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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-03-25 · 13 (25.3.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Seite 210 ittr. 13 WWWWMMWMMM Dr. Dlocb's Mocbenscbrttl. Der Landesrabbiner schaute mich mit seinen großen, kohlschwarzen, gedankenvollen Augen an, die wie zwei Glühlichter aus einem bleichen, von einem schwarzen Barte umrahmten Gesichte von tiesdunklem Kolorit leuchteten. Ich brachte ihm die Bitte vor, in die Reihe seiner Schüler ausgenommen zu werden, und als er sich unter anderem auch nach meinen materiellen Verhältnissen erkundigte und hörte, daß ich das Kind eines armen Lehrers sei, gab er mir mit aller Bereitwilligkeit sechs Visitkarten mit einigen empfehlenden Zeilen an vornehme Häuser, wo ich in zuvorkommender Weise empfangen wurde und Freitische erhielt. Nur Freitag war ich bei mir selber zu Gaste und sorgte schon dafür, daß ich der Vorschrift gemäß — am Abend nicht Äersättigt zur Sabbatmahlzeit mich setzte. In einem Hause jedoch wurde ich nicht mit besonderem Wohlwollen empfangen und wäre nicht die Ehrerbietung vor der Person des Landesrabbiners gewesen, ich weiß nicht, ob man mich nicht zurückgewiesen hätte, und zwar meines — Geburtsortes wegen. Als ich nämlich auf die Frage, woher ich sei, den Namen Hunsdorf nannte, da sagte der Hausherr, der alte Gold- und Silberhändler Jsaac Toch: „Hunsdorf? Mit Hunsdorf hatten wir gar traurige Erfahrungen". „Welche Erfahrungen?" ftagte ich neugierig. „Nun, mein Kind, ich will es dir erzählen: Vor fünfundvierzig Jahren kam ein junges, dreizehnjähriges Bucherl hieher, um beim Rabbi R. Mordechai — sein Verdienst stehe uns bei — zum „Schiur" ') zu gehen. Er nannte sich Götzl Hunsdorf, wie man damals und wohl auch heute noch die „Bucherim" nach ihrem Geburtsorte nannte. Er war blutarm, in Lumpen gehüllt, aber er hatte einen „eisernen" Kopf und konnte schon damals allein zum „Schiur" gehen, was nicht wenig sagen will. Der Rabbi nahm sich seiner an, verschaffte chm Kost und Wohnung — sowie der jetzige Landesrabbiner sich deiner annimnrt. Je fleißiger'er lernte, desto mehr stieg er in der Gunst des Rabbi. Nach einigen Jahren war er der erste Bochur der Talmudschule und hatte auch, ohne daß jemand es gemerkt hätte, mit seinem genialen Kopfe ein bedeutendes Maß von weltlichem Wissen sich angeeignet. Er war ein schöner, stattlicher, junger Mann, „Milch und Blut" und eines Tages war die Gemeinde von der Neuigkeit überrascht, der reiche Vorsteher W. — er nannte mir den Namen — habe seine Tochter mit Götzl Hunsdorf verlobt und der Landesrabbiner habe die Partie zusammengebracht. Mit allem erdenklichen Pompe wurde die Hochzeit gefeiert. Für den Rabbiner insbesondere war dieser Tag ein wahrhaftes Simchas-Thora-Fest, ein Fest der Thorafteude, weil er in diesem Ehebündnis die höchste Ehrung der Thora sah. Der Schwiegervater beteiligte Götzl am Geschäfte, das er nach deffen Tode ganz übernahm. Auch erbte er dessen Würde als Vorsteher der Gemeinde. Das Talmudstudium hatte er ällmälig, endlich ganz aufgegeben und wendete sich in der geschäftsfteien Zeit, ausschließlich weltlichen Studien zu. Eine Folge dieses Umstandes war die Erkaltung des freundschaftlichen Verhältnisses zwischen dem Rabbi und Götzl, umsomehr als er als Vorsteher Neuerungen im Kultus einsühren wollte. Endlich vergaß sich der schlechte Mensch so weit, daß er einmal in einer Vorstandssitzung den Antrag stellte, in Berücksichtigung der ungünstigen finanziellen Verhältnisse der Gemeinde den Gehalt des Landesrabbiners zu reduzieren. Der schwarze Undank dieses Bösewichtes, der doch alles, was er war, nur durch den guten Zaddik'* 2 3) geworden, mag das Herz des Rabbi tief verwundet haben; doch gab er dem nicht in anderer Weise Ausdruck, als durch ein Wort, das er ihm in öffentlicher Sitzung sagte: „Ich bin muwtoek'), daß wir zwei nicht in demselben Bess-hakwuros'2) liegen werden." Nicht lange darauf — es war in der Purimwoche — sah man vor dem Hause Götzl's Kisten aufpacken und wegführeu. Es waren die hebräischen Bücher seiner reichhaltigen Bibliothek, die er nach Wien verkauft hatte, und Pessaclr’) darauf fuhr er nach Brünn und ließ sich und seine Kinder taufen; seine Gattin blieb ihrem Glauben treu. Der Meschumed4 5) ließ sich in Nikolsburg nicht mehr sehen. Das war Götzel Hunsdorf — jimmach schmo ). „Willst Du nicht auch so ein Götzl werden?" Mit dieser Frage schloß der Alte seine Rede und die innere Erregung zitterte noch in dieser Frage nach. Auch ich konnte mich des tiefen Eindruckes dieser Erzählung nicht erwehren. „Davor wird Gott mich bewahren", antwortete ich. „Uebrigens habe ich von diesem Götzl zuhause nie etwas gehört, wird auch kein Hunsdorfer gewesen sein, sondern wahrscheinlich aus Galizien, das an die ungarische Zips grenzt, und da er nicht sagen wollte, daß er aus Polen sei, hat er Hunsdorf, eine große Gemeinde in Ungarn, als seinen Geburtsort angegeben." Das schien dem alten Herrn einleuchtend zu sein, und ich erhielt den Kosttag, der, nebenbei bemerkt, zu meinen besten Freitischen gehörte, insofern ich die auserlesensten Gerichte zu Mittag und fürs Nachtmahl ein Zweigroschenstück bekam, von dem ich aber die Hälfte sofort nach dem Mittagmahl verausgabte, um mich nach den vier bis fünf Gängen — mit Brot satt zu essen, was übrigens ganz natürlich war. Es waren zwei alte, hochbetagte Leute, die ein Paar Löffel Kraftbrühe, ein eingemachtes Täubchen, ein allerjüngstes Brathuhn, eingekochtes Obst und Bisquit aßen. Von all diesen Delikatessen erhielt ich auch meinen Anteil, aber du lieber Himmel, so ein junger Magen verlangt Kompakteres, und das gab ich ihm auch für einen Groschen mit einem Laibchen Brod. Nun war ich mit Kost versorgt, auch Wohnung hatte ich bei einem armen Hausierer um ein Weniges gefunden. Freilich mußte ich mich mit einer Schlafstätte auf einer kurzen, schmalen Truhe hinter dem Ofen begnügen, wo ich die Beine nicht ausstrecken konnte; aber das hätte meine Nachtruhe mir nicht geraubt, wenn nicht drückende Sorgen mir schlaflose Nächte bereitet hätten. Ich sollte aus der I. Gymnasialklasse die Prüfung ablegen, um in die II. zu kommen. Woher aber die Prüfungstaxe nehmen? Ich hatte mich an die Eltern gewendet und in der Tat kam der sehnsüchtig erwartete Brief. Ich öffnete das Couvert, in welchem ein zweites war; darauf war mit auffällig großen Buchstaben von Vaters Hand geschrieben: „Oeffne den Brief an einem verborgenen Orte, denn vier Gulden sind darin." Der arme Vater hatte gefürchtet, daß, wenn jemand diese Summe bei mir sehen würde, so könnte man mir vielleicht als einem, der über einen solchen Betrag verfügt, die Kosttage entziehen. Ich ging daher an einen solch verborgenen Ort, wo außer Gott mich niemand sehen konnte, ich öffnete den Brief, und welcher Schrecken, welch bittere Enttäuschung! Der Brief war leer, vom Gelde keine Spur. Der Vater hatte, um das Mehrporto zu ersparen, den Geldbetrag nicht deklariert und da, aller Wahrscheinlichkeit nach im ersten Jahre nach dem Freiheitskampfe das „schwarze Kabinet" Briefe aus Ungarn öffnete und wieder verschloß, so wurde das Geld als willkommener Fund von dem betreffenden Beamten eingesackt. — Das war das letzte Geld, welches ich in der Fremde von den Eltern — nicht erhalten habe. Ich war wie niedergedonnert. Was nun beginnen? Meine tiefe Niedergeschlagenheit, die ich nicht verbergen konnte, fiel meiner guten Quartiersfrau auf. Auf ihre Frage klagte ich ihr M dessen gewiß 2) Friedhof 3) Ostern 4) Convertit 5) sein Name möge verlöscht sein ') rllortrag. 2) frommer Mann

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