht den absoluten Gegensatz, die religiöse Differenz zwischen uns." Ich: „Schon, daß an dieser Stelle zum Beispiel Tr. Herzl als Führer einer jüdischen Bewegung empfangen wurde, scheint mir eine bedeutsame Wandlung zu bedeuten, und ich glaube, es interessiert die gesamte Judenheit, was da besprochen wurde." Seine Eminenz: „Da ist kein Grund zur Zurückhaltung. Herr Dr. Herzl wurde von Seiner Heiligkeit empfangen, und auch ich hatte das Vergnügen, ihn zu sprechen. Er machte bei Seiner Heiligkeit den besten Eindruck, auch was er uns zu erzählen wußte, war sehr interessant, und für seine Nation