Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 214 Dr. Dlocbs Mocbenscbritt. Nr. 14 der jüdische Professor in Preußen, wenn er den charakterlosen Schritt der Taufe verabscheut, meistens als außerordentlicher Professor. Die Theorie, ja die ist da, um — vergessen zu werden. Unser Herr Reichskanzler ist ein ausgezeichneter Kenner der Reichsverfassung. Er liebt sie und zitiert sie gern. Nur der eine Satz von der Gleichheit aller Bürger scheint auch ihm wie aus einer fremden Welt herüberzutönen. Wenigstens merkt mau in der Judenfrage in vielen Dingen mehr von der alten preußischen Tradition, als vom modernen Geiste der Toleranz. Da ist es in Rußland doch anders. Besser? Nein, viel schlimmer, aber ehrlicher und offener. Hier hat die Bestie im Menschen noch kein Feigenblatt an, sie zeigt sich als das, was sie ist. Im heiligen Zarenreiche wird es offen ausgesprochen, daß die Juden vogelfrei sind, und wenn sie es nicht glauben wollen, dann wird ein Blutbad ä la Kischenew heraufbeschworen. Dieses System ist gewiß schrecklich, brutal, tierisch, aber — man weiß dabei, woran man ist, man kann sich keinen leeren Hoffnungen hiugeben, man sieht jeden Tag die Judeufrage in furchtbarer Gestalt vor sich. In Rußland wird eben alles russisch behandelt. Kommen die beiden Systeme des verfeinerten und barbarischen Antisemitismus mit einander in Berührung, dann gibt es eine Kollision und sie stoßen direkt wenigstens nur in der Frage der Behandlung deutscher Geschäftsreisender jüdischen Glaubens in Rußland zum erstenmal zusammen. Die russische Regierung macht nämlich den jüdischen Reisenden aus Deutschland große Schwierigkeiten, so daß ihnen die Abwickelung ihrer Geschäfte oft unmöglich wird. Dieser Mißstand ist oft empfunden und in der Presse besprochen worden, ohne aber die stoische Ruhe der deutschen Reichsregierung zu erschüttern. So haben wir heute auf dem fruchtbaren Felde des Antisemitismus eine neue Frage, die sogar brennend ist, weil sie vielseitige Lebeusintereffen berührt. Daß diese Frage überhaupt entstehen konnte, das ist für Deutschland beschämend. Für den logisch und gerecht Denkenden liegt hier die Sache sehr klar. Haben wir mit Rußland Handelsverträge, so müssen wir verlangen, daß sie auch inuegehalten werden, ihrem Geiste und ihrem Wortlaute nach. Es muß also für jeden deutschen Kaufmann die Möglichkeit vorhanden sein, ungehindert Geschäfte in Rußland machen zu können, ganz ebenso, wie es die Russen in Deutschland lun können. Diese Möglichkeit ist aber genommen, wenn Rußland den deutschen Industriellen oder Großkaufmann vorschreibt, nicht auf die geschäftliche Tüchtigkeit, sondern auf das religiöse Bekenntnis seiner Reisenden zu achten. Auch im Interesse Deutschlands — von der Würde ganz abgesehen — kann es nur liegen, den Verkehr mit Rußland zu erleichtern. Denn der Deutsche kommt als Verkäufer dahin, um ein neues Absatzgebiet fruchtbar zu machen, und je mehr er chikaniert wird, desto besser für die lauernde Konkurrenz anderer Länder. Das ist so klar, daß man keine Worte darüber zu verlieren braucht. Würde es sich um die Einschränkung von Katholiken oder Protestanten handeln, dann wäre die Regierung durch das Drängen des Volkes längst gezwungen worden, Abhilfe zu schaffen. Aber — es handelt sich eben um Juden, und da ist die Sache anders. Bis heute hat sich die Regierung reserviert verhalten und keine bindende Versprechung für die Zukunft abgegeben. Sie hat es auch nicht nötig, denn Prinzipien sind für Regierungen ein überflüssiger Luxus, und die Macht des Volkes versagt hier, wo es nur Juden betrifft, ganz. Es ist bezeichnend, daß im Reichstage der Vertreter der Sozialdemokratie der Einzige war, der sich dieser Sache annahm. Der Freisinn ist eben schwach und alt geworden, er spielt die Rolle eines stillen Beobachters. Wie alle Greise, denkt er an die „alten guten Zeiten" zurück und seufzt. Er hat die Fühlung mit einem großen Teile des Volkes verloren, sie verstehen einander nicht mehr. Die Konservativen haben doppelte Ursache, sich hier ablehnend zu verhalten. Als Agrarier wünschen sie, daß jeder Verkehr mit dem getreideprodnzierenden Rußland abgebrochen oder wenigstens eingeschränkt wird. Wenn die deutsche Industrie weniger in Rußland verkauft und Hunderte von Arbeitern brotlos werden, desto besser, dann kehren die Arbeiter aufs Land zurück und sind mit den miserablen Löhnen und der noch miserableren „patriarchalischen" Behandlung der edlen Junker zufrieden. Als Antisemiten — und das sind sie fast alle — freuen sie sich, wenn den Juden das Leben schwer gemacht wird. Die Reise nach Rußland würden sie den Juden nur gönnen, wenn sie sich verpflichteten, nicht zurückzukehren. Aber selbst unter den Nationalliberalen gibt es Leute, die diese Frage nach einer anderen Richtung hin lösen möchten. Sie möchten nämlich die jüdischen Reisenden aus Rußland so behandeln, wie die jüdischen Reisenden aus Deutschland in Rußland behandelt werden. Herr Professor Hasse, der Tentscheste aller Teutschen, schreibt: „Schon der Ausschluß russisch-jüdischer Geschäftsreisender würde für Deutschland ein Gewinn sein. Noch wertvoller wäre für Deutschland die Möglichkeit, bei der Einwanderung und selbst bei dem Reiseverkehr aus Rußland nach Deutschland die jüdischen und polnischen Russen anders zu behandeln, als die Russen deutscher, russischer, ruthenischer, litauischer und sonstiger Nationalität." Auch diese Weisheit ist nicht neu, sie war vor Jahrhunderten in Praxis und sie lautet kurz und drastisch: „Haust du meinen Juden, hau ich deinen Inden". Neu ist nur, daß ein nationalliberaler Politiker sich §u ihr öffentlich bekennt. Ja, zu Zeiten Lasker's wäre eine solche Gesinnung in den Reihen der Nationalliberalen undenkbar gewesen, aber tempora mutantur, und heute ist auf politischem Gebiete in Deutschland alles möglich. Wie die Verhältnisse liegen, haben wir von den politischen Parteien nicht viel zu erwarten. Diese Frage ist aber für viele jüdische Reisende und viele jüdische Firmen von so eminenter Bedeutung, daß es ein Fehler wäre, sich mit diesem Gange der Sache zu begnügen. Die jüdischen Vertreter der Handelskammern müssen überall die Sache zur Sprache bringen und es durchsetzen,' daß sämtliche Handelskammern Deutschlands Resolutionen fassen, und die die Reichsregierung bestürmen, bei den neuen Handelsverträgen mit Rußland den Mißstand zu beseitigen. Die Reichsregierung ist nicht sentimental, und wenn sie schweigt, wo es sich um die verletzte Ehre der Judenheit handelt, so ist es begreiflich, aber hier, wo es sich um die Lebensinteressen handelt, da muß sie einschreiten, und sie wird einschreiten, wenn Ernst gemacht wird. Heutzutage erlangt nur derjenige sein Recht im Staate, der am lautesten schreit, und wir Juden schreien zu wenig. Es ist höchste Zeit, daß die Juden lernen, ihre Zaghaftigkeit abzulegen und selbst mit aller Energie für ihre berechtigten Interessen einzutreten. Sie nützen dadurch sich selbst und den Interessen und der Ehre des Vaterlandes am besten. __ F. S. Gesellschaft und Geselligkeit in Mie«. Ginst und Jetzt. Dortrag gehalten am 15. Februar 1904 im Vereine zur Abwehr des Antisemitismus von I o s e f v. D o b l h o f f, I. Vizepräsident des Vereines. (Schluß.) VI. Der gute Ton als Heilmittel. Die deutsche Ritterlichkeit, der deutsche Idealismus haben sich in der Affaire Dreyfus ausgezeichnet. Man sehe nur ein Bild des Wiener „Figaro" aus den letzten Wochen, eine Karrikatur (dort heißt es: „Affeu-Ehre Dreyfus") (Affaire). Jetzt, da die Unschuld dieses unglücklichen Mannes