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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-03-25 · 13 (25.3.1904) · page 8

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
13 (25.3.1904)
Date
1904-03-25
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Sette 204 Dr. Llocb's MocbenscbrLkt. Nr. 13 rot will er sich erheben, um dem Herm Lob und Preis zu fingen. Aber unsere Weisen haben in dem Satz einen ungleich tieferen Sinn wahrgenommen. Sie sagen, David habe nicht gemeint, daß die Morgenröte ihn erwecken sollte, sondern er wollte sagen: Ich erwecke die Morgenröte. Ein kühnes Wort, aber erklärlich im Munde eines Mannes, den Gott zu schöpferischer Tätigkeit berufen. Die Morgenröte am Firmament können wir nicht erwecken, sie erweckt uns. Aber auch an dem Himmel des Völkerlebens erscheint nach dunklen Zeiten eine Morgenröte, die mußte immerfort erweckt werden, und die großen, schöpferischen Persönlichkeiten waren die Erwecker. Zu ihnen gehört auch Salomon Sulz er. Nach einer Zeit, in welcher der Tempelgesang der Verwirrung und Verwilderung anheimgefallen war, und in einem Augenblick, in dem der seit Mendelssohn bereits veredelte Geschmack jene Auswüchse übel empfand, da wußte Salomon Sulz er die Aeltesten unserer Gemeinde für seine Anstellung zu gewinnen, und unter den Anregungen, die ihm die Musikstadt Wien und der Verkehr mit den berühmtesten Tonsetzern boten, legte er die bessernde Hand an den Tempelgesang und schuf jene Weisen, die das Alte verjüngten und die angestammte jüdische Eigenart mit den Gesetzen einer hochentwickelten Kunst in Einklang brachten. So erweckte S u l z e r die Morgenröte einer neuen Zeit für den jüdischen Gottesdienst, denn weit über die Grenzen unserer Stadt und unseres Vaterlandes, ja unseres Erdteiles hinaus wurde er im buchstäblichen Sinne des Wortes tonangebend für den jüdischen Gottesdienst. Ich bin außer Stande, den künstlerischen Wert seiner musikalischen Schöpfungen abzuschätzen, da mir jede Kenntnis auf diesem Gebiete abgcht. Aber ich sage mir: die Psalmen werden seit Jahrtausenden in der ganzen gebildeten Welt gelesen, und es ist keine Frage, daß, je vertrauter Einer mit ihrer Sprache, ihrer Geschichte, ihren Beziehungen und poetischen Absichten ist, er um so tiefer in ihr Wesen eindringen wird. Aber um sich an ihnen zu erbauen, um aus ihnen Trost, Mut, Gott- und Selbstvertrauen zu schöpfen, dazu bedarf es keiner Gelehrsamkeit. Ebenso ist es mit den Sangesweisen Sulzer's. Auch derjenige unter uns, dem die Tonkunst ein verschlossenes Gebiet ist, er hat von jeher die Sprache verstanden, die aus den Sangesweisen Sulzer's zu ihm redete, denn es war die alte Sprache in neuer Schönheit und Verklärung, die Sprache, die ihn aufrichtete und tröstete, und mit deren künstlerischer Gestaltung S u l z e r ein neues, einigendes Band für unsere Glaubensgenossen auf dem ganzen Erdenrund geschaffen hat. II. Damit habe ich aber bereits die andere Bedeutung Sulzer's berührt, die seiner schöpferischen Gestaltungskraft erst ihren weitreichenden Einfluß eroberte, nämlich seine Vortragskunst. Es ist gewiß das Haupterfordernis, dem der Sänger zu genügen hat, daß sein Gesang vom Herzen komme, daß er mit Wärme und Innigkeit vortrage. Diesem Erfordernis hat Sulzer nach dem Zeugniffe aller, auch der berühmtesten Sachverständigen, mit seltener Vollkommenheit entsprochen. Er verstand zu rühren und zu erschüttern, zu entzücken und zu begeistern. „Wenn er sang, da ruhte der Geist Gottes auf ihm". Dennoch würde ich nicht das Auszeichnende an S u l z e r hervorheben, wenn ich darauf mich beschränken würde. Auch andere Sänger verstehen zu entzücken und hinzureißen, auch sic sind von dem Hauche Gottes berührt. Aber in Sulzer's Vortrag klang eine Saite mit, für deren Schwingungen nur das Herz und Ohr des Juden empfänglich ist, denn diese Saite gab das Echo unserer vieltausendjährigen Erinnerungen wieder. Die Großtaten Gottes, die er an und durch Israel bewiesen, Israels wunderbarer Gang über die Höhen und durch die Abgründe der Weltgeschichte, seine Kämpfe und feine Leiden, seine Widerstandskraft und sein Opfermut, fein Freiheitsdrang und seine Siegeshoffnungen, alles dies gelangte in S u l z e r's Vortrag zu lebendigem Ausdruck und vereinigte sich zu einer harmonischen Darstellung, ja man kann sagen Offenbarung des ewigen Inhaltes unserer Religion und Geschichte. Wenn Sulzer am siebenten Tage des Peffachfestes, begleitet von seinem Quartett, während seine Stimme mächtig anwachsend über den anderen schwebte, den Satz aus dem Liede Moses am Meere vortrug: „Deine Rechte, Ewiger, prangend in Stärke, Deine Rechte, Ewiger, zerschmettert den Feind" — dann vermeinte man bei der ersten Hälfte des Satzes einen gewaltigen Arm aus den Wolken aufragen zu sehen,, und dann hörte man bei der zweiten Hälfte des Satzes denselben Arm dröhnend niedersausen. Und so könnte ich zahlreiche Beispiele anführen, wie Sulzer's Vortragskunst die Bilder unserer glorreichen Vergangenheit wieder hervorzauberte„ wie er die Perlen ewiger Gedanken in seinen Harmonien aneinanderreihte. Man wird freilich sagen: diese Perlen konnte man leider nicht fassen und festhalten, denn die Perlen des Gesanges zerrinnen gleich den Tauperlen in dem Augenblick, in dem sie erglänzen. Dem ist aber doch nicht ganz so. In der Einleitung zu dem Liede Moses, das ich erwähnt habe, heißt es: „Da sang Moses." Wörtlich heißt es, wie unsere Weisen aufmerksam machen: „Da wird Moses singen." Sein Gesang hat eine Zukunft, er ist unvergänglich. So auch der Gesang Sulzer's. Ist er selbst auch verklungen, so hat Sulzer doch wie durch seine musikalische Gestaltung des Gottesdienstes auch mit seiner Vortragskunst die Richtung für alle Zeiten gegeben. Die Morgenröte hat er erweckt, ihr wird hoffentlich nie eine Abendröte folgen. Ein Jahrhundert ist es, daß er geboren wurde, aber wie er lebendig vor uns steht, so wird er den späten Geschlechtern zukünftiger Jahrhunderte lebendig erscheinen. Sein Andenken sei gesegnet! * * -i- Jm israelitischen Tempel der Leopoldstadt sprach der greise Rabbiner Dr. Schmiedl die Festrede und allgemein wurde die geradezu jugendliche Frische des Redners, die Klarheit seiner Stimme, das Temperament seines Vortrages bewundert. Rede des Rabbiners Dr. Adolf Schmiedl gehalten im israelitischen Tempel der Leopoldstadt am 31. d. M.: Diese so großartige, imposante Gedenkfeier, die in dieser Abendstunde uns in so festlicher Menge an geheiligter Stätte versammelt, sie erscheine ja niemandem als bedeutungsloses Gepränge — sondern sie sei uns der Träger eines großen lehrreichen Gedankens. Denn diese große hochehrende Gedenkfeier zeigt uns ja durch ein sichtbares Beispiel, wie der Mensch, der sterbliche und staubgeborene, durch die innere Gotteskraft, die ihm innewohnt, im Stande sei, die alles bezwingende Vergänglichkeit zu besiegen und schon hienieden sich die Palme unsterblichen Fortlebens zu erringen. Denn nicht eine Todtenfeier ist es, die wir heute begehen, sondern eine großartige Geburtstagsfeier, obschon der Träger derselben längst nicht mehr unter den Lebenden wandelt, sondern bereits seit vierzehn Jahren im Staube ruht. Doch von diesem Schläfer im Grabe gilt das bedeutungsvolle Wort der alten Lehrer: -cpo rvnnri wmaw — noch im Grabe & e in egen s i ch diese Lippen. Denn aus diesen begnadeten Lippen kamen uns ja jene großartigen, wundervollen, Gott verherrlichenden Gesänge, mit denen in der Geschichte unseres gottesdienstlichen Kultus eine neue Aera, ein ganz neues, glänzendes Blatt sich auftat — und auf welche wir das Psalmenwort anwenden können: d.tV'ö b“n narpai np 8L' San Durch die ganze bewohnte Erde und fast in allen unseren Tempeln haben diese wundervollen Gesänge sich heimisch gemacht, und bei dem heiligen Zauber dieser Gott verherrlichenden Melodien werden Millionen betender Herzen in begeisterter Andacht zu Gott emporgetragen. Von Moses, unserem unsterblichen Lehrer, wird bekanntlich alljährlich am 7. Tag des Kalendermonats Adar sein Todestag gefeiert — allein die alte Ueberlieferung sagt uns, daß dieser 7. Tag nicht bloß der Todestag, sondern auch der Geburtstag des großen Lehrers sei. Und da Moses doch im Grunde für uns gar nicht tot ist, sondern fortlebt und ewig fortleben wird, so feiern wir mit seinem Todestag zugleich auch den immer wiederkehrenden Geburtstag unseres unsterblichen Lehrers. Und obschon wir kein menschliches Wesen mit unserem Lehrer Moses vergleichen möchten, so können wir doch auch von

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