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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-01 · 14 (1.4.1904) · page 18

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
– (sequence 18)
Language
German
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Seite 23V Dr. Bloches Wochenschrrfl. Sll. 14 dem Schönen, sammle im Straßenstaub und Schmutz - Stroh für die egyptische Regierung!. .. Reich' mir, mein Herz, einige Nüsse... So, genug..." Fünf oder sechs Nußkerne fallen in den Mörser, von Neuem beginnt der Stößel seine Arbeit und Großpapa fährt zu erzählen fort. HL „Ja, ja mein Söhnchen ... Es ist schon lange her, sagst Du, seit man Pithon und Ramses erbaut hat. ... Du kennst diese Erzählung aus dem Pentateuch. Hast Du aber beim Lesen derselben daran gedacht, als „Wajokom melecli chodosch“ (und es kam ein neuer König auf den Thron) daran gedacht, wie schwer es war, dieses „Strohsammeln" zum Bauen egyptischrr Städte und Festungen? Das „Strohsammeln" ist zwar eine erniedrigende und unangenehme aber verhältnismäßig leichte Beschäftigung; findest du kein Stroh an einem Ort, so gehst du an einen zweiten oder dritten. . . . Nun aber, mein Kind, paß' gut auf: in dem weiten Egypterland dursten die Juden nur in einer Provinz wohnen, und zwar in Gosen. Dort wurden sie geboren, dort starben sie auch. . . . Und kann man längere Zeit auf einem begrenzten Raum Stroh sammeln, wenn auf jeden Halm zehn Menschen zugleich sich stürzen? So begannen sie denn „statt Stroh, die Ernte zu sammeln"; eigene und fremde . . . Was kann man tun, sobald man täglich eine bestimmte Anzahl Ziegel liefern muß, und kein Stroh zur Fabrikation derselben erhält? Gern oder nicht, mußten die Juden ihr Ansiedlungsgebiet, d. h. Gosen verlassen, und das Stroh verstohlen anderwärts sammeln. Und jetzt stell' Dir vor: In ein außerhalb der Grenzen Gosens gelegenes Dorf oder Städtchen kommen jüdische Arbeiter und sangen an, auf Straßen, Feldern und Wiesen Stroh zu sammeln; da plötzlich, als tauche er von unter der Erde empor, erscheint so ein egyptischer Polizist vor chnen: ein Kerl von der Höhe eines Turmes, rote, hervorstehende Augen, die Nase blaurot, in der Hand eine Knute mit Bleikugeln dran. Er stampft auf mit dem Fuße und brüllt, egyptischer Sitte gemäß, aus aller Kraft. „He, ihr verfluchten Kerle? Wozu, zum Teufel, seid ihr hergekommen?! Was? . . . Stroh sammeln? . . . So . . . Und warum soll ich glauben, daß ihr wirklich Stroh für die egyptische Regierung sammelt? Vielleicht seid ihr Diebe, Schmuggler?! . . . Weiß ich was? . . . Ein alter Sperling geht nicht so leicht auf den Leim! Ich kenn' euch gut, ihr jüdischen Betrüger! ..." Und er haut sie über Schultern und Rücken mit seiner riesengroßen Knute und schimpft fürchterlich, wobei er ein ganzes Wörterbuch egyptischer Grobheiten erschöpft. . . . Die armen Juden begeben sich unter den Schutz eines anderen, eine höhere Würde bekleidenden egyptischen Polizisten. Dieser waltet seines Amtes schon ohne Knute, auch sind seine Augen nicht rot, sondern grünlich, gelb und gleichsam wie von Oel, oder vielleicht einer ftommen Träne umflort. „So und so war es", verteidigen sich die angeklagten Juden, „wir mußten für die egyptische Regierung Stroh sammeln, so sind wir. ..." „Was habt ihr getan, meine Herren?" unterbricht der egyptische Beamte, indem er sie mit seinen guten, sanften Augen bettachtete. „Wie konntet ihr aus Gosen auswandern, wenn ihr in diesem Gosen euren stabilen Wohnort habt?! Ihr sagt, daß ihr Sttoh für die egyptische Regierung sammeltet? . . . Gut. . . Zeigt mir aber irgend eine Verfügung oder einen Paragraph des egypttschen Gesetzes, der sich auf euren Ansiedlungsrayon bezöge und in dem es euch gestattet würde, Gosen zu verlassen . . . wie? . .." Und die Juden wissen nicht, wie sie antworten sollen, die Aermsten stehen da und zittern wie im Fieber.... „Eure egyptische Excellenz", meldet inzwischen der jüngere Polizist, „nachdem diese und diese Juden den ihnen angewiesenen Ausiedluugsrayon ohne Erlaubnis der respektiven Beamten verlassen haben, so wird in Anbetracht dessen. . ." Und so Wetter mein Söhnchen und so weiter. Schwere Zeiten waren das! sehr schwere Zeiten! IV. Immer langsamer bewegt sich der Stößel in den Händen Großpapas. . . Die alten sinnenden Augen voll bodenlosen Herzeleids funkeln unter den herabhängenden, dichten, weißen Brauen hervor. . . Das Gesicht des Greises und seine ganze Gestalt nehmen weiche, filigranartige, gebückte Formen an. . . Einen kindlichen und gleichzeitig kraftlosen Eindruck macht dieser siebzigjährige Greis; die erkaltende Hand auf dem messingenen Stößel haltend, spricht er — ohne meine Gegenwart zu beachten — mit.leiser, langsamer Stimme: „. .. Und machten ihnen das Leben bitter durch die unausgesetzte Arbeit beim Lehm und bei den Ziegeln. . „Und es befahl der König von Egypten: Und wenn ihr sein werdet beim Gebären der jüdischen Frauen, so gebet wohl Acht; und ist's ein Sohn, so tötet ihn. . ." „Und es rollt, es rollt der herrliche Nil seine blauen, mächtigen Wellen. . . Zum Himmel strebende, wmiderbare Palmen haben ihre prächtigen grünen Fächer in der Höhe ausgebreitet und schützen damit die ihnen heiligen Fluten des ewigen Stromes vom Staube und von der Hitze der Wüste. Ein heller, rosenroter Morgen hat die ganze Welt mit einem goldigen Schimmer übcrgossen. Wie klar ist dieser südliche Himmel, wie heiter klingt im Lorbeer das Schwirren der goldbeschwingten Bienen und der Gesang verschiedenfarbiger Vögel, und — wie grausam, wie schrecklich grausam sind die Menschen! . . . Noch einige Stunden — und es beginnt das alljährlich wiederkehrende Fest der Befreiung, und man setzt sich um den Tisch und wenn die Charoses an die Reihe kommen, nimmt man dieses ärmliche Gemisch von Aepseln, Nüssen und Wein in die Hand und die Väter teilen es unter ihre Söhne und Enkel und sagen: „Eßt, Kinderchen, das ist „Secher letit", und gedenket des Lehms, den kneten mußten eure Urahnen in Egypten. Ein schöner Vergleich — Lehm und Charoses. . . Aber den großen Chemiker möcht' ich sehen, der den- Mut hätte, Charoses für den „Seder der Zukunft" zu erfinden, den großen Chemiker, der eine solche Mischung aller Abscheulichkeiten zu Stande brächte, daß wenigstens die äußere Gestalt die künftigen Generationen an das erinnern wird, was wir jetzt.. ." „Nachmen! ... Nachmen ..." erklang plötzlich aus der Küche die Stimme der Großmama, „was machst Du dort so lange? Sind die Charoses bald fertig? . . „Gleich, gleich" rief aus seinen Träumen geweckt der Großpapa und ging mit erneutem Eifer an die unterbrochene Arbeit. Bald waren die herrlichen Charoses fertig, und daß ich's euch nur gestehe, ich verspeiste sie mit viel größerem Appetit als die grünen, an den Frühling gemahnenden Salatblätter, oder das Ei, das Symbol der Unendlichkeit, ohne des Meerrettigs zu gedenken, der, am Ostertisch genossen, uns veranschaulichen soll, wie bitter das Leben unserer Urväter in ihrem einstigen Ansiedelungsrayon, im uralten Egypten gewesen . . . V. Es vergingen mehrere Jahre . . . Mechanisch greife ich nach einer alten Bibel und schlage das mir so wohl bekannte, erste Kapitel des Buches Exodus auf . . . „Ach, wie schlecht war dieser Pharao!" denke ich, „wie grausam! „Und wird ein Sohn geboren, so tötet ihn ..." Er begriff nicht mal die Bedürfnisse seines eigenen Landes . . . Die junge Generation, die doch an die Stelle der alten, physisch und geistig schwachen zu treten bestimmt ist, nicht leben zu lassen! ihre Entwicklung zu hindern! „Aber", lese ich weiter, „die jüdischen Hebammen fürchteten Gott und taten nicht nach dem Befehle des Königs, sondern ließen die Knaben am Leben." Seht doch! gewöhnliche Hebammen und vor Tausenden von Jahren und sie sogar verstanden, daß es eine Sünde ist, solche Gesetze zu geben, und eine Sünde, ihnen zu gehorchen . . . Daß es doch in den grausamsten Zeiten noch gute Menschen gibt. . . Sonderbar nur, daß ein Gedanke, welcher einer dummen Hebamme so verständlich war, keineswegs in dem durchlauchtigsten Kopfe des egyptischen Pharaonen Platz finden konnte . .

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