Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Nr. 14 Dr. Mocb's Mocbenscdrttr. Seite 215 erwiesen ist, erlaubt sich ein deutsches Blatt noch eine solche Haltung? Der Partei-Fanatismus hatte selbst die französischen Kammern angesteckt, um den Schuldlosen zu Fall zu bringen. Die „Manifestation des Volkswillens" aber ist irre gegangen und die Wiederaufnahme des Prozesses zur Rehabilitierung ist eine Verurteilung aller Jener, welche damals, den „guten Ton" vergessend, vorschnell verdammt haben, weil Dreyfus „nur ein Jude" war. Seine Häscher gehörten der klerikal-konservativen Partei an. Wäre Dreyfus ein „Arier" gewesen und kein Semit, welches Zeter und Mordio über durch die Franzosen „verfolgte Unschuld"! Angesichts der maßlosen Blamage aller Jener, welche für die Verfolger des Dreyfus durchs Feuer gingen und Zola mit Kot bewarfen, so daß er Paris verlassen mußte, fragt man sich: „Gibt cs ein persönliches Milte! gegen die Seuche? Soll man die Leute behandeln, wie sie es verdienen?" Mir schien stets als bestes Mittel, den Umgang mit Antisemiten zu meiden; duldet mau sie, so billigt man ihre Worte. Die Haltung der Regierung gegenüber den Ausfällen gegen die Juden ist leider oft derartig energielos, daß Einem nichts bleibt, als jeden Antisemiten fühlen zu lassen, daß man Gewalt und Haß für die Sache Ungebildeter hält. Täten alle Freisinnigen so, dann wäre es unl Wiens gesellschaftlichen Verkehr bald besser bestellt. Es handelt sich bei allen diesen Sachen immer nur um g e m e i n f a m e s Vorgehen. Da aber tritt die Armee der Leisetreter, der sogenannten „Angstmaier" (selbst oft aus den Reihen der Liberalen) uns entgegen. Diese Herren glauben nämlich anzustoßen, wenn sie nicht nach allen Richtungen hin „gut angeschrieben" sind. Ich versichere aber, daß man gerade in offiziellen Kreisen einen offenen Charakter, der kein Hehl aus seinen Ansichten macht, (sei er auch von der Opposition), viel lieber hat, als einen, jedem vorübergleitenden Wechsel im System holden, stets rückenschwacheu und immer mit Knopflochschmerzen behafteten Gunsthascher. Auch die offiziellen Kreise brauchen Männer, nicht Puppen. Man lacht sogar über die „Streber", man nimmt solche Leute nicht ernst. 185v sollte die Schillerfeier sein. Man wollte dieses Fest vereiteln: Eine direkte Bitte Laube's beim Kaiser genügte und das Fest fand statt. Unter Hasenfüßen ein Held zu sein, ist keine Kunst. Aber, gerade die furchtsamen Menschen in den Reihen der Intelligenz nehmen oft die Gelegenheit, sich frei auszusprecheu. Liebedienerei gefährdet die edlere Seite der echten Geselligkeit, die gerne ausgleichen und ein Auge zudrücken möchte. Taktlos fährt so ein Opportunist dazwischen und die Differenz liegt wieder obenauf. Wenn der Bigotte Nachdenken würde, müßte er sich sagen, das Licht sei besser, als die Finsternis. Im jüdischen Tempel leiteten Juden Christi Unterricht, welcher den Grund legte zur Lehre Christi. Aber die Mode! Die Mode! Mode ist^s, bigott zu sein! Mode ist das Wichtigste für Viele. Es heißt: „Man tut, man hat, man ist jetzt so und so." Man verfolgt die Juden. M a u glaubt nicht Alles von Kischenew re. re. Die Juden- Berfolgungsmode, dieses Wort stammt von Baron Suttner (aus dem Jahre 1896) ist ein Gift, welches die ganze Gesellschaft durchdringt, die gesunde Zirkulation des gesellschaftlichen Lebens unterbindet und den Umgang von Menschen mit Menschen zu den denkbar unangenehmsten Beschäftigungen macht. Sagte mir da einmal ein Herr: „Ich habe einmal liberal gedacht, klerikal will ich nicht sein, antisemitisch ist mir zu schmutzig — und liberal ist man eben nicht mehr!" Ist man nicht mehr? Hier haben Sie das offene Geständnis einer schwachen Modeseele! Also, „mau" ist nicht mehr liberal? Der echte Ausfluß wahrer Geistes- und Gemütsbildung, das Extrakt aller Weisheit, wie sie in einem Memmsen, einem Virchow wohnten, ist nicht mehr convenabel? Ja, wer hat das denn zu bestimmen? Wer hat das Recht, zu behaupten, daß die Befreiung des Menschen von allen gesellschaftlichen Vorurteilen, von der lärmenden Alltäglichkeit des Nachahmens, der freie Sinn, der „Freisinn" nicht mehr in der Mode seien? Wer heutzutage weiterkommen will, muß der denn seine ganze Ueberzeugung opfern? Muß er denn das alberne Raseurülnpfen unreifer Buben bewundern, das arrogante Aburteilen selbst durch Menschen in unbedeutender Stellung beklatschen? Muß er dulden, wie mau Gelehrte und Künstler, weil sie Inden sind, verspottet? Ja, Baron Suttner hatte Recht, als er im Jahre ',896 konstatierte: „Man hat Nichts für Ulis getan!" Mittel hat man nur für reaktionäre Zwecke! — 1881 sagte ich's schon in meinen „Wasser-Ringer" : „Wo findest Tn die Phalanx? Bei Reaktion und Zopf!" Es geht bald so weit, daß Bildungsgeguer Einem die Bildung verübeln, daß der Ungebildete mehr wissen will, als der Gebildete. R'iterliche Herren und zartbesaitete Damen loben die Zerstörer Jerusalems und schämen sich nicht, diese Bewegung zu sördern. Je tiefer der Stachel bei den Inferioren fitzt, desto starker der Lärm; aber der Poller ertönt eben nur für eine Kugel, die ins Schwarze trifft. Roheit und Ohnmacht des Geistes sollen nicht länger ebenbürtig bleiben mit Bildung und Aufklärung. Der „gute Ton" muß den Maßstab geben für diese Kriegführung. Es gibt Symptome, daß der „gute Ton" in dem uns Liberalen aufgezwungenen Defensivkriege wieder Eingang findet. Es gibt Körperschaften mit feineren Nerven, welche das Ritualmärchen für alle Zeiten gerichtet haben. Es wird das feine Empfinden wieder zur Geltung kommen. Roch mehr! Kürzlich war auch der Bürgermeister von Wien Gast der Kaufmannschaft: er huldigt der Technik auf dem Semmering. Die Leo-Gesellschaft leistete durch ihren Foueanlt'schen Versuch eudgiltig Abbitte dem Märtyrer der Wahrheit Galilei. O, sie fühlen es ja doch, wohin sie treiben! Die Gesinnungs-Infektion hat ihren Rückschlag, die Flitterwochen der Ehe des „Herrn Antisem" mit Frau Industrie gehen zu Ende, die Festgäste begehen die Mahlzeit jetzt nachträglich. Wo ist das versprochene tägliche Huhn im Kochtvpfe? Beim „goldenen Luchsen" fielen die Zähne ans, es schweigt dort jetzt Alles, der Wiener stutzt: „Hat das Wirtshaus keine Bedeutung mehr in der Politik?" Was sind das „für Zeiten". Ich glaube die Sonne bricht durch. Wir wissen sehr gut, daß noch Schmähungen zu erwarten sind. Der „gute Ton" kann nicht plötzlich kommen. Aber zusammenwirken sollten alle Freisinnigen, Verrohung und Vandalismus zu bekämpfen, Lichtfeiude und Bildungshasser fein still zu machen. Nur so wird Wien erleben, was am 16. Dezember 1903 Berlin erfuhr, wo „der letzte Antisemit im Stadtverordneten-Kollegium" gegen die Liberalen fiel. Von dort kam die Judenhetze zu uns, von dort wird sie auch ausgelöscht werden! So wird Jeder, der steuert au Geld und Blut, gleich sein, das allgemeine Wohl wird über dem Parteiwohl stehen. Rassen- und National-Chauviuismus sind auch der Tod des internationalen Wettbewerbes. Kaiser Wilhelm II. sprach von der Zeit, die „unter dem Zeichen des Verkehres" steht. Sie schlagen sich sitzt im Osten die Köpfe blutig für den Weltverkehr, doch die Marodeure an der Weltstraße müssen die Zeche bezahlen. Darum höre man auf, die Menschheit einzuteilen nach Kasten, Klassen, Ständen, Rassen rc.