Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 12 Dr. Blocb’s TKüocbenscbritt. Seite 181 Ihnen mitteilen, daß wir — es ist dies ein zufälliges Zusammentreffen — soeben, es war in der gestrigen Vorstandssitzung, in der Lage waren, einer von einer österreichischen Stiftung herrührenden tüchtigen Volksschule, der Lämel-Schule in Jerusalem, eine Spende zu votieren." „In demBüchlein, welches Sie erhalten, ist die Entstehungsgeschichte und der Werdegang der jüdischen Kolonien dargestellt. Vor 25 Jahren von Edmund Rothschild gegründet und lange Jahre von ihm erhalten, sind sie nunmehr von der „Jca" übernommen worden und ist ihre Zukunft und — wie wir hoffen wollen — auch ihre Ausbreitung für alle Zeiten gesichert. Was sie dermal zu leisten vermögen, zeigt Ihnen diese Ausstellung und so erkläre ich nun dieselbe für eröffnet und lade Sie, meine hochverehrten Damen und Herren, ein, dieselbe zu besichtigen." (Lebhafter Beifall.) Der Oberrabbiner Dr. Güdemann führte sodann in einer vortrefflichen Rede aus der Vergangenheit des Judentums, aus der jüdischen Geschichte und aus Bibel und Talmud den unwiderleglichen Nachweis, wie hoch im Ansehen bei den Juden zu aller Zeit die Arbeit stand, wie sehr sie der Arbeit und dem Handwerk ergeben waren und namentlich auch der Feldarbeit, wenn man sie nur nicht an der Arbeit gewaltsam hinderte; Gebt den Juden nur die Gelegenheit zur Arbeit und ihr werdet sehen, daß sie von derselben den umfassendsten und nützlichsten Gebrauch machen! Das ist es auch, was uns die Ausstellung im Grabenhof in der überzeugendsten Weise demonstriert. Zweierlei Arbeiten sind es, denen wir begegnen: landwirtschaftliche und gewerbliche. Um sie in vollem Maße zu würdigen, muß man auch die Umstände in Betracht ziehen, unter denen die Juden in Palästina arbeiten. Ein verwahrlostes Land, eine verkommene Verwaltung, aus ihren Lebensverhältnissen herausgerissene Menschen, Mangel an den primitivsten Einrichtungen, keine Kommunikationen, keine Verbindungen! Alles muß mit schweren Opfern erkauft, mit Mühe herbeigeschafft werden, Entbehrungen und Enttäuschungen lähmen die Tatkraft, es treten Augenblicke ein, in denen die opferwilligsten Personen sich zurü^iehen wollen, all dies kann den Glauben an die Zukunft nicht ertöten. Und siehe da, „wer ausharrt, wird gekrönt" — die Ausstellung erbringt den Beweis, daß dem Mutigen, dem unverdrossen Ausharrenden, dem Feinde Trotzenden die Zukunft gehört. Die jüdischen Kolonien haben durch ihre unermüdliche Arbeit sich das Vertrauen erobert für ihre eigene Zukunft, sie haben noch ein größeres gewonnen, das Vertrauen in die jüdische Arbeit. Die Ausdauer, die sie und diejenigen, welche für sie eingetreten sind, wie die Jewish Colonisation Assoziation, an den Tag legten, hat endlich Früchte getragen, Früchte, welche in erster Reihe den Kolonien, mittelbar aber auch dem gesamten Judentume zugute kommen. Die Zweifel sind verscheucht, die Feinde sind beschämt und triumphierend geht die jüdische Arbeit aus dem Kampfe hervor! Das ist die Bedeutung dieser ersten palästinensischen Judenkolonien-Ausstellung in Wien! Aber über diesem großen moralischen Erfolge dürfen wir auch des praktischen nicht vergessen. Der Wert der landwirtschaftlichen Produkte, die zur Ausstellung gebracht wurden, muß natürlich vorangestellt werden. Nicht blos weil in ihnen sich die Bedeutung des Kolonialwesens ausspricht, sondern weit in der richtigen Entwicklung der Landwirtschaft die ganze Zukunft des Landes gelegen ist. Palästina war ein Viehzucht und Ackerbau treibendes Land, die Juden waren die richtigen Bauern, aber keine Handelsleute, dies Geschäft betrieben die Phönizier und andere Nachbarvölker. Erst als man die Juden von Haus und Hof jagte und ihnen den Bodenbesitz und die Bodenbearbeitung verwehrte, mußten sie zu anderen Erwerben ihre Zuflucht nehmen. Wenn sie jetzt wieder auf ihrem angestammten Boden frei werden arbeiten dürfen, werden sie auch wieder zur richtigen Arbeit zurückkehren. Das Hauptprodukt bilden Wein und Südfrüchte. Die Proben zeigen, daß die Juden von Palästina es bereits gelernt haben, für den europäischen Geschmack zu arbeiten. Der Wein ist, wie alle Besucher der Ausstellung sich überzeugten, von vorzüglicher Qualität und auf den Tafeln derjenigen, die sich und ihren Güsten fremde Weine vorsetzen, sollte von nun an der Wein aus Palästina die erste Stelle einnehmen. Wenn unsere wohlhabenden Glaubensgenossen in dieser Weise die jüdische Arbeit in Palästina unterstützen würden, man brauchte manche andere Unterstützung von ihnen nicht zu erbitten. Wenn jetzt schon 36.000 Hektoliter exportiert werden, wie wird sich erst der Weinbau entwickeln können, wenn der Bedarf und die Nachfrage steigen. Ebenso bedeutungsvoll für die Landeskultur wird der Anbau von Orangen und Zitronen sein, während Körnerfrüchte in erster Linie den heimischen Bedarf zu decken berufen sein werden. Der Anbau von Gemüsen aber wird für Exportzwecke, wie es in Egypten und Algier der Fall ist, erst dann ein lohnender werden, wenn die Bewässerung weiter vorgeschritten und die Bodenbearbeitung eine mehr gartenmäßige wird sein können. Daß die Juden in Palästina das Zeug dazu haben, auch diesen Anforderungen zu entsprechen, kann man an den zur Ausstellung gebrachten Produkten erkennen. Eine sehr große Bedeutung für die Prosperität der jüdischen Kolonien dürfte auch in der Entwicklung der Seidenzucht zu erkennen sein. Die allsgestellten Kokonsproben sind von einer Reinheit, Größe nnd Gleichmäßigkeit, daß sie jeden Fachmann befriedigen, und die aus der im Lande gewonnenen Seide erzeugten Waren zeigen ein schönes Gewebe, haben einen effektvollen Glanz einen festen und feinen Faden, so daß die Seidenverarbeitung dem Lande und den Juden daselbst zum Vorteil gereichen wird. Auch der Tabakbau wird sich im Lande in größerem Maßstabe entwickeln lassen, und wenn erst die jüdischen Bauern aus ihrer eigenen Kraft gelernt haben werden, ihre Anbauzweige zu vermehren und zu verbessern, dann kann man mit voller Beruhigung ihrer Zukunft entgegensehen. Hand in Hand mit der Landwirtschaft muß in Palästina ganz so wie überall anderwärts die landwirtschaftliche Industrie gehen. Die Anfänge dazu sind auch schon bei den jüdischen Bauern im heiligen Lande gemacht. Die Ausstellung bringt Proben von der bereits erwähnten Seidenindustrie, ferner von Holzschnitzereien und von Steinbearbeitung. Wenn es jetzt auch nur erst Schülerarbeiten und Anfänge einer Hausindustrie sind, so kann man doch aus ihnen den Schluß ableiten, daß die Fertigkeit und der gute Wille vorhanden sind. Es braucht also auch für diesen Zweig nur die richtige Lehre und Förderung zu kommen, damit die Entwicklung in gedeihlicher Weise vor sich gehe. Wir legen deshalb einen sehr großen Wert auf die vom Herrn Oberrabbiner Dr. Güdemann gegebene Anregung, daß von Wien aus die in Jerusalem bestehende, von der verewigten Frau L ä m e l unter Mitwirkung des ehemaligen Sekretärs der Kultusgemeinde Dr. August Frankl Ritter von Hochwart gegründeten Schule zu einer landwirtschaftlichen Schule erweitert werde, womit auch der Unterricht in landwirtschaftlichen Gewerben verbunden sein kann. Manche Geldsumme, welche unsere Wiener Juden und Jüdinnen für ihnen fernab liegende Zwecke gespendet haben, wäre weit nutzbringender und edler verwendet worden, wenn sie auf solche praktische und zugleich wohlthätige Zwecke verwendet worden wäre. Zu spät ist es noch nicht und vielleicht besinnt sich der Eine und der Andere auf sein Interesse für das „heilige Land" seiner Vorfahren! Der Besuch der Ausstellung kann allen, die sich für jüdische Arbeit und für die materielle Befreiung des jüdischen Volkes, für die Hebung jüdischen Bewußtseins interessieren, nicht warm genug anempfohlen werden. Am Eröffnungstag war für die geladenen Gäste ein kaltes Buffet aufgestellt, welches das Restaurant Khuner beigestellt hat.