Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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Seite 228 Dr. Llocb's Mlocdenscbrm. Nr. 14 Und all diese Predigten sprach er frei, ohne sic je niedergeschrieben und vorbereitet zu haben. Es wäre das auch nicht möglich gewesen, denn oft predigte er drei Tage hinter einander, wenn nämlich ein Sabbat einem Feste voranging oder folgte. Man sah also gleichsam den Werdeprozeß, den Aufbau einer solchen Meisterrede. Nach jeder Predigt ging ich hinaus aufs Feld und deklamierte laut all die Sätze, die ich noch frisch im Gedächtnisse behalten hatte, mit demselben Pathos und derselben norddeutschen Aussprache, die mir so sehr imponierte und die wir Hörer allesamt uns anzueignen bemüht waren. Jeder von uns, ob seine Wiege in Sürospatak oder Wieliczka gestanden, „lorchte", d. h. er konnte oder vielmehr wollte das „r" ohne einen leisen Beisatz des „ch" nicht aussprechen. Keiner von uns hatte einen guten Tag, sondern nur einen „juten Dach" und wer gar nichts zu essen hatte, der nahm ein paarnorddeutsche „au" in den Mund und hatte volle Backen. Ich hatte langst kein Nachtmahl mehr, nur ein „Abendbrot", was wirklich Paßte, denn für den Groschen konnte ich in der Tat am Abend nur Brot essen. Aber es war ein reges wissenschaftliches Leben dort, das grundlegend meine ganze Zukunft beeinflußte. Besonders der Sabbat bot viel Belehrung. Vormittags Predigt, nachmittags eine talmudische Dissertation von einem der alten Rabbinatsassessoren, worauf dann ein homiletischer Vortrag von einem Mitgliede des Rednervereines folgte, der aus den älteren Rabbinatskandidaten bestand, von denen gar manche zu Bedeutung gelangten: Dr. K a y s e r l i n g-Budapest, Salamon Kutna- Eisenstadt, Ehrenthei l-HorLitz, W eiß-Pohrlitz u. a. Endlich folgten Vorträge des deklamatorischen Vereins, dessen jüngstes Mitglied zu werden ich dem Zufalle dankte. Nachdem nämlich einmal die programmäßigen Vorträge zu Ende waren, beantragte ein Bochur, der mich einst ein Gedicht deklamieren gehört hatte, man möchte mir erlauben, dasselbe vorzutragen, worauf ich einstimmig als Mitglied des Vereines ausgenommen wurde, der einzige Schüler des Untergymnasiums. Besonders lehr- und genußreich waren die Vorträge über jüdische Geschichte' die Dr. H. G r ä tz, der spätere berühmte Historiker, zweimal wöchentlich hielt. Er war mit dem Landesrabbiner als Hauslehrer nach Nikolsburg gekommen. Leider hörte ich ihn nur zwei Monate, da er zum Direktor der Schule in Lundenburg gewählt wurde. Interessant ist es, daß dieser Meister des deutschen Stils von dem dortigen Rabbiner M., der mit ihm in Fehde lebte, als Ignorant der deutschen Sprache ausgeschrieen wurde. Grätz hatte ihn die Geburt einer Tochter auf einer Karte angezeigt, und dabei ist ihm der Lapsus unterlaufen, zu schreiben, seine Frau sei m i t (statt von) einer Tochter glücklich entbunden. Der Rabbiner zeigte diese Karte aller Welt als willkommenes corxus delicti. Das hat aber das Kuratorium des Breslauer Rabbinerseminars durchaus nicht abgehalten, ihn — nicht den Rabbiner, sondern Grätz — als Professor zu berufen, und das Kuratorium hat cs nicht bereut. So flössen meine Tage in nützlicher und wechselreicher Beschäftigung dahin. Meine sehr bescheidenen Bedürfnisse wurden teils durch Wiederholungsunterricht, den ich einen meiner Mitschüler erteilte, teils durch Schreiben bei einem Winkeladvokaten gedeckt. Eine unverhoffte Unterstützung ward mir durch einen Hunsdorfer Landsmann, Aron Spitz, der in Erbschastsangelegenheiten nach Nikolsburg und zufällig in die Kanzlei gekommen war, wo er mich erblickte. Er gab mir fünf Gulden und versprach mir, auch ferner meiner zu gedenken, und der edle leider früh verstorbene Mann hielt Wort. Er schickte mir auch mittelst Post Geldbeträge, und bei seinem zweiten Besuche in Nikolsburg legte er ein solches Interesse für mich an den Tag, daß er zum Landesrabbiner ging, um Erkundigung über mich einzuholen, und bald darauf erhielt ich nebst einer Geldunterstützung einige Stück Hemden, welche mir seine Frau schickte. Das bestärkte mich in dem Glauben an das Gerücht, von dem ich vom Hause Kunde erhielt, daß nämlich Spitz, dessen Ehe nach vierzehn Jahren kinderlos geblieben, die Absicht geäußert habe, mich an Kindesstatt anzunehmen. Aber ich hatte kein Glück mit der Adoption, und sollte ich meinen guten Eltern ausschließlich erhalten bleiben, denn ein Jahr später ward Frau Rosa Spitz, verehelichte Leo Pollner, von (nicht mit) einer Tochter entbunden, und von da ab versiegte für mich auch die Goldquelle. Da traf wie ein Blitz aus heiterm Himmel unsere begeisterte Jüngerschar ein schwerer Schlag. Eines Tages verbreitete sich in der Gemeinde wie ein Lauffeuer das Gerücht, der Landesrabbiner habe seine Kündigung eingereicht und gehe nach Frankfurt a. M. zu einer kleinen Fraktion, die sich von der dortigen Gemeinde losgesagt hat. Niemand wollte dem Glauben schenken. „Er wird doch nicht das erste Rabbinat des Kontinents, das Landesrabbinat von Mähren und Schlesien, ein wahrhaftes Fürstentum aufgeben? Und wofür? Für etwas, das noch gar keine Gemeinde ist?" So sagte sich alle Welt, und dennoch war es wahr, es war bereits eine unumstößliche Tatsache; der Entschluß des Landesrabbiners war unabänderlich. Es kamen Deputationen aus allen Gemeinden. Der berühmte Philanthrop Hirsch K o l i s ch, der Begründer der jüdischen Normalschule und des T a u b st u m m e n- Instituts in Nik o ls b ur g, der später unter dem Direktor Joel Deutsch nach Wien übersiedelte, machte sich dem Landesrabbiner erbötig, er wolle, wenn der Rabbi bliebe, für jedes seiner Kinder — und er hatte schon damals fünf — den Betrag von zehntausend Gulden hinterlegen — es half nichts. Seine stereotype Antwort war: „Ich habe in Frankfurt mein Wort gegeben". K o l i s ch reiste nach Frankfurt, damit die Männer dort, die sich um den Rabbiner Hirsch bewarben, ihn seines Wortes entbinden. Sie wollten nicht und so verließ der Landesrabbiner seinen Ehrensitz, den er kaum fünf Jahre innehatte. Was der Beweggrund seines aller Welt unfaßbaren Entschlusses gewesen sein mochte, konnte kein Mensch von ihm erfahren. Er war eine ernste, in sich gekehrte, durchaus nicht mitteilsame Natur und hielt jede Vertraulichkeit von sich fern. Wahrscheinlich hatte er noch immer in Nikolsburg sich nicht heimisch gefühlt. Er st and eben an der Wende zweier Zeitperioden. Die neue Zeit war gekommen, aber die alte, entschwindende warf noch immer ihre Schatten in die Gegenwart hinein, und er hatte auf Schritt und Tritt, bei jeder Neuerung, die er ins Leben rief, bei jeder Veränderung, die er vernahm, wenn sie auch religiös gerechtfertigt, ja, geboten war, gegen die ungreifbaren Schatten der Vergangenheit zu kämpfen, gegen jene unsichtbare Macht: „das ewig Gestrige, was immer war und immer wiederkehrt und morgen gilt, weil's heute hat gegolten." Die Wahrheit dieses Satzes mußte Hirsch einmal an einem Jom LiMur-Abend an sich erfahren, wo er in ganz gemeiner Weise öffentlich in der Synagoge von einem alten reichen Manne (S. Schw.) insultiert wurde. Der Landesrabbiner hatte nämlich, entgegen dem alten Gebrauch, die Anordnung getroffen, daß das „Kol-nidre", das ist die Lösung von den Gelübden, welche der Jude bezüglich seiner Person auf sich nimmt, nicht wie bisher nach, sondern vor der üblichen Predigt vorgetragen werde, von der richtigen Erwägung geleitet, daß nach dem Religionsgesetze die Lösung der Gelübde nur am Tage, nicht aber in der Nacht vorgenommen werden darf. Wenn aber zuerst gepredigt wird, so wird Kol-uidre immer in der Nacht gesagt, was vorschriftswidrig ist. Aber der alte Schw., ein erbgesessener „Balbos der Altschul", lehnte sich dagegen auf. „Lauter neue Sachen", schrie er. Was unsere Großen seit Jahrhunderten, was der heilige Rebbe R. Mordechai Beneth,