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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-04-01 · 14 (1.4.1904) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
14 (1.4.1904)
Date
1904-04-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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~cilt 222 Dr. Dlocv's Mocvenscvrill. Nr. 14 Mitglieder, der Herren LeopoldGuttmann und Berthold Kohn, und erteilte dem Schriftführer Herrn I. L ö w i t dos Wort zur Verlesung des Rechenschaftsberichtes. Wir entnehmen demselben den bedeutenden Aufschwung, den der Verein im abgelaufenen Jahre genommen hatte. Der Verein zählt heute 245 ordentliche Mitglieder, als Stifter sind dem Vereine mit dem Betrage von je 200 Kronen beigetreten die Herren: Samuel Herzl, dem Andenken an Karl Schwarz, Isidor Schwarz, Josef Groß, Philipp Finkler und Karl D. Boskowitz. Die Michael Back Stiftung hat die Höhe von 2ö00 Kronen erreicht. Nach Verlesung des Kassaberichtes durch den Kassier Herrn Leopold L i b e s n y wurde über Antrag des Revisors Herrn Philipp Finkler dem Vorstände das Absolutorium einstimmig erteilt. Nun wurde zum Punkt IV. der Tagesordnung: Ernennung von Ehrenm'tgliedern, geschritten. Uebcr Antrag des Vorstandes durch den Obmann Herrn Isidor Schwarz wurde Se. Ehrwiirden Herr Rabbiner Tr. Adolf S ch m i d t, der sich in hervorragender Weise durch seine geistvollen Reden sowohl beim Bekleidungsfest als auch beim hundertsten Geburtstage eines armen Glaubensbruders unr den Verein verdient gemacht hatte, einstimmig zum Ehr-mmitgliede ernannt. Ueber Antrag des Herrn Karl D. Boskowitz wurde Herr Michael Back, der im Vereine mit seiner edlen Gattin die nach ihm benannte Stiftung dem Vereine widmete und sich um die Förderung desselben ebenfalls unvergängliche Verdienste erworben hat, emstimmig zum Ehrenmitgliebe ernannt. Nun wurde über Antrag des Herrn Edmund H o f m a n n der verdienstvolle Obmann Herr Isidor Schwarz, der sich durch seine stets hilfreiche Hand, seine Herzensgüte, seinen Opfermut und seine Tatkraft, mit der er cs verstanden hat, diesen Verein auf die heutige Höhe zu bringen, unvergleichliche Verdienste um diesen eminent humanen Verein erworben hat, ebenfalls mit Akklamation einstimmig zum Ehrenmitgliede ernannt. Nach verschiedenen Anträgen wurde über Antrag des Mitgliedes Herrn Moritz B o n d i dem Gesamtvorstande der Dank für die musterhafte Leitung votiert. Als Revisoren wurden gewählt die Herren Philipp Finkler. Leopold Klein und Elias Weiß. Mit einem herzlichen Dank namens des gesamten Vorstandes schloß die würdig verlaufene Generalversammlung. J. L. „Europäer" und „Asiaten". In Zeiten der Not und Pestilenz, da das Sterben ins Land geritten kam, auf dem Gifthauche der Seuchen sich hereinwälzte in den erstickenden und sengenden Schwaden der zehrenden Kriegsflamme, lief das Volk zur Kirche, um aus des Priester s Mund der Gottheit Rat zu hören. Und wenn des schweigenden Gottes ratloser Diener dann der Menge gegenüberstand, da er ihr antworten mußte, Aufschluß über Dinge geben, die der naiv schließenden, in ihrem Instinkte doch gerade und billig denkenden Volkspsyche nicht recht einleuchten wollten; wenn er sagen sollte, warum denn all diese Plagen gekommen seien: da mochte er nicht gestehen, welche Mächte allein das Unglück zu verantworten hätten. Unstet irrten seine Augen herum. Da kam ihm im rechten Augenblicke der rechte Gedanke. Es ist ein gedrücktes, gebücktes Jüdel, das scheu an der geöffneten Kirchentllr vorüberhnscht, und der Würdevolle erhebt die vor Unwillen bebende Stimme: Wohl kann er, der Diener der Gottheit, Grund und Ursache des himmlischen Zornes verkünden! Es ist der Ungläubigen, der Juden Anwesenheit, die dem Gotte ein Greuel sei Diese müsse man zur Abwendung des hereingebrochenen Strafgerichtes dem Untergange weihen. Die russische Negierung weist Juden aus Sibirien aus, weil oder trotzdem sie Hochverräter und Spione sind! Kann man überhaupt humaner und nachsichtiger Vorgehen? Man singt nicht umsonst heilige Lieder. Die fromme Gesinnung manifestiert sich auch in Taten. Hochverräter in Kriegeszeit! Welcher Staat kann sich noch rühmen, solche Delikte so milde zu bestrafen! Ja, das heilige Rußland ersucht in nachsichtiger Milde Hochverräter, sich doch gefälligst in ein anderes Gebiet des weiten Reiches zn begeben, wo man sie gar nicht als Verräter, gar nicht als Spione ansehen wird! Es sind Unschuldige, die man zu Tausenden in den sibirischen Winter hinausgejagt hat mit Weib und Kinr>. Die Roheit zeigt sich in ihrer ganzen Brutalität, da die Eisenbahn den Unglücklichen den Transport verweigert. Auf höheren Befehl! Man wäre versucht, anzunehmen, daß diese Maßregel von der Heeresleitung ausgehe und für das Ausland bestimmt sei, um für die überraschenden Mißerfolge der Russen ein mitleidiges Mäntelchen abzugeben. Um der Welt klar zu demonstrieren, daß Juden die Ursache der Schlappen seien, die Rußland im fernen Osten erlitten. Es ist klar, daß die plumpe und brutale Verfügung der Ausweisung der sibirischen Juden die reine Ironie ist, geradeso wie die an die Mächte gerichtete Note Rußlands, betreffend ein völkerrechtswidriges Verhalten Japans. Wenn trotz vieler schwer in die Wagschale fallender Momente die Minister des Autokraten diese barbarische Verfügung, von der sie wußten, daß die Welt sie klar beurteilen müffe, veranlaßten, so mußten gewichtige Momente milspielen, welche entscheidender waren, als die Meinung der nichtrussischen Welt, welche alle sonstigen Bedenken selbst in dieser für Rußland schweren Zeit niederschlugen. Der Minister des Auswärtigen mag sich nur die Füße mehr wundlaufen auf der Suche nach Verbündeten und Helfern. Das ist seine Sache. In Petersburg hat Herr Plehwe anderes zu tun, als sich um die Welt und ihre Meinung zu bekümmern. Bis an den Hals stieg ihm das Wasser, und in seiner Not greift er nach dem erprobten Auskunftsmittel. Denn es wird rhm ein wenig schwül. Das Engagement einer solchen Trnppenmenge im fernen Osten und die Entblößung der westlichen Provinzen von Militärgewalt scheinen ihre Früchte tragen zn wollen. Es ist nicht mehr ein demütiger Haufe, der sich in stiller Untertänigkeit der von Gott eingesetzten Obrigkeit naht und um gnädige Almosen bettelt Sondern ein unheimliches Brausen macht den Boden unter den jetzigen Machthabern wanken. Wie unterirdische Wasser, die an des Schachtes Wänden drohend vorübersausen und mit jedem Augenblicke Tod und Vernichtung bringend hereinbrechen können. Es ist dies gewiß kein angenehmes Gefühl für die Bedrohten. Noch weniger angenehm ist es aber für die Europäer, die zufälligen Nachbarn des halb asiatischen slavischen Zarenreiches, sehen und hören zu müssen, mit welchen entsetzlichen Mitteln man dort Remedur schaffen will. Wird im Innern Afrikas bei abergläubischen, auf der tiefsten Kulturstufe stehenden Negerstämmen ein Menschenopfer dargebracht, wissen die Zeitungen nicht genug Lärm zu schlagen über die Sünde einer solchen Tolerierung. Werden aber Tausende in den Tod hinausgestoßen, blos darum, weil man sie als Blitzableiter benützen will, bleibt das mimosenhafte Gewissen still. Denn mit der Darbringung von Hekatomben Menschenleben sucht man sich in Rußland selbst zu saldieren. Es werden sich bald die Tage von Kischenew jährcn. Und glaubte man damals der im vorigen Frühling drohenden Revolution dadurch entgegenzuarbeiten, daß man die rohe Volkswut auf die Juden lenkte und der Bestie Menschen zum Fräße vorwarf, kann ja diesmal das gleiche Mittel auf seine Tauglichkeit versucht werden. Was nützten die Polizeidienste der deutschen Negierung? Was nützten die strengsten Sonder Verordnungen gegen die Zemstwo? Ist ja selbst der Adel zum überwiegenden Teile in den Reihen der erbittertsten Regierungsfeinde. Ueberall gährt es, überall wogt es . . . unter der blutigen Henkersfaust warten die Funken nur auf den richtigen Moment, um über dem jetzigen Regime in verheerender Lohe emporzuschlagen. Die Bauern sind längst schon störrisch, die Arbeiter, wo sie sich nur halbwegs organisiert haben, offen widersetzlich. Und nun droht die allgemeine Erbitterung über den gewissenlos heraufbeschworenen Krieg das allgemeine Bindemittel zu werden, der Kitt, welcher die verschiedenen sozialen Stellungen der Malcontenten zu einem Ganzen einen soll; es scheint ein Bett gefunden zu sein, in das all' die verschiedenen Strömungen einmünden und in reißendem Laufe dann den Unrat der moskowitischen Bureaukratie hinwegschwemmen werden. Darum sollen die Juden herhalten. Es ist der letzte Witz der Petersburger Regiernngskunst. Wirft sich der tolle Pöbel auf die Juden, bleiben die hochmögenden Herren verschont. Das ist der Sinn der Ausweisung der sibirischen Juden. Und diese Wichte dürfen ungestraft der Kulturwelt einen Vorwurf daraus machen, daß Europa das aufstrebende, intelligente Jnselvolk der Japaner mit wohlwollendem Auge betrachtet. Diese Räuber der primitivsten Menschenrechte wollen die Lehrer des Völkerrechtes spielen! Es wäre an der Zeit, daß die Völker Europas ihre heiligsten Güter zu wahren beginnen. Die Gesetze des Haunnurabi. Auf der Tagesordnung der Donnerstag stattgesundenen Plenarversammlung der Wiener Juristischen Gesellschaft stand ein Vortrag des Hofra'es Professor Dr. David Heinrich Müller über die Gesetze Hammurabis. Den Vorsitz führte zum erstenmal seit seiner Genesung der Präsident des Obersten Gerichtshofes, Dr. Emil Steinbach; er wurde bei seinem Erscheinen mit lebhaftem Händeklatschen empfangen. Er dankte für die Sympathiekundgebung und begrüßte den Vortragenden mit folgenden Worten: Es sei zwar Gepflogenheit in der Juristischen Gesellschaft, daß hier vor allem aktuelle Fragen besprochen werden; allein dies bedinge noch nicht, daß man die rechtsgeschichtliche Forschung gänzlich vernachlässige. Wohl noch niemals sei ans dem Gebiete der rechtshistorischen Forschung ein Fund von so epochaler Bedeutung gemacht worden, wie derjenige, dessen Besprechung auf der heutigen Tagesordnung stehe. Und die Wiener Juristische Gesellschaft habe zur Besprechung dieser Entdeckung keine geeignetere Persönlichkeit finden können als die erste Autorität ans diesem Gebiete, Herrn Hofrat Müller. Letzterer ergriff sodann das Wort zu nachstehenden Ausführungen: Die unter Leitung I. de Morgan's betriebenen Ausgrabungen auf dem Akropolishügel in Susa führten in den ersten Tagen des Jahres 1902 zur Hebung eines Dioritblockes von mäßigem Umfang. Tritt man an den Stein selbst heran, so erblickt man ein Relief, welches den Sonnengott mit dem Schreibgriffel in der Hand darstellt, wie er dem König Hammurabi das Gesetz diktiert. Der Stein ist von

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