Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021560--13445-3038097- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite 182 Dr. Dlocb s MocbenscbrM. Rr. 12 Vom Aubrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichle. Erzbischof Dr. Kohn. — Sein Nachfolgers — Der grollende Gregorig. — Der christlich-soziale Arbeiterbund. — D i e christlichen Radfahrer.) Erzbischof Dr. Kohn hatte zu schwer an seinem Namen zu tragen: er. ist nun niedergebrochen. Darob großer Jubel im antisemitischen Heerlager. Woher der Jubel? Er ist logisch nicht besser begründet, als der erbitterte Haß wider Alles, was jüdisch ist oder jüdischen Namen trägt. Daß der Olmützer Erzbischof jüdisch gedacht oder gefühlt, oder irgend eine Schwäche und zarte Rücksichtnahme für das Judentum an den Tag gelegt hätte, das behaupten die antisemitischen Blätter selber nicht, die sich ja sonst unbedenklich versteigen, wenn sich nur halbwegs die Möglichkeit bietet, eine solche furchtbare Anklage zu erheben. Das psychologische Motiv ist anderswo zu suchen, und man hat nicht lange zu suchen. Die gestürzte Größe hieß Kohn, und Kohn ist ein so beweiskräftiger Name, wie kaum ein anderer. Das ist das eine Moment, und das andere ist die naive Voraussetzung, daß ganz Israel bei seinem bekannten und oft genug gebrandmarkten Solidaritätsgefühl ein großes Wehgeheul anheben werde, weil man einem Herrn Kohn so bös mitgespielt habe. Das mit dem Solidaritätsgefühl mag ja nun etwas für sich haben, aber die Voraussetzung, daß das Judentum noch irgend etwas gemein hätte mit dem Manne, den eine Zufallswoge des Schicksals auf einen erzbischöflichen Stuhl gesetzt und von dort wieder herabgespült hat, die ist doch eine durchaus irrige. Die Juden sind sich längst darüber klar, daß sie vom katholischen Klerus, sei es der hohe oder der niedere, nichts Gutes zu erwarten haben, und sie können daher mit der vollkommenen Gemütsruhe der Resignation zusehen, wie sich die Dinge entwickeln werden. Schlimmer kann es in Oesterreich für sie ja doch nicht mehr werden, und aus eine baldige gute Besserung rechnen sie auch nicht. Auch diese Erkenntnis gibt einen Trost und gibt Haltung, und darum stehen sie auch vollkommen unbewegt der Frage der Nachfolgerschaft gegenüber. Als der fähigste und tauglichste Nachfolger wird der Olmützer Prälat Mayer bezeichnet, aber in Erwägung aller Umstände wird man seine Chancen doch nicht allzugünstig beurteilen dürfen. Man wird es nicht riskieren wollen, auf einen Kohn einen Mayer folgen zu lassen. Nicht ettva daß auch dieser Mayer — oh, gewiß nicht! Nichts liegt uns ferner, als verdächtigen zu wollen, aber man wird nach dem einen verunglückten Experiment nicht noch einmal experimentieren wollen, zumal nicht, da man ja ganz sicher gehen kann. Die anderen Prätendenten heißen nämlich: Graf Adam Potulicki, Freiherr v. Grimmenstein, Prinz Karl von Hohenlohe-Langenburg. Da kann nichts passieren und für „jüngere Söhne" muß doch auch gesorgt werden. Demonstrationen in Warschau, Unruhen an der Universität Kiew und ein grausamer Nihilistenprozeß werden aus Rußland gemeldet. Die ersteren verschweigt der offizielle Draht, die Kiewer Universitätsunruhen stellt er als hauptsächlich von Juden hervorgerufen hin und der Nihilistenprozeß wurde selbstverständlich vor verschlossenen Türen verhandelt. Da hat man das ganze russische System: Vertuschung, Heuchelei und staatliche Rückständigkeit. Die Vorfälle in Kiew scheinen, wenn man zwischen den Zeilen der knappen Depesche zu lesen versteht, am bedenklichsten. Man liebt es, stets die Juden als die Anstifter und Hauptteilnehmer aller revolutionären Bewegungen hinzustellen, und verfolgt damit den doppelten Zweck, die Bedeutung dieser Bewegungen abzuschwächen und die barbarischen Ausnahmsmaßregeln, die brutalen Exzesse gegen die Juden zu beschönigen. Es ist gewiß richtig, daß die russischen Juden ein größeres Kontingent als die nichtjüdische Bevölkerung zu den Aufrührern stellen, einfach, weil sie als Russen und als Juden doppelten Grund haben, unzufrieden zu sein. Aber der Pcrzcntsatz, mit dem sie in den Reihen der Re-ol'.'.ticn stehen, ist dennoch ein niedriger und die Masse der zum Umsturz geneigten Elemente in Rußland beträgt ein Viel faches der Zahl der russischen Juden überhaupt, obwohl diese vor Jahren noch an drei Millionen zählten. Man muß einfach mit der Tatsache rechnen, daß ein großer Teil der breiten Schichten im Zarenreiche, Bauern, Kleinbürger und Intelligenz, heute für die Revolution reif ist und sie machen wird, wenn die Zeit kommt, wenn der Augenblick günstig und wenn alles bereit ist. * * * In Oesterreich geht alles österreichisch zu, auch in den antisemitischen Konventikeln. Da hielt kürzlich der christlichsoziale Arbeiterbund seine Generalversammlung ab. Man sollte meinen, daß diese Leute es wirklich spürten, wo sie der Schuh drückt. Zitieren wir nach dem „Deutschen Volksblatt", also einer authentischen Quelle, ein Idyll aus jener Generalversammlung. Erst gibt ein Redner Herrn Gregorig einen Denkzettel und ruft emphatisch aus: „Einen Antisemitenbund kennen wir nicht. Wir halten zu Dr. Lueger!" Dann entwickelt sich folgende dramatische Szene: „Obmannstellvertreter Höpfner: Es ist traurig, daß Ausschußmitglieder die in einer vertraulichen Ausschußsitzung ausgeglichene Angelegenheit hier zur Sprache bringen. (Rufe: Sehr richtig!) Ich bedauere, zu diesem Punkte sprechen zu müssen, er betrifft die Behauptung, daß sich Herr Gemeinderat Laßmann von einem Juden einen „Schwarzen" zahlen ließ. — Obmann Laßmann: Ich lasse über die Sache keine weitere Debatte zu. — Obmannstellvertreter Höpfner: Zu meiner Rechtfertigung erkläre ich, daß die von mir gemachte Aeußerung, daß sich Herr Gemeinderat Laßmann von einem Juden Zigaretten zahlen ließ, von ihm selbst zugegeben wurde. (Lebhafte Hört!-Hört!-Ruse. Große Unruhe.) — Gemeinderat Laßmann: Das ist eine Infamie; es sitzen Ausschußmitglieder hier, welche wissen, was ich gesagt habe. (Große Unruhe.) — Ausschußmitglied Oberhäuser: Herr Gemeinderat Laßman hat erklärt, daß derjenige, der den Schwarzen gezahlt hat, kein Jude war, sondern ein Christlich-Sozialer. Bezüglich der Zigaretten hat Laßmann erklärt, daß er sich Zigaretten angeschafft habe; nachdem der Marqueur lange nicht gekommen sei, habe ein Jude, der beim Tische gesessen sei, allen mit Zigaretten aufgewartet. (Rufe: Na also!) — Selitsch: Neulich hat Höpfner einen Ball gegeben und den ganzen Juxbazar von einem Juden genommen. (Hört!) — Höpfner: Das ist nicht wahr!" Das sind die Sorgen eines Arbeiterbundes! Wie tief wird da doch der Respekt von den Arbeitervereinigungen, welche nicht die christlich-soziale Marke tragen! Eine Schlappe hat die christlich-soziale Partei in den letzten Tagen auf einem Gebiete erlitten, wo es kaum noch zu erwarten war; sie hat im „Oesterreichischen Touring-Klub" das Feld geräumt. Das Ereignis ist nicht von erheblicher Bedeutung, aber es hat symptomatischen Wert. Die Wiener Radsahrerschast hatte sich zur Zeit der Blüte des Radsportes lange und erfolgreich gegen das Eindringen antisemitischer Tendenzen gewehrt. Endlich wurden aber auch da die Schleusen geöffnet und die Dämme gewaltsam durchbrochen. Der Oesterreichische Bund, damals die stärkste Vereinigung der Radfahrer, verlangte von seinen Mitgliedern plötzlich reine arische Abstammung. Damit waren etwa zehn Radfahrvereine freisinniger Richtung aus dem Bund hinausgedrängt. Seither siecht der Bund und stecht der ganze Radfahrsport in Wien dahin. Die hinausgedrängten Vereine taten sich zusammen und gründeten den Oesterreichischen Touring-Klub. Dieser wurde zwar als Judenklub stigmatisiert, er gewann aber Bedeutung, und seine gemeinnützigen Leistungen, insbesondere in der Herstellung von kostspieligen Radfahrerwegen, wurden von allen Seiten und allen Parteien achtungsvoll anerkannt. Die Leitung war jüdisch, die, während sie auf einer Seite verdienstlich wirkte, auf der anderen Fehler über Fehler häufte. Der verhängnisvollste Fehler war ihre Konnivenz dem Antisemitismus gegenüber. Sie setzte Alles in Bewegung, um — den Verband christlicher Radfahrer zu sich herüberzuziehen und bei sich aufzunehmen. Also: ein anti-