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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-08 · 15 (8.4.1904) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
15 (8.4.1904)
Date
1904-04-08
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Nr- ^)l*a Bloch S Jahrgang XXI Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. --—- . —. Pie«, 8. April 1904. Erscheint jeden Freitag. -■> 4- —- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Verggasse SS. Telegramm-Adresse: Dloch's Wochenschrift» Wien. SepigSPrei» fllr Sestrrrrich: Halbjährig 8 Krone». Einzelexemplare 50 Heller. Für's Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Banzjährig 20 » Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. =m — — x A. k. Postsparcaffen-Arnt Clearing-Verkehr Nr. 810.976. Ledartion und Administration: Wien IX/1, VerggaWe Ar. 39. Telephon Nr. 14.847. Inhalt: Leitartikel: Oesterreich-Ungarn und der russisch-japanische Krieg. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. Eine Unterredung mit Merry de Val. Ein jüdischer Korvetten-Kapitän. „Dat hat de Jud bahn:" Der ritualmordgläubige Klempner Jacob Stadi. Wie ein Blutmärchen entsteht. — Korrespondenzen: Erinnerung an Sulzer. Wien. Wall -Meseritsch, Viehofen bei St. Pölten, Klattau. Die Juden im Heere. Herr von Plehwe und die russischen Juden. Elend in einem jüdischen Städtchen. Odessa. Ein Erlaß über die Behandlung der Juden. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der Ehetvra-Kadischa in Wien. Wieliczka-Klasno. Pensionsfest R. u. E. Altschul. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. - Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Oesterreich-Ungar« «nd der rnsstschjapanische Krieg. (Ein Wort an Se. Exzellenz den Grafen Friedrich Schönborn.) Die diesjährige Osternummer des „Neuen Wiener Tagblatt" zierte einer der glänzendsten Namen Oesterreichs. Graf Friedrich Schönborn, Herrenhausmitglied, Präsident des Verwaltungsgerichtshofes und Justizminister im Kabinett Taaffe, veröffentlichte einen Artikel über „Fernwirknngen" des russisch-japanischen Krieges, welcher im hohen Maße das öffentliche Interesse wachruft. Graf Schönborn sucht darin den Nachweis zu führen, daß nicht nur Oesterreich von seinem speziellen Standpunkte, sondern auch die ganze europäische Welt vom Standpunkte der Zivilisation den Sieg der russischen Waffen wünschen sollte. Die Begründung dieser These verrät den feingebildeten Geist, den denkenden Politiker, als welchen wir den Grafen Schönborn seit jeher kennen. Der derzeitige Präsident des Verwaltungsgerichtshofes ist entschieden der vornehmste und geistvollste Vertreter des konservativen Adels. Er ist ein wahrhaft frommer Christ und das Christentum ist ihm nicht nur ein Mittel der Politik, sondern ehrliche Herzenssache. Jede Zeile trägt den Stempel echter und ehrlicher Ueberzeugung, und darum hat Graf Schönborn allen Anspruch darauf, daß seine Aeußerungen mit vollem Ernst gewürdigt werden, auch dann, wenn man ihnen nicht beipflichten kann, sondern widersprechen muß. Die glänzenden Fähigkeiten des Verfassers treten auch in dem Artikel „Fernwirkungen" hervor. Als die Ursache des russischjapanischen Krieges bezeichnet Graf Schönborn jene Kolonialpolitik, welche angeblich im Namen der Zivilisation mit List und Gewalt fremdes Land an sich reißt, um den Ueberschuß an heimischen Produkten vorteilhaft los zu werden. Graf Schönborn konstatiert selbst, daß diese Politik der „christlichen" Staaten oft mit den häßlichsten Mitteln arbeitet, und er äußert seine Zweifel an der inneren ethischen Berechtigung derselben. Trotzdem sieht er in Rußland gegenüber dem heidnischen Japan den Träger der „christlichen" Kultur. Graf Schönborn ist ein zu logischer Denker, um den klaffenden Widerspruch, der sich hier austut, nicht zu sehen. Die von ihm mit Recht verurteilte Kolonialpolitik, die Aneignung fremden Landes mit List und Gewalt unter dem Vorwände der Zivilisation ist ja nichts anderes als die Geltendmachung des brutalen Rechtes des Stärkeren, und damit, daß er diesen gewalttätigen Mißbrauch der Zivilisation verurteilt, gesteht er selbst zu, daß ein solcher Mißbrauch weder ethisch noch christlich ist. Nichtsdestoweniger hält er es für notwendig, jener öffentlichen Meinung entgegenzutreteu, welche vorwiegend für Japan und gegen Rußland ist, weil er in dem Philojapanismus oder vielmehr noch in dem Autirussianlslnus angeblich eine politische Gefahr für Oesterreich erblickt. Ja, woraus entspringt denn überhaupt diese Richtung der öffentlichen Meinung? Ist sie etwa ein künstliches Produkt, hervorgegangen aus den Agitationen der Presse oder der politischen Parteiführer? Nein! Die gesamte antisemitische Presse ist japanfeiudlich gesinnt und die Führer aller anttsemitischen Sekten haben nacheinander in solenneu Kundgebungen ihrer Begeisterung für Rußland Ausdruck gegeben. Ebenso stehen selbstverständlich die Führer der slavi'chen Parteien auf Seite Rußlands und sie haben durch öffentliche Umzüge dafür gesorgt, daß die Welt über ihre Gesinnungen nicht im Unklaren bleibe. Aber auch unsere Regierungspresse spart nicht an Aeußerungen der Sympathie für Rußland. Es bleiben daher nur einige wenige liberale Blätter übrig, von denen jedoch einige gleichfalls notorisch für die Sache Rußlands eintreteu. Die Gründe, w shalb sie dies tun, sind uns hier gleichgiltig. Wenn daher Graf Schönborn die Tatsache voraussetzt und anerkennt, daß die öffentliche Meinung zum größten Teile philojapanisch ist, so kann die'e Stimmung nicht auf die Haltung der Presse oder der Parteiführer, sondern sie muß auf den Volksinstinkt zurückgeführt werden, welcher hier unabhängig von der Presse sich entwickelt und seinen Ausdruck findet. Das heißt mit anderen Worten: Der überwiegende Teil der öffentlichen Meinung, auch der christlichen, wünscht aus inneren Gründen des Gefühles und des Verstandes in diesem schweren Kampfe Japan den Sieg. Schon in seinen einleitenden Worten, in welchen er die Gewalttätigkeit und Hinterlist der von den „christlichen" Staaten befolgten Kolonialpolitik verurteilte, ist Graf Schönborn mit dem Dogma der ethischen Ueberlegenheit des Christentums gegenüber dem Heidentume in Konflikt gekommen, und es ist ein anerkennenswertes Zeugnis seiner politischen Ehrlichkeit, daß er diesen Konflikt nicht zu verschleiern suchte. Der Gegensatz tritt in den

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