Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Sette 152 im Vorhinein anordnete, daß die außerhalb des jüdischen Ansiedlungsrayons zurückgebliebenen Familienmitglieder der nach Ostasien abgehenden Aerzte ungestört weiter in ihrem Aufenthaltsorte wohnen können." Dem gegenüber müssen wir erwähnen, daß das Petersburger Tagblatt „Fremd", der „Woschod", ferner die Zeitungen „Kiew. Slowo" und „N. Listok" die unglaubliche Tatsache bestätigen, daß die russische Polizei, speziell in Kiew, die Familienangehörigen der Aerzte, die in den Krieg nach Ostasien gezogen, ausgewiesen hat mit der Begründung, daß durch die Abreise des Familienoberhauptes die Angehörigen das Aufenthaltsrecht verloren haben. Es ist nur in der Ordnung, daß die jüdischen Aerzte von Petersburg, Charkow, Kiew und Moskau in den Krieg ziehen: das ist ja ihre heilige Pflicht. Aber es wäre unverantwortlich, diese schöne Gelegenheit, die Familien der Aerzte aus den Städten auszuweisen, unbenützt zu lassen. Man muß doch den Bestimmungen der Gesetze gerecht werden, die Gesetze gestatten aber nicht, daß jüdische Familien außerhalb des Ansiedlungsrayons wohnen, wenn ihre Oberhäupter außer der Stadt ständigen Wohnsitz haben. Der Gouverneur von Kiew, S o w i t s ch, hat übrigens die Juden verwarnt, wenn sie ihre Unzufriedenheit zu erkennen zu geben wagten. Ueber den zweiten Kischenewer Prozeß wird gemeldet: Ein hervorragender Vertreter der Kischenewer Judenschast erklärte einem Berichterstatter, daß die Kischenewer Juden den schlimmen Eindruck, den die Berichte über die Exzesse und über den ersten Prozeß in der auswärtigen Presse hervorriefen, entgelten müssen und von den Behörden viel zu leiden haben. Sie hätten keinen anderen Wunsch, als daß alles, was immer auch geschehen möge, vertuscht werde, weil die Juden befürchten müßten, daß die Regierung neuerdings das Signal zu Judenverfolgungen geben könnte. Auch die Vertreter der Beschädigten, Dr. Zarudnian, ferner Dr. Kopernik aus Petersburg und Doktor Kusek aus Kiew, sehen dem Ausgang und der Wirkung des Prozesses skeptisch entgegen. Die Wiener Bundesgenosse»! des Zaren. Der katholisch-politische Verein Leopoldstadt hielt unlängst eine sehr gut besuchte Generalversammlung ab, der u. a. auch die Abgeordneten Dr. Geßmann, Bielohlawek und Schnabel beiwohnten. In seiner mit wiederholtem Beifall aufgenommenen Eröffnungsansprache sagte der Vereinsobmann Stadtrat Oppenberger folgendes: Mit Spannung verfolgt die ganze Welt den ausgebrochenen Krieg zwischen Rußland und Japan. Auch wir Wiener Antisemiten haben ein ganz besonderes Interesse an diesem Kampfe zwischen der weißen und gelben Rasse; hinter die letztere hat sich das gesamte Judentum des Erdballs gesteckt. Rußland hat eine Menge von Juden aus Sibirien ausgewiesen mit der Motivierung, daß sie Hoch- und Landesverräter sind. Ich denke, daß wir diese Maßnahme der russischen Negierung mit großer Freude begrüßen können. Der Zar und ganz Rußland weiß, wo sie die Feinde und die Freunde zu suchen haben; unter den Juden werden sie den Freund gewiß nicht suchen und wohl auch nicht finden, deswegen hat man den russischen Inden auch die Gleichberechtigung abgesprochen. Wenn man heute den Nihilismus in Rußland näher betrachtet, so wird man finden, daß derselbe auch nichts anderes ist als der im übrigen Europa hausende Anarchismus und Sozialismus, und daß da wie dort nur Juden die Führer sind, welche an der Zerstörung der gesellschaftlichen Ordnung beteiligt sind. Rußland, führte Redner weiter aus, steht heute mit den Japanern, der vielgenannten gelben Rasse, im Krieg. In hinterlistiger Weise haben die Japaner Rußland angegriffen, allen Völkerrechten zum Hohn die Feindseligkeiten begonnen, ohne den Krieg erklärt zu haben. Wir Oesterreicher haben das Recht, oder besser gesagt die Pflicht, Rußland gegenüber mit unserer Sympathie nicht zu kargen, weil Rußland der einzige Staat ist, der uns Antisemiten am allernächsten steht. Wir wünschen und hoffen daher, daß die russischen Waffen gesegnet sein werden, um den Gegner siegreich zu bezwingen. Rußland ist auf den Schutz seiner Untertanen mehr bedacht als jeder andere Staat. Ich spreche diese Worte im Sinne des christlichen antisemitischen Volkes von Wien, und wir wünschen alle, daß die gelbe und die jüdische Raffe ihre ordentlichen Hiebe bekommen. Wir Oesterreicher wissen ganz genau, daß wir an Rußland immer einen guten, selbstlosen Freund gehabt haben. Wir haben alle Ursache, uns über die kommenden ruffischen Siege zu freuen und werden auch in Wien den Krieg ausnützeu, um für ein österreichisch-ruffisches Bündnis Propaganda zu machen. In ähnlichem Sinne äußerten sich mit wenigen Worten auch die beiden Landtagsabgeordneten Bielohlawek und Pfarrer Schnabel. Die Versammlung faßte auch eine diesbezügliche Resolution, die beifällig ausgenommen wurde und die durch die Vereinsvorstehung der ruffischen Gesandtschaft in Wien überreicht werden wird. Nr. 10 Antisemitische Exzesse in Zablotow. Kolomea. Vor dem hiesigen Erkenntnisgericht begann heute der Prozeß wegen der am 11. September 1903 in Zablotow stattgehabten Judenhetze. Angeklagt sind 26 Bauern und 5 Bäuerinnen wegen der Verbrechen der schweren Körperverletzung und der öffentlichen Gewalttätigkeit. Die Verhandlung wurde für 10 Tage anberaumt und 110 Zeugen vorgeladen. Den Vorsitz führt Lanoesgerichtsrat Karatnicki, als Verteidiger fungieren die Advokaten Dr. Jurczenko, Dr. Trylowski und der pensionierte Landesgerichtsrat Morawski. Dr. Lazar Zinser ist Vertreter der beschädigten Israeliten. Die Anklageschrift stellt die Affaire folgendermaßen dar: Am 11. September 1903 kam es während des Jahrmarktes in Zablotow zu Judenexzessen. Nachmittags um 2 Uhr kursierte unter den paar tausend dort versammelten Bauern das Gerücht, daß die Juden eine Bäuerin ermordet und ihr 600 Kronen geraubt hätten. Die Untersuchung behufs Eruierung der Urheber dieses Gerüchtes konnte nur einen Täter entdecken, den Bauern Jlko Wakatuk, der den die Leiche der angeblich ermordeten Bäuerin suchenden Bauern zugerufen haben soll: „Seid nicht dumm, schreit nur überall, daß die Frau ermordet wurde." Die Folge war, daß die Häuser vieler Israeliten von den Bauern durchsucht wurden. Später wurden auf den Straßen verschiedene Juden attakiert; gegen jene, die die Flucht ergriffen, wurden Steine geworfen, außerdem wurden sie mit Stöcken geschlagen. Weiter wurde das Gerücht kolportiert, daß der jüdische Mörder sich im Hause des Leiser Burg versteckt habe. Die Bauern schlugen dort die Fenster ein und rissen sogar die Fensterrahmen heraus. Das Fenstereinschlagen im Hause Burg's war für die wütenden Leute ein Signal zum Fenstereinschlagen in den Nachbarhäusern. Aus dem schmalen Gäßchen begab sich die Menge auf den Ringplatz, stahl die dort angesammelten Waren, schlug die Fensterscheiben ein und bewarf die Juden mit Steinen. Als drei Polizisten den blutig geschlagenen Juden Nier verteidigten, wurden an anderen Orten viele -andere Juden, wie Selig Burg, Majer Burg, Juda Karpl, Salomon Dulberg, von der wütenden Menge geschlagen und erlitten schwere Wunden. Erst gegen 5 Uhr abends fanden die Judenexzesse in Zablotow ein Ende. Die Exzedenten bestanden zum großen Teil aus unbekannten Bauernjungen der Umgebung, die attakierten Juden versteckten sich zumeist auf den Dachböden und in den Kellern; deshalb wurde nur ein geringer Teil der Exzedenten agnosziert. Interessant ist, daß sich darunter ein k. k. Finanzwach-Oberaufseher, Eduard Skalski, befindet. Ueber Verlauf und Ausgang der Verhandlung wird berichtet werden. Kurz vor Beginn der Verhandlung wurde die Anklage auch auf den Ortsrichter von Zebranuwka, Stefan Blizniak, ausgedehnt. Die Verteidigung hat der kürzlich pensionierte Oberlandesgerichtsrat Morawski übernommen. '' Nach Verlesung der Anklage begann das Verhör der Angeklagten. Der Erstangeklagte Jlko Kowalnik bekennt sich nicht schuldig. Präs.: Was wissen Sie von den Exzessen? — Angekl.: Ich weiß, daß die Exzesse dadurch entstanden sind, weil das falsche Gerücht verbreitet wurde, daß ein christliches Weib erschlagen worden sei. Präs, (zu dem Angeklagten Potejczuk): Warst du bei den Exzessen? — Angekl.: Ja, ich bin gerade aus einem Geschäfte herausgekommen, da hörte ich einen gewaltigen Lärm und glaubte, daß es breune. Nun hörte ich andere Bauern schreien, daß man die Juden totschlägt, weil sie ein Bauernweib abgeschlachtet haben. Präs, (zum Angeklagten Podhobieny): Hast du an den Exzessen teilgenommen? — Angekl.: Ich kam auf den Viehmarkt und sah, wie die Bauern einen Juden verfolgt und geprügelt haben. Derselbe machte Lärm, und ich bat, man möge ihn freilassen, da er ein Zurower und kein Zablotower Jude sei. Präs.: Der Jude sagte aber vor Gericht, daß gerade du am lautesten geschrieen hast: „Haut die Juden!" — Angekl.: Das ist nicht wahr. Aehnlich lauten die Antworten der übrigen Angeklagten. Ohne Erbarmen. Präs, zu dem Angeklagten Iwan Becek: Ist es wahr, daß Sie mit Steinen Fensterscheiben der Juden eingeschlagen haben? — Angekl.: Nein, es ist nicht wahr. Ich war am Viehplatz und plötzlich entstand ein gewaltiger Lärm. Ich sah, wie man einen Juden ohne Erbarmen schlägt und derselbe flüchtete sich über den Fluß. Aber die Bauern verfolgten ihn weiter und schlugen auf ihn mit den Stöcken los. Als er schon heftig blutete, fiel er in den Fluß, und ich bat: „Um Gotteswillen, laßt ihn doch frei, er ist ja fast tot!" Aber man folgte mir nicht, die Bauern schleppten ihn ins Wasser, und was weiter geschehen ist, weiß ich nicht. Ich lebe mit den Juden gut und habe ihnen nie etwas zuleide getan. Das werden mir auch die Zablotower Juden bezeugen. Die Angeklagte Nosalie Budnek, die beschuldigt ist, Fensterscheiben eingeschlagen zu haben, will erst nach den Exzessen in die Stadt gekommen sein. Präs.: Angeklagte Franziska Kotolinska, waren Sie bei den Exzessen? — Angekl.: Ja, ich war und sah, wie die Juden laufen. Als man mir sagte, daß die Juden eine . Christin abgeschlachtet haben, habe ich mich sehr gefürchtet. Wie ich dann um 6 Uhr auf den Ring gekommen bin, war schon überall Rühe. Dr. Mocb's Mocbenscbrm.