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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-03-18 · 12 (18.3.1904) · page 1

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
12 (18.3.1904)
Date
1904-03-18
Page
– (sequence 1)
Language
German
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N». 12 Dr. Bloch’s rrrnnii Jahrgang XXI Centralorgan für die gesammten Interessen des -- -H- Wie«. 18 Lrsch eint jeden Freitag. - ■» i. - Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Bloch's Wochenschrift, Wien. . Marz 1904. -H« - « -.~=X u. k. Postsparraffen-Amk Clearing-Verkehr Nr. 610.976. I Ardsctton und Administration: W irn IX/1, Vrrggaffe Nr. 39. | Telephon Nr. 14.847. Judenthums. - —K vrxngsprri» für Srstrrrrich: Halbjährig 8 Krone». Einzelexemplare 50 Heller^ Für'» Ausland: Halbjährig 1V Kronen. Ganzjährig 20 „ Anzeig en: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. W Inhalt: Leitartikel: „Fremdlinge." — Gesellschaft und Geselligkeit in Wien Einst und Jetzt. — Die Ausstellung der jüdischen Kolonien von Palästina. — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte. — „Altneuland". Der Hilfsverein der deutschen Juden. Mährisch-jüdischer Landesmassefonds. — Correspondenzen: Aus der Plenarsitzung des Kultusvorstandes. Derouter Zustand des Friedhofes in Rozuau. Brünn. Zwei Immediatgesuche. Die österreichische Post in Jerusalem. Der Krieg hat den Juden in Rußland eine eigene Art Gleichberechtigung gebracht. Hinrichtung jüdischer Deserteure in Warschau. London, Belfast, London, New-Pork. — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra Kadischa" in Wien. Wien. Leichenbegängnis des kaiserl. Rates Alois Pollak. Wien. Ein jüdischer Meisterschwimmer, Jägerndorf, Meran. Liszt-Abend in Reichenberg. Reichenberg, Temesvar, Ledeö, Sofia, Warschau. Das Holländische Gesetz über die Sonntagsruhe. Prinz und Schnorrer. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Literatur. — Reue Bücher. — Briefkasten. — Notizen. — Inserate. „Fremdlinge." Ein öffentlicher Aufzug, bei welchem die Prager Czecheu für die russische Eroberungspolitik in Ostasien demonstrierten, war der Ausgangspunkt eines lustigen Lokalkrieges in Prag und Wien. Die Czechen wollten den deutschen Studenten in der böhmischen Landeshauptstadt das Recht verwehren, mit Kappe und Band auf dem Graben zu bummeln. Sie bezeichneten die alte Königsstadt an der Moldau als rein czechisches Territorium, auf welchem die Deutschen nur als „Gäste" geduldet würden; sie erklärten, daß das öffentliche Auftreten dieser „Fremdlinge", dieser „Eindringlinge" in Farben eine Provokation bedeute und ihre nationalen Empfindungen verletze. Eine ganze Woche hindurch gab es in Prag Krawalle, bei welchen es den Deutschen hart an den Kragen ging, und nur die Dazwischenknnft des Militärs konnte die Wiederkehr jener blutigen Szenen, wie sie sich beim Sturze Badeni's abspielten, verhüten. Das Gegenstück zu diesen Prager Straßenexzeffen, nur freilich mit einem starken Stich ins Lächerliche, spielte sich gleichfalls eine ganze Woche hindurch in der Aula und vor der Rampe der Wiener Universität ab. Um ihre Prager Kommilitonen zu rächen, erklärten die deutschen Studenten der Wiener Universität, daß die hier inskribierten Czechen auch nur geduldet würden, daß sie „Gäste", „Fremdlinge", „Eindringlinge" auf dem akademischen Boden der Rudolfina seien. Und um dies durch die Tat zu demonstrieren, wurden die Czechen und sonstigen Slaven mit blutigen Köpfen aus der Aula hinaus und von der Rampe hinabgeworfen. Unsere arische Jugend hat die gloriose Rassentheorie, die sie bisher ohne Unterschied der Nationalität in rührender Eintracht nur gegen die Juden praktiziert hatte, einmal unter und gegen sich selbst zur Anwendung gebracht. Diesmal war nicht der Jude der Prügelknabe, sondern die Stöcke wurden zur Abwechslung an Deutschen- und Czechenschädeln zerbrochen. Man könnte vom jüdischen Standpunkte aus sich einem Gefühle der Befriedigung darüber hingeben, daß die kostbare Lehre von den Wirts- und Gastvölkern, unter der unsere Glaubensgenossen so schwer zu leiden haben, nunmehr ihre Spitze gegen ihre eigenen Urheber kehrt und daß das Bewußtsein, einem sogenannten „Edelvolke" anzugehören, vor einer wohlbemesseneu Tracht Prügel nicht zu schützen vermag. Allein dieses Gefühl der Befriedigung wird nur zu sehr beeinträchtigt durch die traurige Erwägung, daß es die Blüte zweier Kulturnationen ist, welche die zivilisatorische Macht des Wissens und der Bildung auf solche Weise offenbart. Nicht zwischen Deutschen und Czechen allein wird in diesem Staate mit handgreiflichen Argumenten die Frage ausgesochten, wer Wirt und wer Gast sei — schon vor Monaten ist es auch in Innsbruck zu artigen Schlägereien hierüber gekommen. Wahrhaftig — in der „Rasse" scheint wirklich eine Schweinerei zu liegen, und wenn die Dinge sich in unserem schönen Vaterlande so weiter entwickeln wie bisher, dann werden sich mit der Zeit sämtliche Staatsbürger je nach der Verschiedenheit ihres Wohnsitzes und ihres nationalen Bewußtseins in geduldete „Fremdlinge" verwandeln. Ob mit dieser neuen Art von Gleichberechtigung, von welcher die österreichische Staatsverfassuug nichts weiß, dem Staate selbst sonderlich gedient sein wird, muß allerdings dahingestellt bleiben. Längst sind wir ja auf dem Standpunkte angelaugt, daß das Recht, das man uns Juden abzusprechcn geneigt ist, auch von unseren geehrten Herren Gegnern nicht mehr ausgeübt.werden kann. Soweit auch die Grenzen dieses Reiches gespannt sind, die Angehörigen jeder einzelnen Nationalität gelten doch nur in einem sehr beschränkten Kreise als österreichische Vollbürger, und sobald sie diese enge Grenze überschreiten, werden sie sofort zu „Fremdlingen", zu „Eindringlingen" deklassiert. Es ist wieder einmal die Probe auf die Richtig, keit der Lehre von der Kausalität, es ist wieder einmal die Bewahrheitung des alten Dichterwortes, daß die böse Tat fortzeugend Böses muß gebären. Mit den Juden hat man den Anfang gemacht. Ihnen gegenüber ist das Grundgesetz von der Gleichberechtigung aller Staatsbürger durchsetzt worden, und alle Amtsvorgänger des Dr. v. Körber haben diese Verletzung der Verfassung stillschweigend geduldet. Und nun sehen wir, wie alle jene brutalen Kräfte, die anfänglich vereint gegen uns Juden allein wirkten, sich gegenseitig bekriegen und aufgeben. Die rohe Gewalt auf offener Straße und die tote Ohnmacht im Parlamente mit dem Absolutismus des § 14, der gelassen über der Wahlftatt schwebt

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