Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 14 Dr. Llocb's MocbenscdrM. Seite 217 gravitieren.) Er erklärt das immer wieder und bei jeder Gelegenheit. Es vergeht kaum eine Woche, kaum ein Tag: kein Sozialdemokrat, kein Alldeutscher wird von ihm jemals angestellt werden. Er wird nicht nicht müde, seine zwei Argumente immer wieder auf das Tastet zu bringen. Hierbei erwähnt er die Juden niemals. Begreiflich. Das versteht sich von selbst. Whig. Zwei bisher imgedruckte Kriefe H. Kanbe's an Körne. H. L a u b e schrieb in seinen Erinnerungen 1810—1840, Wien, 1875, Seite 199 f): „Ich habe öfters gehört und gelesen, daß die „Reisenovellen" den Hcine'schen Reisebildern nachgebildet seien. Heine ist gewiß in mir mächtig gewesen, aber durchaus nicht dergestalt, daß ich an eine Nachahmung gedacht hätte . . . Börne stand mir damals viel näher für die Schrift. Sein reales unmittelbares Ansassen dessen, worüber er schrieb, entsstrach ganz und gar meiner schriftstellerischen Neigung, und seine nackte politische Welt war mir verständlicher als die poetischpolitische Mischung in Heine . . . Beide, Heine und Börne, waren übrigens von überwältigendem Einflüsse auf die jungen Schriftsteller jener Zeit, und der Literarhistoriker muß sie als Führer einer Epoche hinstellen. Wenn auch Börne bald in den Hintergrund geraten ist, weil er keine schöpferische Fähigkeit hatte, sein Einfluß auf den Stil in unserer Schriftwelt ist von nachhaltiger Bedeutung geworden. Er hat den Schwulst verjagt und den bündigen, treffenden Ausdruck vorgezeichnet." Wie wir also sehen, ist Börne's Einfluß auf Laube be deutend gewesen. Unter dem 5. März 1833 schrieb Börne an Frau Jeanette Straus-Wohl: „. . Ich habe neulich von einem mir unbekannten Schriftsteller Namens Laube, der mir aus Leipzig ein Buch geschickt, einen närrischen Brief erhalten, aus dem ich Ihnen einige Stellen mitteilen will." Dieser „närrische" Brief nebst einem zweiten Schreiben Laube's an Börne sind in einer Abhandlung von Dr. Michael Holz mann, die soeben erschienen ist, zum erstenmale mit Genehmigung ihres Besitzers Doktor G. Schnapper-Arndt abgedruckt. Wir geben im nachstehenden den Inhalt wieder: „Leipzig, 19. Jänner 181 . Ich werde mich nicht erst lange bei unnützen Krummbuckeln an der Türschwelle aufhalten, sehr lieber Börne, nm mich zu entschuldigen, warum ich Ihnen schreibe. Ich liebe Sie sehr — das wäre ja genug; ich könnte Sie in ein Mädchen verwandeln und Ihnen sagen, daß mich solche Schönheit, solcher Reiz nictt mehr länger ruhen lassen, daß ich mein Herz ansschütten müßte. Sie würden's als Mädchen nicht übel nehmen, als unser'Volkstribun werden Sie's noch weniger. Vielleicht hat Ihnen unser beiderseitiger Freund Campe') schon meinen Namen genannt; um so besser: Dann verlieren Sie keine Zeit mit unnützer Verwunderung, was ein stockfremder Mensch will. Ich will eigentlich nur eines: Ihnen meine große Zuneigung, Liebe, Hochachtung ausdrücken, ich würde Verehrung sagen, wenn ich das Wort Menschen gegenüber nicht haßte. Das kann ich indeß besser und nützlicher öffentlich tun; das Herz wollte aber auch ein wenig Zuckerbrot haben, ich gab ihm solches mit der Vertröstung, Börne werde ihm ein paar Zeilen schicken. Zu dem Ende werde ich nämlich mit mehreren Geschäften auf Sie eindringen, deren Sie sich mit ein Paar Handgriffen erwehren müssen. Zuerst leee ich Ihnen ein Paar Exemplare meiner polnischen Geschichte^ bei, und bitte Sie, das eine zu lesen, das andere dem Fürsten Czartoryski durch Ihren Konrad^ zu schicken — ich hoffe, Konrad, den Sie in Ihrer Rocktasche mit zur Berühmtheit genommen haben, > efindet sich wohl. Durch die kompendiöse polnische Totalgeschichte und ihr romantisch verbrämtes Ueberkleid denk ich manchem zu Hilfe zu kommen, der sich nicht entschließen kann, ein dickes Buch zu lesen, und die Geschichte ohne Brimborium zu verbrauchen. In einigen Wochen erhalten Sie den zweiten Teil meines neuen Jahrhunderts — das zu lesen wird Ihre Höflichkeit notwendig machen, denn Sie selbst sind der Hanptheld des ersten Abschnittes, und gegen den geschichtlichen Börne müssen Sie doch insoweit artig sein, daß ') Der bekannte Hamburger Verleger Heine's, Börne's und des jungen Deutschlands, I. Campe. 2) „Das neue Jahrhundert" von Heinrich Laube, Band 1. Polen" Band 2. 3) Der durch die „Pariser Briefe" bekannte Wiener Börne's. Sie ihn ansehen. Das wäre das erste Geschäft; das zweite rst eine Anfrage, die hoffentlich überflüssig ist. eine mitgeteilte Freude, die Sie hoffentlich teilen. Spazier') gibt nämlich Jean Paul's Biographie heraus — Sie werden sich erinnern, daß er ein Neffe desselben ist und die Quellen dazu hat — und ich will sie, den Berlinern zum Entsetzen, Ihnen dedizieren. Er hat zu diesem Zwecke bereits die Vorrede wörtlich vor dem Buche geschrieben. Ich frage Sie nicht einmal, ob Sie was dagegen haben, denn es wäre eine dumme Frage; ich habe aber doch angefragt, ob es Ihnen Freude macht!? Auf nieine Preußen — ich bin selbst in Schlesien geboren — freue ich mich aber wie ein Kind, wenn sie das Gebrüll eines auf den Kopf geschlagenen Rindvieh's anheben werden, daß man ihnen den reinen Jean Paul revolutionär gemacht, daß man ihren Magnetiseur mit dem höllischen Torpaneur zu einer abominablen Mesalliance gekuppelt. Das dritte Geschäft ist eines, worüber Sie mich auslachen werden. Das tut nichts. Ich habe nämlich von diesem Neujahr an die Redaktion des vertrockneten Lederblattes, der „Zeitung für die elegante Welt" übernommen — wenn Sie gelacht haben, denke ich, werden Sie mich nicht mehr schelten. Dieses langweilige Frauenzimmer hat nämlich Zugang zu allen Boudoirs Nord- und Ostdeuischlands. sie trinkt Tee mit der ganzen Aristokratie, eben weil sie artig langweilig ist. Nun fällt mir nicht ein, diese Bande bessern zu wollen — wer heilt chronische Säkularübel — aber ich will sie ärgern, und das kann ich nun alle Wochen fünfmal. Ich habe immer gesagt, der alte Unflat müsse absterben, nur durch vermischte Begattung kann die Rasse allmählich verbessert werden — durch die fünfmal wiederkehrenden Aergernisse jeder Woche denke ich das große Viehsterben zu beschleunigen. Um ihnen nun alle Nahrung zu vergiften, die Luft zu verpesten, Hab' ich ein Blatt zum Literaturblatte gemacht. Da müssen sie dann allwöchentlich die guten Freunde gepeitscht, die Todfeinde mit Gold und Purpur behängt, vorüberziehen sehen. Da hatte ich nun die kecke Idee, Sie allmonatlich um ein paar Zeilen, und wenn es wirklich nur zwei sind, zu bitten, um eine stehende Gifttinktur,Ihre» Namen, zu bringen. VielleichtentschließenSiesich desSpasfes halber dazu. Der Buchhändler hat zu dem Ende seine demütige Hoffnung beigelegt. Sie könnten freilich nur weniger wichtige Gegenstände, vielleicht Literatur, Theater besprechen, sonst streicht es die kön. sächsische Zensur oder das Königreich Preußen und unser Lesezirkel sperrt uns den Zugang; aber Sie sind doch vielleicht so freundlich, meinem Aerger beizustehen. Sollte es Sie interessieren, mein ärgerliches Blatt zuweilen anzusehen, so will ich dafür sorgen, daß Ihnen eines zugeschickt werde, lieber Ihre neuen Bände schreibe ich Ihnen nichts, weil rch an unsere Damen darüber referieren und vor aller Welt recensieren muß und ich schäme mich immer meiner Armut, wenn ich dasselbe wiederholen soll. Sie sind ein Stück Weltgeschichte für Deutschland geworden, unser unbezahlbarer Tribun, unsere demokratische Behörde, wir müssen Ihnen unsere Klagen einschicken, denn Sie sind der einzige unabhängige, wahrheitsliebende Advokat Deutschlands. Damen — sie sind sehr hübsch, vom guten Adel, aber durch meinen plebejen Umgang verdorben — schicken Ihnen die wärmsten Küsse, und wenn Sie einmal — großer Gott wann? — ins freie Deutschland kommen, dann halten wir ein großes Mahl, wo alle die alten Redensarten mit Creme serviert werden, die wir gegen Sie haben anhören müssen und die wir nun versüßt hinunterschlucken. Ich höre, Ihre Briefstellerin* * 3 4) in Frankfurt heiratet? Das hätten Sie nicht zugeben sollen — ich habe zu meinen öffentlichen Briefen auch eine Dame als Objekt. Zielscheibe, sie will aber nichts mehr von mir wissen, seit sie erfahren, daß man solche Dinge, wie Sie, an ein Frauenzimmer schreiben könne. Brockhaus, mit dem ich zuweilen spreche, ist aus dem Häuschen über „den Viehstall"3) — dort habe ich Ihre Verteidigung längst aufgegeben, ich ärgere die Leute nur durch immerwährendes Lachen, wenn die Rede auf Sie kommt und durch die Versicherungen, daß Sie leider erst in 10 Jahren von einer gewissen Klaffe verstanden, ewig aber gesegnet werden würden. Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß der Buchhändler dies kritische Blatt selbst redigiert und daß außer der Todesangst vor Preußen darin der Hauptkeim des Verderbens ruht. Verklagter und Richter in einer Person — das lassen wir Affen uns auch noch immer gefallen! Heine'sO geistreiche Vorrede, aus der ich durch Campe einige Data habe, werde ich Ihretwegen den Leuten beibringen, da mau ihn stets auf Ihre Kosten erhebt — natürlich nicht zu seinem Nachteile, sondern nur zu Ihrem Vorteile — man tut sich immer was darauf zugute, daß er nie so schonungslos gewesen. Ach, er ist darin schlimmer wie Sie, weil er kein so weiches Herz wie Sie hat; Sie schlagen das Pack zürnend ins Gesicht, er sticht grimmig das Messer zwischen die Rippen; er ist viel südlicher denn Sie. — Adieu. Von Herzen wünsch' ich Ihnen Wohlergehn. * * * Ihr Heinrich Laube." ’) Richard Otto Spazier, der Neffe Jean Paul's. versah sein fünfbändiges Werk „I. P. Fr. Richter. Ein biographischer Kommentar zu dessen Werken". a) Die eingangs erwähnte Freundin Börne's. Jeanette Wohl, an welche bekanntlich die „Briefe aus Paris" gerichtet sind und die am 7. Oktober 1832 den Börne befreundeten Salamon Straus heiratete. 3) Unter dem „Viehstall" sind die „Leipziger Blätter für literarische Unterhaltung" gemeint. 4) Heine's Vorrede zu den „Französischen Zuständen", welche Dezember 1832 in Hamburg erschienen.