Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 16)
- Language
- German
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©eit« 192 Dr. Bloch's Wochenftlrrist. Nr. 12 mich die wenigen Zeilen der guten Mutter, deren wohl nicht ganz kunstgerechten Züge ich das erste Mal im Leben sah. Ich hatte gar nicht gewußt, daß sie überhaupt schreiben könne, denn vor achtzig Jahren haben Mädchen nicht viel gelernt. Und der Brief brachte auch eine günstige Wendung meiner Lage. Bekanntlich ist man am ersten Abende des Wochenfestes „auf", d. h. man leitet das bedeutungsreiche Fest der göttlichen Offenbarung damit ein, daß man die Nacht durchwacht und die Zeit mit dem Lesen der Thora und der Psalmen bis zum Tagesanbruch ausfüllt. Wenn der erste Lichtstrcifen am Horizont erscheint, wird das Morgengebet verrichtet. Zu diesem Zwecke hatte ein ansehnlicher Teil der Gemeinde und natürlich auch die ganze Schülerschar sich eingefunden. In dieser Versammlung erzählte nun der Rabbi, ein „ungarisch Bocherl" habe heute vom Hause einen Brief erhalten, der so schön geschrieben war, daß er eine so herrliche jüdische Handschrift noch nie gesehen habe. „Hast du den Brief bei dir? Natürlich hatte ich ihn und reichte ihn dem Rabbi. Und der Brief ging von Hand zu Hand, jeder bewunderte die Schrift und ich war der Gegenstand des allgemeinen Interesses und auch der werktätigen Teilnahme. Ich bekam an diesem Tage drei Ko st tage und brauchte auch von nun an keinen „Sabbat-Plett" zu nehmen, denn zwei Herren einigten sich, für die Kost am Sabbat zu sorgen, indem ich abwechselnd einen Samstag in dem einen und anderen Hause zu Gaste war, Ich konnte nun aufatmen, sorgenfteier mich dem „Lernen" hingeben, umsomehr, als es der Zufall wollte, daß ich wenigstens für einige Zeit — das Honorar für den „Chaserbocher" ersparte, der infolge eines Fußleidens zu einer mehrwöchentlichen Kur ins Bad reisen mußte, und ich gezwungen war, die Vorträge ohne Korrepetition zu besuchen. Da fühlte ich zu meiner Freude, daß ich bereits flügge geworden und dem kühnen Geistesfluge des Rabbi ganz gut folgen konnte, und als mein Chaserbocher, heimgekehrt, mich reklamierte, da weigerte ich mich, ihm Folge zu geben, und er brachte die Streitsache vor den Rabbi. Dieser, ohne viel zu fragen, fuhr mich in seiner drastischen Ausdrucksweise an: „Pack' dich zurück! Meinen Schiur kann ein kleiner Bocher ohne Beihilfe nicht verstehen." Ich wagte die Bemerkung: „Rabbi, ich werde Freitag zum „Verhör" kommen; werde ich die Prüfung nicht bestehen, gut, dann füge ich mich." Ich bestand die Prüfung vorzüglich, aber der Rabbi meinte, ich möge bis zum Schluffe des Semesters den Korrepetitor doch bchalten. Ich mußte gehorchen, aber ich wählte mir einen andern Lehrer, der im Rufe eines gebildeten Mannes stand. Dieser Mann gab meinem Entwicklungsgang eine ganz neue Richtung. Er vertraute mir unter dem Siegel der Verschwiegenheit, daß er die Absicht habe, zu Rabbi Samson Rafael Hirsch nach Nikolsburg zu ziehen und beredete mich, ihm zu folgen. Er bereitete mich in der lateinischen Sprache vor, damit ich dort in die zweite Gymnasialklasse eintreten könne nnd malte mir die Zukunft in den glänzendsten Farben. Er wollte sich eben mit meiner Person das Nebeneinkommen nach Nikolsburg mitnehmen. Ich gab ihm Gehör und eines Tages schnürte ich mein Bündel und ging zum Rabbi, um Abschied zu nehmen. „Gch' nicht zu dem . . ., du wirst bei mir ein tüchtiger Bochur werden". Sein Zorn wendete sich aber insbesondere gegen meinen Verführer. Er entließ ihn ohne Zeugnis, und mir versagte er den Segen, um den ich ihn gebeten hatte. — So verließ ich Leipnik nach einem kurzen halben Jahre. IV. Nikolsburg. Ich kam nach Nikolsburg, dem altehrwürdigen Sitz des Landesrabbiners für Mähren und Schlesien. Mit ehrfurchtsvoller Scheu betrat ich den klassischen Boden der Gemeinde, deren Alter bis hinauf in das verflossene Jahrtausend reicht, wo jeder Stein Kunde gibt von der jammervollen, aber auch glorreichen Vergangenheit des jüdischen Stammes. Als ich die „Altschul", diese düstere Gottesstätte, mit ihren altersgrauen Mauern zum ersten Male betrat, da war es mir, als würden all die verklärten Seelen jener Geistesheroen, die dort gelebt uud gelehrt, mich umschweben, als würden sie mir die Worte zuflüstern: „Tritt nicht näher, denn der Ort, auf dem du stehst, ist ein heiliger Boden". Aber die Zeit dieser Männer war abgelaufen. Der Geist der neuen Zeit war auch in das Ghetto Nikolsburgs gedrungen und hatte dort den Kampf mit den alten überlieferten Anschauungen und dem traditionellen Herkommen siegreich durchgekämpft. Der Beweis dafür war die Wahl des Landesrabbiners S. R. Hirsch im Jahre 1846. (Geb. 1808, gest. 1888.) Nicht mehr als 16 Jahre waren verflossen, seitdem der letzte Epigone der vom Glorienschein der Heiligkeit umflossenen Altrabbiner, Rabbi Mordechai Beneth, die Augen geschlossen (12. August 1829.) Wie um den „hohen Rabbi Löw" in Prag, so hatte auch um die Person dieses Mannes ein ganzer Kreis von Legenden sich gebildet. Er galt als Adept der Kabbala, von dem man mir noch gar manche Wundermär erzählte. Die vornehmsten Frauen der „Gasse" hatten P e r e z, den Diener des Rabbi, reichlich belohnt, wenn er ein schadhaft gewordenes Kleidungsstück dieses „Heiligen" zum Ausbessern, und wäre es auch nur einen abgerissenen Knopf anzunähen, ihnen brachte. Und nun — nach kurzen sechzehn Jahren — inzwischen hatte noch durch mehr als ein Jahrzehnt RabbiNuchemTrebitsch, ein Mann derselben Schule, Gtist vom selben' Geiste, gewirkt — welch ein gewaltiger Sprung ohne jedweden Uebergang! Nun nahm diesen illustren Sitz ein klassisch gebildeter, bei all seinem Konservatismus ein durch und durch moderner Mann in Glacehandschuhen ein, der wohl auf dem Gebiete der jüdischen Literatur sich bereits einen gefeierten Namen erworben, der den „Choreb", „Versuche über Israels Pflichten" geschrieben, der in den „Neunzehn Briefen" den Kampf gegen Geiger, Holdheim, Aub, die VoMmpfer der Reform auf religiösem Gebiete, ausgenommen, der aber alle seine Schriften in deuts cher Sprache und nicht eine einzige hebräische Zeile geschrieben hatte. Die Kluft zwischen diesen beiden Männern war gar zu weit, der Gegensatz unüberbrückbar, was sich schon in den äußeren Formen kundgab. Während es als seltenes Ereignis galt, wenn die hohe, ehrfurchtgebietende Gestalt des R. Mordechai Beneth im langen seidenen Kaftan, mit der hohen Pelzmütze auf dem Kopfe, begleitet von seinem Diener und einem seiner Schüler durch die Gasse schritt und Frauen und Mädchen sich scheu zurückzogen, — ging „der Landrabbiner" Samson Rafael Hirsch mit kurzgeschorenem Backenbart, in kurzem modernen Salonrock täglich spazieren und lüftete höflich den Hut vor jedem und — jeder Grüßenden. Während R. Beneth in seinem fünfzigsten Lebensjahre, sich von seiner Gattin, mit der er in ungetrübter Eintracht lebte, mit ihrem Einverständnisse deshalb lossagte, um sein ganzes Leben ausschließlich der Thora, der asketischen Frömmigkeit, besonders aber dem StudiumderKabbala zu widmen, war die stete Begleiterin des Landrabbiners Hirsch bei seinen täglichen Spaziergängen seine Frau, was man mindestens sehr ungewöhnlich fand. Was Wunder, daß die Alten in der Gemeinde über einen solchen „Landruw" bedenklich den Kopf schüttelten und die Rabbiner Mährens, die alle noch zur alten Garde gehörten, in die Oberhoheit dieses Landrabbiners nur widerhaarig sich fügten? Nur der Boskowitzer Rabbiner A b r a h am P l a c z e k und der Eibenschützer Rabbiner Beer Oppenh eim hielten treu zu ihm. Bei dem feierlichen Empfang desselben gab sich auch diese Aversion durch folgende ebenso verfängliche als malitiöse Frage