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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-03-04 · 10 (4.3.1904) · page 10

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
10 (4.3.1904)
Date
1904-03-04
Page
– (sequence 10)
Language
German
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Seite 154 Dr. Wwcb's Mlocbenscbrttt. Nr. 10 Prag. (Z e n t r a l v cr e i n zur Pflege jüdischer Angelegenheiten.) Vor dichtgedrängter Zuhörerschaft hielt am 24. r>. M. der bekannte Psychiater Herr M.-U.-Dr. Leopold Kramer einen Vortrag über „Träume". — Der Redner erklärt zunächst das Wesen des Traumes darin, daß Eindrücke des Tages nachts im Gehirne fortwirken und rückschwingend die Sinncsnerven in Bewegung setzen. Begebenheiten aus längst vergangener Zeit erfahren im Traume eine oft allerdings ganz veränderte und mit phantastischen Bildern vermengte Reproduzierung und weit ausgesponnene Traumbilder verdanken einer rein zufälligen, oft nur sekundenlangen Einwirkung während des Schlafes ihre Entstehung. Von dem hypnotischen und magnetischen Schlafe ist der Traum grundverschieden. Zahlreich sind die traumähnlichen Erscheinungen, die das Alpdrücken, das in Hemmungen des Blutkreislaufes bei gestörter Verdauung seinen Grund hat, und der Somnambulismus, mit dem auch das weniger beachtete Zähneknirschen und Reden aus dem Schlafe eng verwandt sind, ohne daß darauf, wie vielfach verbreitet, die. unmittelbare Einwirkung des Mondlichtes von irgend welchem Einflüsse wäre. Auch das sogenannte „zweite Gesicht", das insbesondere in Schottland und Irland einen beliebten Gegenstand des Aberglaubens bildet, erklärt sich auf ganz natürliche Weise. — Der Vortragende erinnert hier an die Vision Goethe's, der, «auf dem Wege von Scscnheim nach Straßburg begriffen, in geistig hoch erregtem Zustande seine eigene Person in grauem, golddurchwirktcm Gewände hoch zu Rosse sich entgegenkommen sieht, und wie 8 Jahre später Goethe tatsächlich in solcher Bekleidung und zu Pferd diese Reise wiederholt. Derartige Erscheinungen des Wachen Geistes haben mit dem Traume nichts zu tun, sind vielmehr Erzeugnisse eines krankhaft erregten Gemütes; das Wunderbarste wird hier zum Scheine der Wirklichkeit, während im Traume der Schein der Wirklichkeit das Wunderbarste hervorzaubcrt. Der Redner übergeht dann zur Besprechung der Bedeutung des Traumes in der Bibel und den Prophet i scheu Schriften, sowie in den Religionsbüchern, anderer alter Völker, insbesondere der Inder, sowie der sogenannten „voraussagenden", von der Forschung bestrittenen Träume; Tatsache ist jedoch, daß im Traume instinktiv manchmal eine drohende Gefahr vorausgeahnt wird. Auch der zahlreichen volkstümlichen und mit dem faktischen Begriffe oft heiter kontrastierenden Traumdeutungen gedenkt der Redner; so wirkt es drastisch, wenn das Träumen von Eselsohren — philosophische Kenntnisse und von eingeschrumpften Zungen — weibliche Sprachgewandheit bedeutet. Zum Schluffe berührt der Vortragende dann noch die Dichtungen, die in Lyrik und Drama den Traum für ihre Zwecke heranziehen, und zeigt die verschiedenartige Behandlung und Verwertung der Traumgestalten bei Shakespeare, Calderon und Grillparzer. Der nahezu einstündige Vortrag, der den wiffenschastlichen Kern in populärer Form darzubietcn verstand, wußte auch durch zahlreiche Beispiele das Verständnis zu erleichtern, sowie durch an richtiger Stelle aufgesetzte humoristische Schlaglichter anhaltend zu fesseln. Das ungewöhnlich zahlreiche Auditorium, in dem die Damen in überaus stattlicher Anzahl vertreten wären, dankte Herrn Dr. Kramer auch zum Schluffe mit lebhaftestem, sich immer erneuerndem Beifalle. An den Vortrag schloß sich zu Ehren Dr. Kramer's, der, der jüngeren Generation angehörend, trotz seiner weitabliegenden beruflichen Tätigkeit treu zur jüdischen Sache hält, ein ungemein animierter Geselligkeitsabend, bei dessen Eröffnung der Vereinsobmann Herr k. Rat Falkowicz, das Vortragsthema auch vom jüdischen Standpunkte in geistvollster Weise beleuchtend, dem Redner den Dank des Vereines in beredten Worten zum Ausdrucke brachte, worauf noch zahlreiche Trinksprüche humoristischer Natur, so der Herren Dr. Brandeis, Prof. Dr. Kisch und Dr. Weltsch folgten, während Herr Held durch eine Schilderung der Leiden der russischen Juden an das Mitgefühl und die Mithilfe der jüdischen Gemeinschaft in schlichten, aber herzlichen Worten appellierte. Gleiwitz. Die „Philomathie" hatte dieser Tage Gelegenheit, den größten Teil chrer Mitglieder versammelt zu sehen. Herr Rabbiner Dr. Münz sprach nämlich über das Leben und Wirken des großen Gelehrten Immanuel Kaut, der vor hundert Jahren zu Königsberg in Ostpreußen gestorben ist. In der Einleitung führte der Redner aus, daß wir in einem naturwissenschaftlichen Zeitalter leben, in einem Zeitalter der Erfindungen und der großartigen technischen Fortschritte, das die ungezügelte Kraft des Dampfes zum Sklaven sich gemacht und den Erdball mit Banden von Kupfer und Eisen umspannt hat, um Schrift und Sprache, um Kraft, Licht und Bewegung mit der Schnelligkeit des Blitzes fortzupflauzen. Diesem gewaltigen naturwissenschaftlichen und technischen Aufschwünge im 19. Jahrhundert ist aber eine unermeßliche, abgründige Vertiefung des philosophischen Geistes, zumal in Deutschland am Ende des 18. Jahrhunderts vorangegangen. Zu Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich in Deutschland ein in der Geschichte der Geisteswissenschaften einzig dastehender Umschwung vollzogen. Auf dem Gebiete der Philosophie trat eine Umwälzung ein, die den Denkrichtungen neue und ungeahnte Ziele steckte. Die alten, großartigen Systeme des Rationalismus eines Cartesius, Spinoza, Leipniz und Wolff und des Empirismus eines Baco, Hobbes, Gassendi und Locke konnten dem Anstürme eines geistesmächtigen Titanen nicht Widerstand leisten. Immanuel Kant, der Weise von Königsberg, der „Allzermalmer" genannt, stürzte die alten philosophischen Lehrgebäude und errichtete auf den Trümmern derselben sein eigenes, festgefügtes, philosophisches System, dessen wichtigste Elemente in das deutsche Volksbewußtsein eingedrungen und Gemeingut aller Gebildeten geworden sind. — Hierauf gibt der Vortragende eine biographische Skizze von dem Leben Kant's (geb. zu Königsberg in Preußen am 22. April 1724, gest. am 12. Februar 1804), und wendete sich zu dessen Hauptwerk „Die Kritik der reinen Vernunft". Ausführlich bespricht der Redner die Kant'sche Lehre von Raum und Zeit. Raum und Zeit sind nach Kant Formen unserer Anschauung; das heißt: unser Geist hat die Eigenschaft, daß er alle Dinge nur räumlich und zeitlich erfassen kann. An und für sich sind Raum und Zeit nicht vorhanden, sondern wir Menschen kleiden die Dinge, die wir betrachten, in den Rahmen der Räumlichkeit und der Zeitlichkeit. Daraus folgt, daß wir die Dinge nicht erkennen, wie sie sind, sondern wie sie uns erscheinen. Der Redner wendet sich nun zu Kant's „Kritik der praktischen Vernunft", und weist darauf hin, wie unser Philosoph in der eigenen Persönlichkeit des Menschen, im eigenen Geiste, mitten in der Flucht der Erscheinungen den festen Punkt findet, au den er seine praktische Philosophie knüpft. Wir Menschen sind nämlich nicht nur erkennende, sondern auch wollende Wesen. Wir sind nicht nur mit Erkenntnisvermögen ausgestattet, sondern Jeder von uns trägt im tiefsten Grunde seiner Seele etwas, was ihm erst den Stempel einer selbstständigen Persönlichkeit aufprägt, den Willen. Der oberste Grundsatz, nach dem die praktische Betätigung unseres Willens, nach dem unser Handeln sich richten soll, ist das Sittengesetz, das Kant als den kategorischen Imperativ in die merkwürdigen Worte faßt: „Handle so, daß die Maxima deines Willens zugleich als ein Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könnte." Nicht nach Nützlichkeitsgründeu dürfen wir unsere Handlungsweise einrichten, sondern nach dem, was das Sittengesetz uns gebietet, was die Pflicht uns vorschreibt. Nach einer weiteren Beleuchtung dieses Gedankens schließt der Redner mit den Worten: „Hundert Jahre sind verstrichen, seitdem der Weise von Königsberg seine müden Augen zur letzten Ruhe schloß. Der Mund, der von Weisheit überströmte, ist längst verstummt. Aber seine unsterblichen Gedanken des erlauchten Geistes leben fort und sind ein köstlicher Bildungsschatz des deutschen Volkes und der gesammten Kulturwelt geworden!" — Der geistvolle Vortrag wurde durch Beifall geehrt; er trug viel zur Erhöhung der gemütlichen Stimmung bei, die die Versammlung bis Mitternacht und noch länger zusammenhielt. Berlin. (Zur Kolonisation Palästinas.) Das ncuerwachte Interesse für praktische Arbeit in Palästina, welches auf die befriedigenden Ergebnisse der bisherigen Kolonisationstätigkeit und insbesondere der letzten administrativen Reformen zurückzuführen ist, ergreift immer weitere Kreise und beginnt praktische Früchte zu zeitigen. Die erheblichen Fortschritte der

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