Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 12 (18.3.1904)
- Date
- 1904-03-18
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 178 Dr. Dlocb's MlocbenscbrM. Sir. 12 — das sind die Früchte der Rassentheorie, das sind die Konsequenzen der Lehre vom Wirts- und Gastvolke. Die Regierung steht diesen Erscheinungen zi.mlich machtlos gegenüber. Ob ihre Untätigkeit eine freiwillige oder erzwungene ist, wollen wir nicht weiter erörtern. Gewiß aber ist der gegenwärtige Zustand für den Staat als solchen ein ticftrauriger, weil alle seine lebendigen Kräfte lahmgelegt, weil seine Macht nach außen und nach innen schwer geschädigt wird, und wenn man gerecht sein will, muß man anerkennen, daß die österreichische Staatsverwaltung von schwerem Verschulden an diesem Zustande nicht freizusprecheu ist. Läßt mau einmal das Unrecht auf einem Punkte eiureißeu, dann verbreitet sich dasselbe naturgemäß wie ein verheerender 2-raud, der im Entstehen leicht zu löschen gewesen wäre, dessen lodernde Flammen aber zuletzt über die Giebel des Hauses emporschlagen. Man hat es jahrelang ruhig oder mit geheimer Schadenfreude zugelassen, daß die Verfassung den Juden gegenüber durchlöchert wurde, und man muß jetzt ohnmächtig zusehen, wie der Rassenhaß das ganze Reich verwüstet und die Ergebnisse einer halbhundertjährigen Kulturarbeit vernichtet. Allerdings, die Kurzsichtigkeit gegenüber den zerrüttenden Wirkungen des Rassenhasses ist nicht ein charakteristisches Merkmal der österreichischkn Staatsmänner allein. Auch anderwärts wird mit allen offiziellen Blasbälgen die Flamme geschürt. Waren wir doch erst vor wenigen Tagen Zeugen davon, wie der leitende Staatsmann desselben deutschen Reiches, das seine Kriegsgallionen in den fernen Osten entsendet, um der „gelben Rasse" die „Heiligkeit des Gastrechtes" zu predigen, um sich den Bewohnern des himmlischen Reiches als Erzieher und Kulturträger aufzudrängen, allen Fanatikern des Rasseustandpunktes mit dem spöttischen Hinweise auf „Mandelstamm und Silberfarb" ein neues Acquit gab. Zuhause behandelt man die Zionisten und Sozialisten als lästige Fremdlinge, als vaterlandslose Gesellen, weit über dem Weltmeere aber will man ein Volk von 400 Millionen mit Ruthen züchtigen, weil es sich gegen die deutschen Eindringlinge ablehnend verhält. Wenn wir in der Kultur des zwanzigsten Jahrhunderts so weiter schreiten, daun wird einmal der Erdball dasselbe traurige Schauspiel bieten, das sich gegenwärtig in unserem lieben Oesterreich abspielt. Schon ist ja die Parole vom „Kampfe zwischen der gelben und der weißen Rasse" ausgegeben und es wird schließlich dahin komnieu, daß die Menschen auf dieser Erde zur Praxis der Kannibalen zurückkehren und jeden Angehörigen einer anderen Nation als einen Fremdling betrachten, den totzuschlagen eine nationale Heldentat bedeutet. Daß dabei die Juden am schlechtesten sahreu müssen, ist ja begreiflich, denn sie allein sind die Träger der meffiauischen Idee vom ewigen Völkerfrieden. Gesellschaft und Geselligkeit w Wien. Girrst urrd Ieht. Wortrag gehalten am 15. Februar 1904 im Vereine zur Abwehr des Antisemitismus von Josef v. Doblhoff, I. Vizepräsident des Vereines. II. Jugend-Erinnerungen. „Hatte im Vormärz Alles einer Richtung angehört, weil eine andere nicht möglich war, weil jede freiheitliche Bewegung im Entstehen erstickt wurde",*) so war das anders, als ich und meine Altersgenossen 1863 hochschulreif geworden. Ich trat in gesellige Beziehungen auf ganz anderen Grundlagen, als viele meiner Kollegen. Als Knabe hatte ich einen Lehrer, einen Mediziner, der die Kirche besuchte, aus Privatfleiß neben seinen Berufsstudium noch so Manches erlernte, seine Lehrer Hyrtl, Brücke, Rokitansky, Schuh, *) So schrieb Vesqne (Brief aus dem Jahre 1870) in der Autogiaphcn-Sammlung des Wissenschaftlichen Club. Arlt verehrte, von Oppolzer entzückt war, Skoda und Dumreicher bewunderte. Er übte das damals'neue Auskültieren und Perkutieren. Sein intimster Freund war ein Jude, auch Student. Der kam mit uns auf Spaziergängen, da wurde viel von Wissenschaft gesprochen. Aus dieser Zeit stammt vom Zuhören meine Ehrfurcht vor der medizinischen Wissenschaft, ihren Aposteln und ihren Jüngern. Wenn Antisemiten (es gab nur einzelne damals) in politische Fraisen gerieten, dann staunte ich, denn der Jude, den ich kannte, meines Lehrers Freund, war ein strebsamer, edeldenkender, geistvoller Mediziner und die Medizin mir das Höchste, Wertvollste, Bedeutendste, was die Menschheit hat. Mein Lehrer gab mir einen Grundsatz für's Leben mit, der lautete: „Weder Geld, noch Geburt, weder Titel, noch Stellung sind entscheidend; es gibt nur zwei Unterschiede unter den Menschen, Gebildete und Ungebildete!" .... Wenn ich heute oft zurückdenke an diesen Spruch, der mir tief eingegraben blieb, so weiß ich nicht, soll ich lachen oder weinen. Die Welt ist so ganz anders! Wie einst im Hause Arnstein, gaben sich auch in den Sechziger-Jahren des vorigen Jahrhunderts die Koryphäen der Kunst und Wissenschaft Rendezvous fast ausschließlich bei der „Haute finance“. Bei Wertheimstein sah ich unter anderen auch die Fanny Elßler, den Geiger Ernst, den Komponisten Vesque und mehrere Sänger und Schauspieler; bei H. Tedesco erschienen Künstler (Maler und Bildhauer), Schriftsteller, Aerzte rc Die Damen aus Bankierskreisen waren denen der sogenannten „Ersten Gesellschaft" an Geist und Bildung weit überlegen. Ursache war die Erziehung, da in aristokratischen Familien durch die herrschende Bigotterie viele Zeit mit geistlichen Uebungen, religiöser Lektüre verging und das Unterscheidungsvermögen auffallend schwach entwickelt war. Anders war es in der Bureaukratie. Als ich 1868 meinen Eid auf alle Staatsgrundgesetze als „Konzepts-Praktikant im Politischen" leistete, da gab es in der ganzen uiederösterreichischen Statthalterei nur einen klerikalen Statthalterei-Rat; Alles war liberal! Mein Chef, Statt- Halterei-Rat F . . ., war so energisch, daß er einem meiner Kollegen wegen eines reaktionär verfaßten Aktenstückes einen Auftritt machte. Der junge Herr hatte nämlich gemeint, man solle den Juden nicht so viele Wirts-Konzessionen geben. „Dahier hat die Konfession nichts dabei zu tun", zürnte F . . . Alles hieß eben damals „Vorwärts", Befreiung vom Konkordate, vom Drucke; viele reifere Damen begeisterten uns junge Leute zu freiheitlichen Aeußerungen. Auf meinen Reisen in den Jahren 1864—1874 sah ich in größeren und selbst in kleineren Städten die Gegensätze. Wie in Wien doch noch der Kastengeist eine Reihe neben einander bestehender, einander ebenbürtiger Zirkel und Cliquen ohne gegenseitige Fühlung geschaffen, meist auf der Basis der Geburt und des Geldes, wie aber weder geistiger Einfluß noch die Bildung, nur Titel und Rang als Gradmesser galten; wie dagegen in allen übrigen Großstädten die wahre Grundlage des gesellschaftlichen Aufbaues — die Intelligenz war. IIi. Das Klubasyl. Der Spruch meines Lehrers leitete mich bei Gründung des Wissenschaftlichen Klub. In meiner ersten Rede bei Koustitnirung des von mir angeregten Wissenschaftlichen Klub (1876) sagte ich ganz offen und zwar unter lebhafter Zustimmung der Zuhörer, daß hier eine Lücke auszufüllen sei, daß Cliquewesen und Kastengeist einen Zentralpunkt für den geistig geselligen Verkehr aller intelligenten Kreise verlangen, um diesen veralteten Zuständen, die sich wieder breit machen, entgegenzutreten. Ich würde, wenn es damals schon einen offenen Antisemitismus gegeben hätte, noch dazu gesetzt haben: „Damit das Gift des „Antisemitismus sein Gegengift finde". Leider habe ich damals nicht Recht gehabt, wenn icfi sagte: „Das Capua der Geister ist dahin"; leider müssen