Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021562--13481-3038135- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 216 Nr. 14 Dr. Dlocb's Mwcvenscbrttr. Kosmopoliten müssen sie werden. Unter dem Zeichen des Verkehres, denn „International" ist die Devise der Zukunft. Haeckel hat es so schön gesagt; in seiner Schrift über das Welträtsel wies er auf „die größte Gefahr der modernen Kultur" hin, gegen die er zum „energischen Kampfe" auffordert mit den Waffen, den „mächtigsten Waffen in dem Kulturkämpfe: Aufklärung und Bildung des Volkes". Erkenntnis und Aufklärung sind ja auch unsere kräftigsten Waffen Vom Zabrmarlrt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Dr. Lueger's politische Weisheit. — Der gemeinsame Feind. — Was si ch von selb st versteht.) Dr. Lueger wuchert mit seinem Pfunde. Das Kapital seiner politischen Weisheit ist nicht groß, aber er weiß es umzusetzen; es rouliert, und das ist schließlich die Hauptsache. Mit seinem Pfunde. Die moderne Zeit ist gewöhnt, mit größeren Einheiten zu rechnen. Man verlangt jetzt doch schon gemeiniglich ein Kilo, er begnügt sich mit dem Pfunde und findet sein reichliches Auskommen dabei. Das Um und Auf feiner politischen Weisheit hat er jüngst wieder bei der Hauptversammlung des deutschen Wählervereines der Leopoldstadt entfaltet. Die Leopoldstadt — das ist ja die heißumstrittene Insel, die Judeninsel! Dort verlohnt es sich schon, daß der gnä' Herr sich persönlich bemüht; dort kann man den Juden am ehesten wehe tun. Also auf, auf zum Kampfe; laßt flattern das christlich-soziale Banner, das Banner der christlichen Liebe und Barmherzigkeit. Er hat sich eingesetzt — voll und ganz. Bei Wählerversammlungen setzt man sich nie anders ein als voll und ganz. Der ganze Lueger kam da zum Vorschein, der ganze, und mit einem Gefühl des Staunens wird man cs gewahr, wie wenig das ist. Freilich, man weiß und wußte es längst, wie wenig in ihm und hinter ihm steckt, aber man hat sich doch immer wieder täuschen lassen durch den blendenden Triumphzug, als welcher sich seine ganze öffentliche Laufbahn darstellt. Man wußte es, daß die Welt mit wenig Verstand regiert werde, aber man ist dann doch erstaunt, wenn man dahinter kommt, mit w i e wenig. Geredet hat er im Verlaufe seiner Karriere gottlob doch gerade genug, aber wenn man seine Reden noch so genau durchforscht, so wird man vergeblich nach einem bedeutenden Wort, nach einem tiefen, großen und neuen Gedanken suchen. Das Geheimnis; seiner Erfolge ist die Banalität seines Geistes. Wie kein anderer seiner Mitstreber hat er es verstanden, jede, aber auch jede öffentliche Frage ins Banale zu biegen, und damit hatte er immer gewonnenes Spiel. Das ist im Grunde gar nicht so verwunderlich. Ein harmloses Beispiel in der Literatur gibt die hinreichende Erklärung. Eine Marlitt hat sich im Fluge das Volk der Denker und Dichter erobert, dasselbe Volk, das von einem Konrad Ferdinand Meyer auch heute noch sehr wenig weiß und das einen Schopenhauer sich achtundzwanzig Jahre in Ingrimm verzehren ließ, ehe er an die zweite Auflage seines Hauptwerkes schreiten konnte. Der ganze Witz besteht darin, sich dem geistigen Niveau seines Publikums zu akkommodieren, und Dr. Lueger ist bekanntlich ein witziger Mensch. Nicht nur ein bedeutendes Wort, nicht nur einen tiefen Gedanken, auch eine ernste Ueberzeugung wird man in all seinen unzähligen Reden vergeblich suchen. Die Vor- und Grundbedingung all seiner berauschenden Erfolge ist sein Antisemitismus, und an die Echtheit dieses Antisemitismus glauben, von Gregorig und dessen kläglichem Antisemitenbund abgesehen, nicht einmal die Juden selbst recht. Wie denn auch?! Als die ungeheuerliche Tragikomödie des Tißa-Eßlarer Ritualmordprozesses aufgesührt wurde, unter dessen Nachwehen die Judenschaft der gesammten Diaspora schwer zu leiden hatte, da war noch Dr. Lueger, der Volkstribun, der Palladin des Rechtes, der Bildung, der Ausklärung, von einigen dankbaren Wiener Juden durch ein kostbares Ehrengeschenk ausgezeichnet. Und jetzt noch erzählen es sich die Juden in aller Stille, es sei mit seinem Antisemitismus gar nicht so weit her. Er helfe auch oft genug einem bedrückten Juden und lasse ihm sein Recht werden — so ganz im Geheimen, da er es öffentlich der Partei wegen nicht tun könne. Und das schafft ihm Sympathien auch unter den Juden. Wie schlimm muß es um die Wahrung der Interessen dieser bestellt sein, wenn darüber die schamlose öffentliche Aufreizung wider sie vergessen wird'! In einem deutschen Verein — es sind allerdings christlich-soziale Deutsche — predigt er ein Zusammenarbeiten „ohne Unterschied der Nation". Zu welchem Zwecke? Um gegen den „gemeinsamen Feind" loszugehen, und der gemeinsame Feind ist der Jude, gegen den alle Nationen, alle brutalen Instinkte der leicht zu verhetzenden Massen aufgeboten werden. Gewiß, es ist nicht seine Ueberzeugung; er sagt es nur, weil er bestimmt weiß, daß es wirkt und daß er damit Erfolg hat. Sollen wir uns bei ihm auch dafür noch bedanken? Man rühmt seine Verwaltung, sein organisatorisches Talent, seine Uneigennützigkeit. Die Uneigennützigkeit lassen wir nur ruhig bei Seite. Sind wir denn daran gewöhnt gewesen, daß die Bürgermeister von Wien stehlen und sich schamlos bereichern, daß wir nun in Verzückung geraten sollen, weil Lueger der Einzige uneigennützig ist? Wir meinen und mit uns meint es die Bevölkerung, daß das doch das Selbstverständliche sei. Daß er die städtische Verwaltung kennt — kein Zweifel. Es wäre ein Wunder, wenn es nach dreißigjähriger intensivster, ja fast ausschließlicher Beschäftigung mit ihr anders wäre. Auch sein organisatorisches Talent sei nicht bestritten, aber schließlich muß dieses erst seine Probe bestehen, die noch ausständig ist. Wir wollen nicht darauf Hinweisen, daß Vieles, ja das Meiste lediglich Erfüllung eines liberalen Vermächtnisses ist. Wir wollen ihm das Verdienst der Elektrischen, der Stadtbahn, der Gasbeleuchtung ungeschmälert überlassen, aber eine Tatsache muß doch hervorgehoben werden, die der Sozialist Schumeier in einer Parteiversammlung an einem der letzten Tage in das richtige Licht gesetzt hat: Als Dr. Lueger die Geschäfte der Gemeinde übernahm; hatte die Stadt Wien eine Schuldenlast von siebzig Millionen, heute eine solche von vierhundert Millionen. Die Probe auf das Exempel ist noch ausständig. Der Ausgangspunkt für jegliche Aktion ist also der Antisemitismus. Die Parole ist ausgegeben: Der Jude ist der gemeinsame Feind. Ausgegeben von einem Bürgermeister, dessen heilige Pflicht es sein sollte, über die Interessen aller Bürger dieser Stadt zu wachen. Und zu dem Kampfe wider diesen Feind wird auch noch der Herrgott angerufen. In demselben Sinne nämlich, in welchem Dr. Lueger antisemitisch ist, ist er auch fromm. Es geht ihm persönlich nicht tief, aber es ist nützlich und gesund. Ohne frommen Augenaufschlag tut er es nicht mehr. Er ist stolz darauf, daß er wieder die Kirchen gefüllt hat; er weiß, was er dem Klerikalismus und was dieser ihm zu danken hat. Wie es um diese Frömmigkeit in Wirklichkeit bestellt ist, darauf wirft ein Kernsatz der Lueger'schen Rede ein helles und bezeichnendes Licht: „Ein bischen Erkenntlichkeit hat unser Herrgott ja immer gegen uns bewiesen!" Das ist nicht sowohl die wahre Frömmigkeit, wie die wahre Frivolität. Ein jedes Wort ist Blasphemie, und die Frommen im Lande, die so wehleidig sind, wenn sonst ein keckes Wort gewagt wird, schmunzeln behaglich dazu, weil der Herrgott da doch gegen die Juden bemüht werden soll. Also Herr Dr. Lueger hat sich seinem Herrgott zu Dank verpflichtet. Ein bischen Erkenntlichkeit wird er doch zeigen; vielleicht zu wenig, nicht genug — man weiß ja, wenn man auf Dankbarkeit rechnet —! Es ist der Standpunkt des alten Sünders bei Anzengruber: „Unser Herrgott wird das nit zulassen; er weiß, was i für ihn 'than Hab'!" Und dieser Standpunkt genügt der Gefolgschaft Lueger's, die vollkommen befriedigt und mit allem einverstanden ist, wenn es nur gegen den „gemeinsamen Feind" geht. Sonst ist die politische Weisheit Dr. Lueger's bald umschrieben. Sozialdemokraten werden bekämpft und niemals angestellt, weil sie „Republikaner" sind, die Deutschnationalen, weil sie nach Berlin gravitieren. (Nach Rom darf man eher