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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-08 · 15 (8.4.1904) · page 2

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 234 Dr. Dlocb s MocbenscbrlN. Nr. 15 weiteren Ausführungen des Grafen in noch höherem Maße hervor. Er erklärt es für unmöglich, daß ein Volk in wenigen Jahrzehnten aus dem Zustande heidnischer Unkultur zur vollen Kulturhöhe der christlichen Staaten sich entwickeln könne. Für ihn ist die Grundlage unserer europäischen, ja selbst der von Europäern nach Amerika verpflanzten Kultur das Christentum, und zwar so sehr, daß er selbst Nichtchristen als Zeugen für seine Behauptung aufruft. Nun aber hat sich die moderne Zivilisation nicht infolge des Christentums, sondern — man möchte beinahe sagen — im Gegensätze zu demselben herausgebildet. Das heißt: Der Fortschritt der Zivilisation ging Hand in Hand mit einer Schwächung der christlichen Kirche und ihrer Organisation. Die Reformation, die Renaissance, die machtvolle Entwicklung der Naturwissenschaften vollzogen sich im Kampfe gegen die Kirche und in dem Ausmaße, als die Kirche geschwächt wurde, umso höher wuchs der Humanismus. Dort, wo das Christentum noch heute seine stärkste Macht bewahrt, in Spanien und in Rußland, ist auch der tiefste Stand der Zivilisation zu konstatieren. Und wäre es denn dem menschlichen Empfinden des Grafen Schönborn entsprecheud, Rußland als den „christlichen" Staat, als den Repräsentanten des Christentums im Sinne der Humanität und Zivilisation auzuseheu? Unter christlichen Formen herrscht in Rußland ein heidnischer Geist, welcher die Menschenwürde mit Füßen tritt und mit den barbarischesten Mitteln die schrankenlose Herrschaft eines Einzelnen zum Ziele hat, während Japan dem Ideale der Humanität nachstrebt, obwohl es nicht christlich ist, obwohl dort, um mit dem Grafen Schönborn zu sprechen, Voltaire'sche Heiden ohne den Geist Voltaires leben. Die Argumentation des Grafen Schönboru leidet an einem fundamentalen Jrrtume. er verwechselt die Interessen des Zarentums mit den Interessen des russischen Volkes. Das russische Volk ift erfüllt von einer ungeheuren Sehnsucht nach Befreiung von einem unerträglichen Sklavenjoche, und der christliche Gedanke dient in Rußland nicht dazu, um das Volk auf die Höhe europäischer Kultur zu erheben, sondern er wird dazu mißbraucht, das Volk zu entrechten, den freien Geist zu knebeln, um den Despotismus zu einer religiösen Institution zu machen und gewiß — Graf Schönborn ist ein zu guter Christ, um eine etwaige Niederlage Rußlands in dem gegenwärtigen Kriege als eine Niederlage des „Christentums" gelten zu lassen. Er erwünscht aber den Sieg Rußlands noch aus dem politischen Grunde, weil die Schwächung dieses Staates unserer Monarchie die mehr ehrenvolle als dankbare Aufgabe des Ordnungsmachens aus der Balkanhalbinsel zuweisen würde. Wäre das für Oesterreich - Ungarn wirklich ein so schrecklicher Ausblick? Bisher waren Rußland und der Kaiserstaat an der Donau Rivalen auf der Balkanhalbinst l. Rußland allein galt dort als der Befreier und aller Haß hänsle sich auf unsere Monarchie. Jetzt znm ersten Male wäre Oesterreich-Ungarn allein berufen, den Völkern der Balkanhalbinsel die Freiheit zu bringen, jetzt wäre Gelegenheit geboten, durch eine kluge und erlösende ' alkanpolitik zu zeigen, wie unrecht der Haß war, den Rußland unter seinen Konuationalen gegen Oesterreich - Ungarn geschürt hat. Allerdings, Graf Schönborn hat Recht, wenn er „Fernwirkungen" des russisch-japanischen Krieges für Europa voraussieht, aber er hat Unrecht, zu glauben, daß diese Fernwirkuagen im Falle des Sieges der russischen Waffen günstigere wären. Der Sieg Rußlands wäre gleichbedeutend mit dem Siege der Reaktion und der Stärkung der russischen Autokratie in ganz Europa. Schon vor dem Kriege hat man ein allgemeines Bauchrutscheü, ein Wettkriechen aller europäischen Machte vor dem russischen Einfluß beobacht n könmn. Das Volk der Dichter und Deuker, das einen Kant und Goethe gezeugt, gab seine führende Stellung in der Kulturgeschichte, die Grande-Nation, die sich mit dem Ruhme der Proklamierung der Menschenrechte bedeckt hat, gab die führende Stellung in der politischen Geschichte preis, um ein gnädiges Lächeln des Zar-Despoten zu erhaschen. Wie würden sich die Dinge erst gestalten, wenn Rußland, zur größten Wellmonarchie der Geschichte herangewachsen, im fernen Osten das mächtig aufstrebende Japan niederwerfen würde? Darum stellen wir den Folgerungen des Grafen Schönborn die Behauptung entgegen, daß die Würde selbst der christlichen Staaten in Europa die Niederlage Rußlands in Ostasien geradezu erfordert. Nach dem Zeugnisse des Grafen Schönborn ist ja auch Amerika ein christlicher Staat, und wenn schon um die Wette gekrochen werden muß, wenn Europa schon dem Fluche verfallen ist, vor der einen oder der anderen Weltmacht im Staube zu liegen, wäre es nicht auch dem Grafen Schönborn lieber, sich vor dem christlich-humanitären Amerika, als vor dem unchristlichbarbarischen Rußland demütigen zu müssen? Vom Jahrmarkt des Lebens. GLoffen zur Tagesgeschichte. (K a r p e l e s w i r d A n t i s e m i t. — K u n st u n d G e s ch ä f t. — Etwas vom Solid« ritätsgefü hl. — Warn m Dr. Lueger keine Schulärzte will.) „Haben Sie schon gehört, Herr Schlesinger? Karpeles läßt sich taufen!" „Echt jüdisch!" Nicht neu, ich weiß. Es tut aber gut, sich gelegentlich der elektrisch geladenen sozialen Atmosphäre zu erinnern, aus welcher jener Funke aufgesprungen ist, der da sticht und zugleich Licht gibt. Es ist manches „echt jüdisch", was nicht sein oder anders sein sollte. Mein Gott, wenn Einer seit jeher in der Welt nichts anderes erfahren hat, als nur Ungerechtigkeit und Bedrückung, wenn er immer nur getreten, verhöhnt, gemartert worden ist, dann darf man sich nicht groß verwundern, wentt er schließlich gebückt einherschreitet, sich gelegentlich 'mal unterduckt und sich zu verkriechen trachtet. Das ist menschlich begreiflich, sowohl beim einzelnen Individuum, wie bei einem gequälten Volk. Wenn also das jüdische Rückgrat, auf das das Verhängnis von Jahrtausenden drückt, nicht in jedem einzelnen Falle sich stramm aufzurichten vermag, um allen wüsten Anstürmen Stand zu halten, so bedarf das kaum noch einer Erklärung oder Entschuldigung. Gut, verkrieche dich, wenn dich das Elend mürbe gemacht oder dir die moralische Widerstandskraft von Haus aus gefehlt hat, aber dann werde wenigstens nicht frech, gewesener Karpeles! Man begreift, daß du dich unterduckst, aber man verzeiht nicht die Unanständigkeiten des Renegaten. Du glaubst, aus deiner Rasse ausgetreten zu sein. Lasse es bei dieser holden Selbsttäuschung sein Bewenden haben und verzichte wenigstens auf den fragwürdigen Ruhm, den grimmigen Feinden deines Volkes Handlangerdienste zu leisten. Verzichtest du darauf nicht, dann mußt du es dir gefallen lassen, daß dir das Höschen straff gespannt wird. Die Sache ist die: Der christlich-sozialen Partei, der Partei der Kulturträger Bielohlawek, Strobach, Gregorig, hatte nur noch die Verklärung durch die Kunst gefehlt. Da gingen sie hin und stifteten sich das antisemitische Theater. Da sollte die Probe auf ihr alleinseligmachendes Programm gemacht werden. Wie glorreich mußte doch dieses Theater aufblühen, das gefeit war gegen den jüdischen Einfluß, der bekanntlich alles korrumpiert und herunterbringt, vornehmlich aber die Kunst, die Wissenschaft, das Theater! Die Welt hat diese Blüte erlebt. War das ein Interesse! Selbst in die Hallen der Themis ist das intensivste Interesse gedrungen, und sogar die Gerichte beschäftigen sich mit dem Theater. Das war doch endlich einmal ein Theater, wo alles nach der Ordnung, zuletzt sogar nach der Konkursordnung ging! So lange haben sie das antisemitische Theater in die Höhe gebracht, bis es genötigt war, hausieren zu gehen, hausieren — in der Leopoldstadt. Echt jüdisch! Die Leute vom Carl-Theater sollten das antisemitische Theater herausreißen, und zwar durch

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