Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 11 (11.3.1904)
- Date
- 1904-03-11
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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TWTfBTiyWW’IHriMWI » Nr. 11 Dr. Mocd's ‘Mocbenscbntr. Seite 167 vernähme dieses Herrn mag der Kassationshof entscheiden. Dem Finanzminister aber steht es zn, diesen Uebergriff der Administration in das Gebiet der Justiz strenge zu rügen. Wer hat dem Herrn Bezirksdirektvr die Ermächtigung erteilt, sich zum Verteidiger seines Untergebenen vor Gericht aufzuwerfen und den behaupteten Gewalttätigkeiten Skalski's dessen angeblich musterhafte Tatbestandsbeschreibungen gegenüberzustellen? Was hat die angeblich korrekte Amtsführung des Oberaufsehers mit der Frage seiner aktiven Beteiligung an den Zablotower Exzessen zu schaffen? Sind wir denn in Galizien schon so weit, daß aus dem Kabinet eines Fiuanz-Bezirksdirektors heraus Justiz gemacht werden kann? Es ist überaus charakteristisch, daß der Prozeß wegen det Zablotower Exzesse uns Gelegenheit bietet, drei Minister anzurufen, welche die Träger administrativer Portefeuille sind, und daß der einzige Minister, der dabei zunächst iuteressirt ist, der Herr Justizminister, vorläufig aus dem Spiele bleiben muß. Vorläufig! Denn nach dem Spruche des Cassationshofes werden wir es nicht verabsäumen, auch über die Proceßführung selbst ein Wort zu sprechen. vom Aabrmarkt des Lebens. Glossen zur Tagesgeschichte. (Die n e lt e ft e n Schandtaten berauben: Der rnssis chjapanische Krieg. — D i e A n s w e i s n n g G e r h a r t Haupt m a n n's ans d e m B n r g t h e a t e r). Die Japaner und die Russen führen Krieg miteinander, und geschlagen werden die Juden. Was geht denn die Juden die ganze Geschichte an? Das ist nebensächlich. Die Juden verlieren die Schlachten und sie haben die Kriegskosten zu bezahlen, hier bei uns wenigstens an der schönen blauen Donau. Qnidqnid delirant reges, plectuntur Achivi. Auf gut deutsch: Japaner und Russen mögen sich gegenseitig bombardieren, sich abschlachten, sie mögen rasen wie sie wollen, die Juden haben es zu büßen. Als der Krieg ausbrach, da war die „Wiener" öffentliche Meinung eine Weile ratlos, schwankend, unentschlossen. Was ist uns Hekuba, was ist uns Ostasien? Man wußte nicht recht wohin mit seinen Sympathien. Die Sache wurde ans die Dauer ungemütlich. Sollte man sich mehr freuen, trenn ein russisches Panzerschiff in die Lust flog, oder wenn ein japanischer Kreuzer mit Mann und Maus auf den Grund des Meeres sank? Man will doch ein Ziel haben für seine Herzenswünsche. Wenn man nur wenigstens gleich herausbekommen hätte, auf welcher Seite eigentlich für die „höchsten Güter der Menschheit" gekämpst tverde, dann wäre ja noch alles gut gewesen. Kein Mensch wußte also zu Anfang recht, wie er eigentlich gesinnt sei. Noch fehlte das Schlagwort, das erlösende. Eine Weile schien es, als wolle die communis opinio sich zu Gunsten der Japaner und gegen die Russen entscheiden. Die Czechen hatten nämlich begonnen, f ü r die Russen zu demonstrieren, und was ein rechter Deutscher ist, muß sich naturgemäß vor Allem entsetzen, tvas ein Czechengemüt in Begeisterung versetzt. Dann aber wurde doch das erlösende Schlagwort gefunden, und nun ward es licht und klar, und nun wußte man endlich, woran man war. Unsere antisemitischen Größen, die für Alles eine Lösung wissen, hatten auch hier das Richtige zu finden vermocht. Einem Volk, dem man Kischenew zu danken hatte, dem gebühren die Sympathien: und damit war es entschieden und war allen Zweifeln ein Ende gemacht. Nun ging alles glatt. Eine Schwierigkeit bestand nur insolange, so lange man nicht recht gewußt hat, wie man gesinnt sei; jetzt war alles in der schönsten Ordnung, und jetzt war man über alles im Klaren. Die Juden, die andere, näberliegende Sorgen haben, wußten selbst noch nicht recht, für welche Seite sie sich entscheiden sollten, hatten sich als solche überhaupt noch nicht in ein bestimmtes Verhältnis zu dem ostasiatischen Krieg gesetzt. Der eine mag so, der andere anders gesinnt gewesen sein, aber auch ihnen kam nun die Erleuchtung von der antisemitischen Seite, die den festen archimedischen Punkt gesunden hatte, um die Tinge in rechten Schwung zn bringen. Jetzt war es heraus: Tie Juden sind an allem schuld! Bielohlawek. der tiefe Denker, spricht es in seinem Blatte aus — der Mann gibt nämlich wirklich eine Zeitung herails und er schreibt auch wirklich für sie: das kulturgeschichtliche Faktum muß sestgehalten werden! — er spricht es aus: „Es gibt ganz naive Gemüter, welche sich den Kops zerbrechen, warum der Krieg entbrannt ist, obwohl die Sache ganz klar ist: Juden und Freimaurer der ganzen Welt wollten es so — die Gründe waren dann bald gesunden!" Stadtrat Oppenberger beweist, daß „hinter die Japaner sich das Judenrum des ganzen Erdballs gesteckt habe. Wir Oesterreicher haben das Recht oder besser ausgedrückt, die Pflicht, Rußland gegenüber mit unserer Sympathie nicht zu kargen, weil Rußland ein Staat ist, der uns Antisemiten am allernächsten steht." So hätte man sich also zur wünschenswerten Klarheit durchgerungen. Es war nicht leicht, aber schließlich ist es doch gegangen. Die Juden haben also den Krieg gewollt, sie haben ihn gemacht. Denn sie können bei ihrer ungeheuren Macht alles, was sie wollen — behauptet Herr Bielohlawek. Unverständlich ist dabei nur, daß sie sich dabei wenigstens das Kischenew, das die Antisemiten mit einer so tief inneren und sinnigen Freude erfüllt, nicht vom Halse gehalten haben. Man darf sich übrigens nicht so tief einlassen in die logischen Gedankengänge des scharfen Denkers Bielohlawek, sonst wird mau leicht konfus. Denn während er auf der einen Seite sonnenklar dartut, daß das übermächtige Judentum alles durchsetzen kann, was es will — und natürlich nur das Schlechte — stellt er andererseits die vollständige Zermalmung des Judentums in sichere Aussicht. Und wenn die Juden sich aus den Kopf stellen, die Japaner werden geschlagen werden. „Die Japaner werden zusammengeprackt wie die Kröten, daran werden weder der „Rosenfeld" (Roosevelt) in Amerika, der „Rosenberg" (Roseberry) in England, noch die gesamten Rothschild etwas ändern." Auf diesen kernigen Gedanken läßt der illustre Autor nicht weniger als zwanzig Gedankenstriche folgen. Es ist aber auch wahr: nach so einer geistigen Kraftleistung muß man eiu wenig ausruhen können. Stellen .wir fest, Herr Bielohlawek ist einer der Führer der antisemitischen Partei in Wien, ein Mann, auf den alle Ehrcnstellen gehäuft wurden, die die Partei zu vergeben hat: stellen wir fest, daß er öffentlich redet, öffentlich schreibt, daß er eine Zeitung herausgibt und öffentliche Meinung macht. Eine solche Feststellung ist nicht überflüssig: denn an anderem Ort und zu anderer Zeit wird das kein Mensch für möglich halten. Es ist aber möglich und es ist. Kleon der Gerber ist unsterblich und in seiner durch Bildung nicht beschwerten und durch keine Mahnung des Geschmackes beengten Geistesfreiheit übt er seine Wirkung aus das Volk, das ihm Gefolgschaft leistet, ohne zu erröten, das sich von ihm — von ihm! — vordenken, Vorreden, vorschreiben läßt! Das alles ist möglich in einem Kulturstaat, bei einem Kulturvolk im zivanzigsten Jahrhundert. Wir sind abgestumpft und sehen es unverwundert, aber festbalren muß man die Tatsache, weil au anderem Ort und zu anderer Zeit das für groteske Lüge und schamlose Erdichtung gehalten werden würde, was für mis bittere Wahrheit mld ernste Wirk lichkeit ist. Für unsere antisemitischen Politiker gewinnt jedes Ereignis erst Bedeutung unter dem Gesichtswinkel des JndenhaffeS, und ist ein Ereignis einmal von nicht abzuweisender absoluter Bedeutung, dann muß ihm erst die antisemitische Folie gegeben werden, wenn es für voll genommen werden ioll. Das weltgeschichtliche Ereignis des ostasiatischen Krieges mußte erst genießbar gemacht werden durch die Verquickung mit dem Juden haß. Erst diese Verquickung bringt die rechte Erquickung. Und ist es ein literaturgeschichtliches Ereignis, wie die Ausweisung Gerhart Hauptmann's aus dem Burglhealer, das für das Kulturvolk von fünfzig Millionen Deutschen die vornehmste deutsche Bühne vvrstellt, dann muß auch da, wenn das Ereignis Inter esse gewinnen soll für die herrschende Partei, die Judenfrage