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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-03-18 · 12 (18.3.1904) · page 3

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
12 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
– (sequence 3)
Language
German
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Nr. 12 Dr. Mocd's Mocbenscbritt. Sette 179 wir dieses herbe Wort Grillparzers über Wien in gewisser Hinsicht wiederholen. Ich wollte damals auch Opportunismus und L-.isetreterei zur Tür weisen durch den Grundsatz: „In einem Klub sind Alle gleich". Als der Klub gegründet war, näselte sofort eine Salon-Exzellenz ungeduldig: „Aber mein Bester, ich höre, so viele Israeliten haben Sie in „Ihrem Klub", worauf ich nicht zögerte, zu antworten: ..Exzellenz, wir haben keine sondern einen Wissenschaftlichen Klub, der die Intelligenz Wiens umfassen soll. Wie viel bleibt von der Intelligenz Wiens, wenn wir die Juden ausschließen?" Der alte Camesina sagte zu Dr. Leyrer (unserem Kassier im Klub): „Ihr Freimaurer-Klub, was macht er denn?" Bosheit schien es ihm; uns ehrte der Titel nur. Dann tauchte der Zunftgeist der Gelehrten auf: „Naturwissenschafts-Klub", spotteten Philologen und Historiker; sie fühlten sich zurückgesetzt, weil ihrer weniger dabei waren. Diese bösen Nachreden verschwanden erst, als Schmerling das Präsidium übernahm und in dem Klubansschnß die Bureaukratie überwiegend war. Aber, da waren wieder Andere unzufrieden, auch ich. Einige sagten: „In einen „Beamten-Berein" bin ich nicht eingetreten. Ich habe mir das anders vorgestellt". Gleich im zweiten Jahre gab es eine große Zahl von Austritten aus dem Klub.- Nach drei Jahren, in denen ich mit meinen Ansichten nicht gerade auf Rosen gebettet war, eher auf glühenden Kohlen stand, gab ich (1879) die Zügel ab. Der Wissenschaftliche Klub ist allerdings neutral geblieben. aber auch farblos, denn er tritt nicht aktiv auf, um sich seine Neutralität zu sichern. Eine Art von Geistespolizei dominiert jetzt in Wien und auch die Klubleitung zittert, wenn eine Frage an sie herantritt, die ans Politische streifen könnte. „Gefahrloses Fahrwasser" ist die Devise, „keine freie Diskussion, keine freie Bewegung, jeden Atemzug bevormunden, ehe er zum Sturme werden könnte." Man vergißt, daß man alle Ansichten ehren soll und nicht reaktionäre Allüren blind begünstigen dürfe. Jüngst wurde auch ich, der Gründer dieses Vereines, angefeindet, weil ich das steuerlose Wrak, auf welches sich Verfolgte retten, in Richtung bringen wollte. Tatenlos zuwarten ist Scheinleben. Das Leben ist Kampf und nur Kampf gibt Leben. Die Opportunitätsgeister, die jedes System für einzig und gerecht er klären, solange es obenauf ist, fassen gar nicht, daß man nicht die Zeitverhältnisse berücksichtigen, sich nicht der Strömung anpassen könne. Wie hat doch Gottfried von Straßburg gesungen: „Mau soll den Mantel keren, als wie die Winde siudt gewandt"; — das war ein alter Streber, noch dazu ein naiver, der sich selbst verraten hat. IV. Arier oder Nichlarier. Merkwürdig ist es, daß die ersten Anzeichen der Verrohung im gesellschaftlichen Verkehre Wiens auf einem Gebiete erschienen, welches das harmonischeste sein sollte, auf dem der Tonkunst!! Der Wagnerianismus hatte so starke teutonische Akzente; die „Wagnärrischen" (wie man sie anfangs der Sechziger-Jahre nannte), die Herolde der „Zukunfts-Musik" brachten das Evangelium des Meisters mit Keulenschlägen zur Kenntnis. „Sie haben das Donnerwetter in Permanenz erklärt", sagte der Musik-Schriftsteller Ambros. Die Ohren sind eben jetzt auch derber geworden; damals war man entsetzt, und rauh wie die Klänge, waren auch die Jünger; je mehr Mißt ö n e in den unaufgelösten Wagner-Akkorden, desto ärger der Miß t o n. Es wurde damals ein guter Grund gelegt für die Allüren der späteren Sezessionisten, die Evangelimänner des Pleinair, die Vorkämpfer des krassen Naturalismus. Diesen Zug des absprechenden Despotismus danken wir der gebildetsten Nation der Welt, die so große Geister uns geschenkt und die leider den Rassenhaß erfunden hat. Der Drache „Antisemitismus" flog nämlich zu uns von Deinschland herüber, er kam aber erst, als Deutschtümler, hochtrabende Urgermanen, von Wagner suggeriert, plötzlich die Reitpeitsche gegen die Nicht-Arier erhoben. „Arier oder Nicht-Arier! Schauen wir uns die Sache einmal genauer an; legen wir das Ding unters Mikroskop: Der Name Arier stanrmt aus dem Sanskrit! Dort heißt Aryas, der Ackerbauer. Nach den Vedas waren die Arier ein Viehzucht und Ackerbau treibendes Volk, das aus den Bergen im Nordwesten Vorder-Jndiens ins Pendjab herabstieg, im ganzen Gebiete eiuwanderte und die Einheimischen unterdrückte, die es dann Sudras nannte. Die Brahmanen- Religion teilt die Menschen in drei große Kasten: l. Die Brahmanen, 2. Krieger, 3. Ackerbauer. Ackerbauer scheint doch die wichtigste zu sein. Es ist bei dem Worte „Arier" Vorsicht zu gebrauchen, besonders wenn man alle Judogermanen meint, die dem kaukasischen Stamme angehören. Die Teutomanen wissen offenbar nicht, daß die keltischen Sprachen, die lettische, slavische, die italienische u. s.w. „arische Sprachen" genannt werden, auch die hellenische. Me kwürdig ist aber auch, daß gerade im Orient der aus Spanien vertriebene Jude, der den Ketzerverbrennungen entflohene Stamm der „Spaniolen" das größte Vertrauen besitzt, und daß der Türke (wie Kunitz erzählt), dem Spaniolen sein Geld ins Depot gib: (auch oft ohne Empfangsbestätigung), bekannt ist aber auch, daß der Armenier, der Perser weniger Vertrauen besitzen und am wenigsten in Geschäften, der Grieche. Der Arier, ist der Geriebenste im Osten, der Semit ist der Gesuchteste, der Solideste. Auch in anderer < eziehung wird die tendenziöse Partei- Etnographie von ihren Deutungen abgehen müssen, denn es gibt (außer auf einsamen Inseln) vielleicht im größeren Maßstabe bei den Japanern, die aber wieder ein Mischvolk der Ainos, der Einwohner Jesso und der Chinesen sind, keine reine Rasse, also auch keine llrarier und noch treffender könnte das Urwüchsige der Abstammung von der Philologie erklärt werden, indem sie sagen mnß: Etymologisch ist die Sache ziemlich klar, der alte Begriff im Sanskrit „Aryas" bedeutet Ackerbauer! Wenn nur jemand seine reine Abstammung behauptet, so muß er den umfassendsten Begriff Ackerbauer gelten lassen; nennt er sich Arier, nennt er sich schlechtweg Bauer, aber nicht Herr, wie stolze Cherusker- Fürsten des 19. und 20. Jahrhunderts behaupteten. Also mit der Unterscheidung zwischen Arier oder Nichtarier hat es einen Haken; sie ist kein Beweis von großer anthropologisch-ethnographischer Bildung. Wenn wir also die Prahlreden kämpfender Südsee- Jnsulaner-Häuptlinge ins Deutsche übersetzt lesen^ brauchen wir nicht zu erschrecken. Mit ihren Idealen haben sie das Beste verloren. Die heutige Strömung ist einmal so, daß ein bedeutender Aesthetiker der Gegenwart sich der Worte bedienen durfte: „Die Deutschen waren Idealisten. Gott sei Dank, sie sind es nicht mehr!" Diese Resultate der Kulturarbeit des Zentral-Europäers sind so tief gesunken, daß man frägt: Wozu Annäherung der Völker? Wenn keine Verbrüderung und Vermischung der nationalen Unterschiede, wozu die chinesische Mauer der Rassen? Bei uns in Oesterreich kamen gerade recht zu den Nationen die Natiönchen, die Fraktionen und die Fraktiönchen, wo blieb Frau Austria? Kaum hatten die Deutschen wieder Kultur nach Osten getragen, kam „Taaffe anli Schönerer", dann kam die Koalition und dann wieder heillose Verwirrung bis Badeni's Sturz. — Etwas Törichteres hätte den Deutschen aber nicht Passieren können, als das „Los von Rom". Wie da die schwarzen Puppen und Püppchen an den Fingern tanzten und aufs Neue die Fluren in Weihrauchsnebel getaucht wurden! Sie frohlockten ob dieser Waffe! Der Hauptfehler aller Parteien ist immer die Rohheit des Generalisierens; dieser Fluch der Unmündigen, der Kinder, der Analphabeten hastet auch vielen Kultur- und Unkultur- Aposteln an. Sie begehen das Unrecht, zu lehren, die Ge-

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