Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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Leite 174 Dr. Mocb's Wochenschrift. 9lr. 11 „Als Moses die Schafe seines Schwiegervaters Jethro weidete, da hatte ein Lamm von der Heerde sich verlaufen. Moses ging es aufsuchen und fand es an einer Quelle trinken. Da nahm es der treue Hirt auf seine Arme und sprach: „O du armes Lämmchen, hätte ich gewußt, daß nur der quälende Durst dich veranlaßt hat, von der Heerde wegzulausen — auf meinen Armen hätte ich dich zur Quelle getragen". Hierauf sprach Gott zu Moses: „Bist Du dem Tiere gegenüber so barmherzig und zartfühlend, so sollst Du der Hirt meiner Heerde, sollst der Führer Israels werden." Und der Rabbi wandte sich nun zur Jugend: „Wüßte ich, daß nur der Wunsch, Eueren Wissensdurst zu löschen, Euch zur Quelle des Studiums führt — ich würde selber Euch dahin tragen; aber Ihr sondert Euch von der frommen Gemeinde ab, nur — um Euch zu verirren und umso leichter das Joch der Religion abzuschütteln — das tut mir weh." — Wahrlich, inUngarn hatte es damals nur sehr wenige Rabbiner, unter den alten keinen einzigen, gegeben, der das „Studieren" nicht mit s ch w e r e m B a n n belegt hätte. Rabbi SalomoQuetsch war freundlich, leutselig und gesprächig und suchte seine Autorität nicht wie so viele Rabbiner der alten Schule dadurch zu erhöhen, daß er seine Umgebung in unnahbarer Ferne von sich gehalten hat. Einmal vor Beginn des Vortrages, wo in der Regel eine ungebundene Konversation zwischen Meister und Jünger herrschte, sagte einer der Hörer, der Sohn des Leipniker Vorstehers Groß: „Was sagen Sie, Rebbe, zu Mathilde? Ist die schön gewesen! Nicht wahr?" Mathilde ist nämlich die Heldin eines Eugen Sue'- s ch e n R o m a n s, den der junge Mann dem Rabbi geliehen hatte. — „Der Rabbi begnügte sich, lächelnd zu antworten: „Du bist ein Gassenjunge." Hierauf begann der „Schiur" (Vortrag). An einem langen Tische saßen die Jünger auf Bänken. An der Seite des Rabbi, obenan auf Stühlen, 3—4 bemooste Häupter, die von den andern gesondert, mit den Zylindcrhüten auf dem Kopfe, das Gesicht in ernste Falten gelegt, Pagoden gleich, dasaßen, ohne ein Wort zu sprechen — was wohl seinen triftigen Grund hatte. Der Rabbi schlug nämlich jeden Einwand gegen seine Behauptung unbarmherzig mit einem solch reichen Wortschatz von Grobheiten ab, als wäre er beim — Wiener Gemeinderat in die Schule gegangen. „Amliorez", „Beliemuli", „Asess punim" (Unwissender, Rindvieh, Unverschämter). Das waren die Kosenamen, die solch ein Rufer im Streite zu hören hatte. Dem wollten sich die ehrwürdigen Häupter nicht aussetzen. Einmal war der älteste von ihnen, später Rabbiner im Säroser Komitat, so unklug, eine Einsprache zu wagen. Sofort flog chm das Wort an den Kopf: „Du bist ein Chamer" (Esel). Der Mann weiß wahrscheinlich bis heute noch nicht, warum er eigentlich in die Klasse der Vierfüßler eingerecht wurde. Hingegen waren dort zwei Kampfhähne — der Banowitzer (aus Bäu in Ungarn) und S ch l o i m e - P r e r a u, der spätere gelehrte Z e n t a e r Rabbiner, SalomonKlein aus Prerau, welche alle Geschosse, kleinsten und schwersten Kalibers, als: „Ich schlag' Dir die „Gemure" (den Talmudfolianten) am Kopf", „Ich werf' Dich hinaus" ruhig über sich ergehen ließen, aber nicht wichen' und sich nicht ergaben. Wenn der Rabbi mit seinem Register zu Ende war, so schloß er die Debatte mit den Worten: „Nun, was willst Du? So wirst Du mir für den Chodesch (Monat) kein Lerngeld bezahlen!" Er konnte leicht darauf verzichten; denn noch nie hat ein Rabbi von seinen Jüngern sich Kollegien g e l d e r zahlen lassen, sondern stets bis ans den heutigen Tag in uneigennütziger, selbstloser Weise Zeit und Kraft, oft auch die Gesundheit d e m Lehramt geopfert! Der Vortrag dauerte täglich von 9—12 Uhr vormittags. Erschöpft erhob der Rabbi sich von seinem Sitze; aber ans seinem Gesichte strahlte die Freude und die Selbstzufriedenheit; denn es war ihm gelungen, einen „harben R a m b a m" auf zehnerlei Weise zu „verentvern", d. h. er hatte es zuerst richtig zuwege gebracht, einen Lehrsatz im Codex des R. Moses ben Majmon (2"^"Q"^>) mit dem Talmud, der Quelle des Codex, in scheinbaren Widerspruch zu bringen und dann diesen Wide rs p r u ch aus zehnerlei verschiedene, aber immer scharsfinnige Weise a u s z u g l e i ch e n. Mir war dieses geistige Turnier ganz neu, und mit gespannter Aufmerksamkeit folgte ich dem Vortrage, sah mit Verständnis den Aufbau der Gedanken-Pyramide; aber bis .zur schwindelnden Spitze hinaus konnte ich dem Jdcengang nicht folgen — so hoch hinauf trugen mich noch nicht die Schwingen meines Geistes, und es trat an mich die Notwendigkeit herall, einen „C h a s e r b u ch u r", d. i. einen Korrepetitor zu akquirieren, der mich für den Vortrag präparieren und denselben mit mir wiederholen (ch a s e r n) sollte. Solcher „Chaserbochr m", welche oft mehrere kleine Schüler zu gleicher Zeit für den Bortrag präparierten, gab es einige, und das Honorar hiefür bildete die Quelle ihrer Existenz. Dieses Honorar belastete mein Budget mit vier Silberzwanzigeru monatlich Kr. 2.25 und lneinen Kopf mit schweren Sorgen. Denn mein eingenähter „Fünfer" war schon längst aus seinein Versteck hervorgeholt worden, „Kosttage", (Freitische) hatte ich nicht, eine „meusa academica" gab es auch nicht und auf halbwegs zureichende Unterstützung vom Hause fomttc ich nicht rechnen, und so mußte ich mir die schwersten Entbehrungen auferlegen. Die ersten 3—4 Wochen, wo ich keinen einzigen Kosttag hatte, lebte ich fast ausschließlich bei Brod und — Regenwasser. Denn meine Hausfrau, Krendl Kulka, die im ersten Stocke wohnte und zu faul, auch zu karg war, um das Wasser hinauf zu tragen oder holen zu lassen, fammcttc Regenwasscr, das durch eine schadhafte Stelle im Dache hereinfloß und das sie mir zu trinken gab. Aber auch mit Brot aß ich mich nicht satt, denn ich hatte ausgerechnet, daß ich nicht mehr als zwei Kreuzer Konventionsmünze 5 Heller täglich auf Kost ausgeben dürfe, und so kaufte ich mir täglich zwei Brodlaibchen, welche für drei Mahlzeiten ausreichen mußten. Ich markierte die Teile mit dem Messer und überschritt die Demarkationslinie nie, wenn auch der Magen noch so sehr knurrte. Ich war übrigens mit dieser meiner Erfindung nicht originell. Mein Freund D r. M a r c e l l H o f f m a n n, Advokat in Wien, hat, wie er mir einst erzählte, als Bochur dasselbe getan; nur hat er mit seiner lebhaften Phantasie sich die Sättigung in der Weise vorgetäuscht, daß er wohl das Kerbzeichen auf der Oberseite des Brotes respektierte, aber für die Tagesmahlzeit auf der Unterseite tiefer hineinschnitt, um dann für die Nacht mit der hohlen Oberrinde sich zu begnügen, damit er den Magen weniger belaste und besser schlafe.... Das war eine Schule der Entsagung und Entbehrung, wofür wir, die wir einst als Buchurim das Brot des Elends in der Jeschiwah aßen, dem lieben Gott heute noch danken. Denn das Schicksal hat uns gehämmert und gehärtet, so daß in uns die Lebensregel zur Reife kam, die wir unter Leben lang, auch in unserem Hause, so weit es von uns allein abhing, zur Geltung brachten: Was man entbehren kan n, i st ü b e r f l ü s s i g. Heute haben wir ein schwaches, verweichlichtes Geschlecht, das „auf fetter Trift weidet". Jetzt bleicht die Sorge des Vaters Haupt und es muß oft eine ganze Familie Entbehrungen sich auferlegen, damit der junge Herr in der Fremde sich nichts versage, „standesgemäß" lebe und es den andern gleichtue....