Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 14 (1.4.1904)
- Date
- 1904-04-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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N-. 14 Dr. Bloch’s Jahrgang 1X1 Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. X -« ®. ft. Postfxsrrassrn-Arnk Clearing-Verkehr Nr. 810.976. ArdarNon und Administration: Wir« IX/1, Verggaffr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847.;k ■ ■ * Wien. 1. April 1904. ->—»-4. —<- Erscheint jeden Freitag. -- Brief-Adresse: Wien, IX/1, Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. »- —— ■■■ SrpigsPrri» für Srsterrrich: Halbjährig 8 Kronen. Einzelexemplare SO Heller, 52r'» Ausland: Halbjährig IO Kronen. Banzjährig 20 . Anzeigen: Die4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. N * Inhalt: .^Leitartikel: Theorie und Praxis. — Gesellschaft und Geselligkeit in Wien Einst und Jetzt. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — Zwei bisher ungedrnckte Briefe H. Laube's an Börne. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Heinrich Teltscher. Wien. Europäer und Asiaten. Die Gesetze des Hammurabi. Das römische Kaiserreich und das alte Palästina. Die Frankfurter Juden. Kant und Mendelssohn. Amerikanische Juden in Rußland. Juden im Londoner Stadtparlament. Predigt eines englischen Geistlichen. — V e r m t s ch t e s: Wien, Reichenberg, Olmütz, Ung.-Hradisch, Pisek, Groß-Becskerek, Hohenems, Worms, Dresden. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. Charoses. — Literatur. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. Wir ersuchen unsere geschätzten Abonnenten um rechtzeitige Einsendung der lausenden Abonnementsgebühr, damit die Zusendung des Blattes keine Unterbrechung erleide. Zur Einsendung der Beträge wolle man sich der beigelegten Posterlagscheine bedienen. Die Administration der „Oesterr. Mochenschiist.^ Theorie und Praris. (Aus Deutschland) Wie bei einem Einzelindividnum die Uebereinstimmuug zwischen Gesinnung und Handlung, zwischen dem Innen- und Außenleben das Kriterium des Charakters bildet, so ist auch bei einer Gesellschaft, einer Klasse, einem Volke das Verhältnis zwischen Theorie und Praxis der sicherste Maßstab zur Beurteilung ihres sozial-ethischen Standes. Theorie und Praxis sind wie Körper und Seele, die im normalen Leben stets einander begleiten, in einander fließen müssen. Je mehr die Kongruenz zwischen Theorie und Praxis in einer Gesellschaft hergestellt ist, desto gesünder und in sich gefestigter steht sie da. Je größer die Kluft zwischen Theorie und Praxis wird, desto zerfahrener und verworrener gestalten sich die Verhältnisse. Die Theorie wird bei einer Einzelperson durch die Weltanschauung, bei einem Volke durch das Gesetz, durch die Verfassung präsentiert. Die Praxis ist hier wie dort das Leben, die Betätigung im praktischen und politischen Handeln, die Verwaltung, die Ausführung. Sie erst machen das geschriebene Gesetz zu einem lebendigen, sie allein geben dem Wort Leben und machen die Erkenntnis zur Tat. Die Theorie ist im Privat-, wie im Staatsleben nichts Ewiges, sie ist kein Dogma für alle Zeiten. Sie fließt, wenn sie keine leere Doktrin ist, aus dem Leben für's Leben und sie kann, ja sie muß sich mit der Zeit ändern. So lange sie aber ihre Giltigkeit hat, so lange sie von keiner andern abgelöst ist, muß sie mit der Praxis harmonieren. Wo zwischen Theorie und Praxis eine tiefe Kluft herrscht, da ist entweder die Theorie zur Lüge geworden oder die Praxis hat sich in ein entartetes Leben verwandelt. Auf keinem Gebiete des öffentlichen Lebens zeigt sich in Deutschland so sehr die Kluft zwischen Theorie und Praxis wie in der sogenannten Jndensrage. Man kann sich Schmachvolleres kaum denken, als die Tatsache, daß man in Deutschland, dem kulturell entwickeltsten Laude Europas, heute, am Ansang des zwanzigsten Jahrhunderts und 50 Jahre nach der Emanzipation, mit dieser Judenfrage noch immer nicht fertig geworden ist. Es ist einfach unbegreiflich, wie verkehrt die Dinge sind. Die Juden Deutschlands bilden nur e i u Prozent der Bevölkerung und — man spricht und schreibt von einer brennenden Judenfrage. Nein, noch schlimmer, man schreibt und spricht oft nicht, man denkt und handelt im Sinne dieser Judenfrage. Und alles das warum? Weil diese paar Juden zu einem Stamme gehören, der Jahrhunderte hindurch geknechtet und verfolgt war, weil sie sich zu einem Glauben bekennen, der sehr lange fanatisch gehaßt wurde. Man hat diese Juden emanzipiert, d. h. man hat ihre volle Gleichberechtigung in der Verfassung ausgesprochen, aber — man hat nie vergessen, daß sie Inden sind. Man hat eine schöne Theorie der Toleranz geschaffen, weil es in Europa modern geworden war, liberal zu sein oder wenigstens zu scheinen, in der Praxis aber blieb man bei der alten feudalkonservativen Weltanschauung. Und so kranken wir seit Dezennien an diesem Zwiespalt der Natur und es wird mit der Zeit kaum besser. Wenn je Praxis und Theorie zwei von einander getrennte Welten bildeten, daun hier in der Judenfrage. In der Theorie kann jeder Jude, wenn er di" Fädigkeiten besitzt, kommandierender General werden, in der Praxis aber ist im aktiven Heer der Vizefeldwebel die höchste Charge, die der Jude erlangen kann. In der Theorie sind alle Bürger gleich, in der Praxis aber darf es in den norddeutschen Staaten keinen jüdischen höheren Richter, keinen jüdischen Verwaltnugöbeamteu, ja keinen jüdischen Volksschullehrer an den Simnltanschulen geben. In der Theorie darf bei der Besetzung akademischer Fächer nur die wissenschaftliche Fähigkeit maßgebend sein, in der Praxis aber stirbt