Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 13 (25.3.1904)
- Date
- 1904-03-25
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 13 Dr. Blocb’s MocbenscdrM, Sette 205 jedem großen, hervorragenden Menschen, der schaffend, befruchtend, segenfördernd durchs Leben gezogen ist, ebenso aussagen, daß sein Todestag zugleich auch ein immer wiederkehrender Geburtstag sei. Ein großer Dichter arabischer Zunge, der mit seinem Dichterauge alle Erscheinungen der Natur sich vergeistigt hatte, gab uns eine ganz eigene Erklärung für die bekannte Erscheinung am nächtlichen Himmel, welche man die Milchstraße nennt. Ein Himmelsbote — sagte er — sei vor undenklicher Zeit mit einer Gottessendung diese Bahn gezogen, und wo ein Gottesbote seinen Fuß hinsetzt, da leuchten Lichtspuren empor, die niemals wieder verlöschen. — Salomo n Sulz er! Obschon Du bereits vierzehn Jahre in Gottes Erde ruhst, die Lichtspuren, die Deinen Gang durchs Leben bezeichnen, sie leuchten und strahlen noch immer in hellem Glanz und werden nie verlöschen. Die allwaltende Gottheit, die selbst in den kleinsten Ereignissen der Geschichte ihre planvoll lenkende Hand erkennen läßt, sie fügte es, daß gerade in diesem Frühlingsmonate, wo durch die wiedererwacheude Natur tausende Gottesstimmen rufen : „D e r W i n t e r ist vorüber... p-m T&n ni?, die Zeit wunderbaren Gesanges ist gekommen!" — der nachmalige große Sänger der Gottesverherrlichung an das Licht der Welt trat. Doch zweiundzwanzig Jahre nach seinem ersten Lebenssrühling kam wiederum derselbe Frühlingsmonat, und dieser flocht in das Lebensbuch des bereits gefeierten Sängers das erste seiner ruhmvollen Blätter ein. Es war nämlich der erste Tag des Monates Bissau des Schöpfungsjahres 5586 (1826). Da fand die denkwürdige, feierliche Einweihung des Tempels der Seitenstettengasse statt. Nissan bedeutet der Wundermonat, und in jener für unseren Stamm noch so tieftraurigen Zeit erschien dieses Ereignis in der Tat wie ein wahres Wunder- Gottes. Auch der herrliche Bau des Tempels erschien wie eine Art Wunder, denn aus den ungünstigsten Raumverhältnissen heraus stieg er wie der Vogel Phönix aus der ätsche empor. Erscheint er doch auch heute noch wie eine schöne Dichtung in Stein und Marmor gemeißelt und gleichsam als ein Bild des damaligen Judentums, wo ebenfalls mitten unter den ungünstigsten, gedrücktesten Verhältnissen Männer aus diesem Stamme hervorgingen, die dessen Namen zu höchsten Ehren brachten. Nun zwei solche Männer waren es eben, die durch ihre beiderseitige großartige Begabung jene Tempeleinweihung verherrlichten. Der eine war der damals zweiundzwanzigjährige Salomon Sülze r, dadurch den Zauber seines gesanglichen Vortrages Entzücken und Bewunderung erregte, und der andere — er ruht jetzt bereits 38 Jahre in Gottes Erde, doch auch von ihm gilt das Wort der alten Lehrer „"'-P3 rnnm vnmur" seine Lippen bewegen sich noch im Grabe. Isaak Noah Mannheimer! Wer könnte diesen Namen aussprechen ohne die tiefste Rührung und innigste Verehrung? Wie ein zweiter Jesaja sprach er mit seiner zündenden Rede zu seinem Volke, um die Gebeugten emporzurichten,, die Bedrückten zu trösten und in den Herzen die Flamme der Gottesfurcht zu entzünden. An den großen Meister des gottesdienstlichen Gesanges wurden jedoch öfters glänzende Anträge gestellt, sein hervorragendes Talent auf anderem Boden lohnender zu verwerten. Er lehnte solche Anträge mit Entschiedenheit von sich ab und er war hierin ein treuer Abkömmling des alten Levitenstammes, dem auch er angehörte und aus dessen Mitte die großen Sänger, sowohl als auch die großen Dichter hervorgingen, die mit ihren beiderseitigen Gaben den Gottesdienst in Zion verherrlichten. Durch die Macht der „Vererbung" haben Jahrtausende hindurch diese beiden Gaben in diesem Stamme sich fortgepflanzt. In der spanisch-jüdischen Literaturperiode gibt es f ü n f große hebräische Dichter, die sämtlich den Stammesnamen Halevi auf sich tragen. Ein hervorragender hebräischer Dichter Elia H a l e v i, der eben in demselben Jahre, als der Wiener Stadttempel eingeweiht wurde, in der Hauptstadt Frankreichs aus dem Leben schied (1826), hatte zur Feier eines Friedensschlusses durch Napoleon I. eine Hymne auf den Frieden gedichtet, die in der Synagoge zu Paris vorgetragen wurde, von der die gelehrten Sprachkenner Frankreichs behaupteten, daß seit den alten Leviten nichts ähnliches geschaffen wurde. Deffen Sohn war der berühmte Tonkünstler Fromental Halevi. Und so hatte auch Salomon Sulz er sein ganzes Leben hindurch die große Gesangesgabe, die ihm Gott verliehen, nur zur Verherrlichung seines Glaubens und Stammes verwendet. Die herrliche Hymne '"vi nab, die vor Jahrhunderten ein Salomon Halevi gedichtet, sie zieht nunmehr mit den herrlichen Melodien, die Salomon S u l z e r (Halevi) für dieselbe komponierte, fast durch alle Weltteile! * * Der Vorstand der Kultusgemeinde ehrte das Angedenken an seinen verewigten gottbegnadeten Oberkantor auch durch eine nächst dem Eingänge in die Synagoge errichtete, gegenüber jener des unvergeßlichen Predigers und Zeitgenossen Sülze rs, I. N. Mannheimer, sich befindliche Gedenktafel, die folgende Sätze enthält: „Dem Andenken an Professor Salomon S u l z e r, Oberkantor der israel. Kultusgemeinde Wien während 56 Jahre durch seinen „Schir Zion", Reformator des Synagogengesanges, geboren am 30. März 1804, gestorben am 20. Jänner 1890, anläßlich der 100. Wiederkehr seines Geburtstages in Dankbarkeit errichtet von der Wiener israelitischen Kultusgemeinde, März 1904." Am Montag den 21. d. M., mittags halb 12 Uhr, fand ein erhebendes Gedenkfest im großen Sitzungssaale der Kultusgemeinde statt. In Anwesenheit eines überaus distinguierten Publikums, des Vorstandes, vieler Rabbinen, zahlreicher Gäste, sämtlicher Mitglieder des Oesterreichisch-Ungarischen Kantoren- Vereines aus Nah und Fern, vertreten durch Abordnungen aus nahezu 24 Städten, fand der erhebende Pietätsakt statt, der eingeleitet wurde durch eine ergreifende Gedenkrede des Präsidenten Oberkantor Singer. Redner entwickelte das Lebensbild des verklärten Altmeisters, der als Reformator des Synagogengesanges in seinen 2 Bünden Schir Zion die alte Weise mit modernem Geiste verband und belebte, so daß — wie der Redner meinte — die beiden Teile Schir Zion die „zwei Bundestafeln wurden, in welchen eingezeichnet find die Gesetze Sulzer's, dessen Meisterwerk die gesamte jüdische Welt bezwang, und die Ströme seines Sanges brachen Wehr- Dämme und nahmen von Wien, der Stätte seiner unvergeßlichen Wirksamkeit, den Siegeszug über die ganze Erde ..." Enthusiastischer Beifall lohnte den Redner, und die Begeisterung steigerte sich, als die Hülle vom überlebensgroßen Bilde Sulzer's fiel, ein Meisterstück der Frau M a n z i K e st e l-B a u e r. Nun brauste der von den Kantoren mit bezwingenden Akkorden vorgetragene Psalm aus dem reichen Liederborn Sulzer's auf (dirigiert von Kantor Löwit), mit welchem das herrliche Fest sein Ende nahm Einer Einladung seitens der „Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern desJudentums" zufolge erschienen die Kantoren in corpore, ferner die in Wien befindlichen Mitglieder der Familie S u l z e r und einige geladene Gäste, worunter sich derI. Vizepräsident der Kultusgemeinde, Dr. Alfred Stern, und jener der türkisch-israelitischen Gemeinde, Licco Ad utt befanden, um 3 Uhr nachmittags in dem der Gesellschaft unterstehenden „Mufeum für jüdische Altertümer", um dortfelbst eine zweite Huldigung den Manen des unsterblichen Meisters darzubringen und die zahlreichen dort untergebrachten Reliquien, welche auf den verblichenen Altmeister des Synagogengesanges Bezug haben, zu besichtigen. Herr Baurat S t i a ß n y begrüßte die Erschienenen namens der Gesellschaft, insbesondere galt der Gruß den auswärtigen Kantoren. Herr Vizepräsident Dr. Stern richtete einige herzliche Worte namens der Kultusgemeinde an den Kantorenverein und nun postierten sich die Kantoren vor der mit einem Lorbeerkranze geschmückten Büste und dem herrlichen, von der Frau Manzi K e st e l - B a u e r hergestellten Oelbilde Sülze r's, und kräftig erbrausten die Akkorde des Chores durch die Musealräume, die mittags bei der Festsitzung erklangen. Nachdem noch die Besucher die Kunstschütze des Museums in Augenschein genommen und sich in das aufliegende Gedenkbuch eingetragen hatten, verließen sie in tiefer Bewegung das Mufeum.