Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 180 Dr. Mocv's Mlocvenscbrttt. Rr. 12 samtheit sei verantwortlich für Einzelfälle. Generalisieren ist das beliebteste, obwohl unanständigste Partei-Manöver. Die Statistik ist da sehr nützlich: Die Juden begehen bekanntlich weniger Verbrechen; sie haben ein besseres Familienleben und stehen auch sanitär besser da. Vor kurzer Zeit war nach der „Münchener Medizinischen Zeitschrift" (51. Jahrgang Nr. 41 vom 26. Jänner 1904) eine Arbeit Dr. Hoppe's über Krankheit und Sterblichkeit der Juden und Nichtjuden erschienen. Dr. Kerschensteiner in München besprach dieselbe sehr günstig. Dort ist deutlich zu lesen, daß die Mortalität der Juden eine geringere sei, als bei den Nichtjuden. Als Ursachen hebt Hoppe hervor: Die größere Mäßigkeit der Juden gegenüber dem Alkohol, die geregeltere Lebensweise durch das Familienleben. Nervöse Dispositionen hängen aber mit dem Stadtleben (Ghettos) und der jahrelangen Unterdrückung zusammen. Außerdem (sagt Hoppe) habe der Rassenhaß zerrüttend auf das Nervensystem eingewirkt. Würde es gebilligt werden können, für einen Christen alle verantwortlich zu machen? Das gerade tut heute mit Juden das ganze Wien. Der Individualismus unseres Zeitalters, die Theorien eines Nietzsche sind es, welche in den Erben der „Aryas" die Unterdrückungslust der „Aryas" wieder erweckt haben, den Haß gegen die modernen „Sudras"; die feineren Lebensregelu der Brahmanen haben sie nicht behalten, nur die Art der 2. und 3. Kaste, der Krieger und Bauern. Da der Mensch eine Ausrede für alles haben muß (Herrscher haben Gott und die Minister, Orientalen den Aberglauben), so mußte ein Prügelknabe her, der I u d e, und mit Hilfe des Generalisierens: die Juden! Wer schimpft und generalisiert, kann doch bei Diskussionen nicht ernst genommen werden, bei denen das „Distinguo" an erster Stelle zu stehen hätte. Wer generalisiert, wie die Berserker arischer Abkunft, der steht in meinen Augen auf einer Stufe, die ihn unfähig macht, mitzureden, denn er ist blind und kann Spreu und Weizen, Gut und Schlecht nicht mehr unterscheiden. Nicht der Ungebildete — der H a lb gebildete, der V e r bildete ist der größte Feind der Bildung. Zum Schlüsse dieses Kapitels noch eine kleine Blumenlese von Beispielen. In den Achtziger-Jahren erstand eine Reihe von Typen, welche ich unter dem Sammelnamen: „Spott-Jüdler" zusammenfassen möchte. Sie sahen ihre Lebensaufgabe im Verspotten, und ihnen genügte das Gekicher der Gesinnungskameraden. Sie wendeten Worte, wie „Kale", „Rebbach", „Meschugge" auf das gewöhnliche Leben an und waren stolz auf ihre sprachlichen Leistungen. Das „Juden hinaus" tönte selbst in Aemtern, wie ich beweisen kann: Eine Reihe jüngerer Richter bildete nahe bei Wien einen „Tugendbund", in dem „Judenblätter" verbannt waren. Der aufgeklärte Oberlandesgerichts-Präsideut St. . machte der Sache ein Ende unö versetzte ihnen eine „Nase", die sie sich gemerkt haben In einem Gebirgs-Kurcrte las man Mitte der Achtziger- Jahre auf Bänken und Bergspitzen „Juden hinaus". Graf P . . . . (der Badekommissär) ließ Alles entfernen, denn es war Gefahr vorhanden, daß die sechzig Perzent Semiten nicht wiederkehren könnten. In einem Fremden-Zeutrum wurden sogar die Gymnasiasten zur Feier der Judenfresser zugezogen und die Meister verbrannten im Kurhause einen Miniaturjuden, ein symbolisches Auto da te ä la Philipp II., das war im Jahre 1886 oder 1887! Ich kenne einen Arzt. Schon sein Vater war als Wohltäter bekannt, weit über die Grenzen. Der beste Christ ist der Jude „N.", hieß es dort schon vor fünfzig Jahren. Der Sohn machte dem Vater Ehre. Selbst politische Gegner achteten diesen Mann, aber weil er „Jude" war, mußte er angegriffen werden. Ein klerikal-antisemitisches Skandal- und Hetzblättcheu beschimpfte ihn, denn er war intelligent, darum aufgeklärt, darum liberal, darum konsequent, daher sich selbst getreu : Lauter Verbrechen für die Schwarzen. Wegen einer Kleinigkeit haben sieden Wohltäter der ganzen Gegend, seinen Armen und Kranken entrissen; das Volk weint ihm heute nach, aber die Volksfreunde in den Kutten mußten Recht behalten. Der Arzt lebt unter besseren Menschen als jene sind, welche sich stets Christen nennen, aber nicht wissen, was Humanität ist. Die gesellschaftlichen Verhältnisse haben sich also erheblich verschlimmert. Vor zehn Jahren mußte Bürgermeister Grübl bei Eröffnung des Naturforscher-Kongresses in Wien sagen: „Sie finden nicht die Stadt des Genusses, das gemütliche Wien, sondern eine Stadt des Kampfes und der Arbeit. Bald darauf sprach ich Ph. Lützow, der sagte: Wir stecken bald bis an den Hals im Sumpfe. Die Liberalen müssen verlieren, weil sie sich nicht in allen Sätteln zurecht finden, keine politischen Chamäleone sind." So ist es leider gekommen. Immer schwärzer wurde die Luft. Man huldigte förmlich der Zersetzung von der einen Seite, um die Zersetzung der anderen Seite zu bekämpfen. Um eine Ecke abzuschneideu, schnitt man die zweite ab. Am Tage des Sturzes Badens, als einer der Volksanführer vom Parlamente den Massen verkündigte, was sie in den Extrablättern ohnedies bereits gelesen hatten, gedachte ich der Worte: „Im Sumpfe bis am Hals. In allen Sätteln zurechtfinden." Und so schließe ich dieses Kapitel mit den Worten eines alten Liberalen, der mir vor einigen Wochen sagte: „Das gedankenlose Wien, das zum Vater der Verfassung heraufgejubelt, die Staatsgrundgesetze verhimmelt, das für die Sckulgesetze beleuchtet und nun den Gegnern nachläuft, hat seinesgleichen nicht die Welt." War da meine Antwort nicht eine natürliche!? Vindobona ist eben in der Politik eine Courtisane, die den liebt, der am meisten verspricht. (Schluß folgt.) Me Ausstellung der jüdische« Kolonie« uo« Palästina. Im ersten Stockwerk des Grabenhoses wurde Sonntag in Gegenwart der Vertreter der israelitischen Kultusgemeinde und einer großen Zahl von geladenen Gästen eine eigenartige von der Karmel-Gesellschaft veranstaltete Ausstellung eröffnet. Produkte aus dem „Heiligen Lande" wurden den Beschauern vorgeführt, Arbeiten der Landwirtschaft und der landwirtschaftlichen Hausindustrie, sämtlich von jüdischen Bauern hieher gesendet. Der Vizepräsident der israelitischen Kultusgemeinde, Herr Dr. Alfted Stern eröffnete die Ausstellung mit folgender Ansprache: „An den Toren unserer Gotteshäuser trägt die erste Spendenbüchse die Aufschrift: Erez Jisroel. Erez Jisroel! An das heilige Land werden wir gemahnt gleich beim Eintritt, noch ehe wir die gottgeweihten Räume betreten, in denen der Gottesdienst, unsere Gebete und die Sprache, in welcher wir dieselben rezitieren, uns die heiligen Erinnerungen an die Vorzeit, an unsere Geschichte, an das heilige Land seit jeher immer und immer einprägen. Was dort in Rede und Schrift, hier soll es uns im Bilde anschaulich vorgeführt werden. Die Frucht, die sie hier sehen, ist dem Boden des heiligen Landes entsprossen, ist dort herangereift. Die Arbeiten von Menschenhand, die Gewebe und Fabrikate, welche Ihnen hier gezeigt werden, sind von jenseits des Meeres, aus Palästina, zu uns gebracht. Ünd in allem dem ist die agricole, sowie die gewerbliche Arbeit durchwegs von jüdischen Händen, von unseren Glaubensbrüdern in den Kolonien dort geleistet worden. Wahrlich! Ein neuer Beweis, wenn es überhaupt noch eines solchen bedürfte, wie ungerecht, wie nur dem Wahne oder dem bösen Willen das Vorurteil, als ob unser Volk zu agricoler oder gewerblicher Arbeit ungeeignet oder solche zu leisten unwillig sei, entspringt, wie ungerecht — sage ich — jenes Vorurteil ist." „Ich habe hier nicht das Mandat, namens des Vorstandes unserer Kultusgemeinde zu sprechen; aber das Eine möchte ich