Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Nr. 10- Dr. Mocbs MlocbenscbrM. Seite 149 sittlicher Entrüstung aus, „ein Berliner Sensationsblatt teilt uns mit, daß der todte Affe auch die Gelehrten interessiert habe!" Das ist allerdings schrecklich, aber warum sollte sich nur die „Reichspost" für ihn interessieren dürfen. Das muß man auch Leuten verzeihen, die etwas gelernt haben. Und wenn den Sensationsblättern keine schlimmeren Meldungen und keine sensationelleren Nachrichten vorzuwerfen wären, dann wäre nicht einmal der Ingrimm der „Reichspost" Wider sie gerechtfertigt. „Alle wahren Freunde des Bildungsfortschrittes und der aussteigenden Kulturentwicklung" — Leser, merkst Du was? — „müssen, wie das „Jll. Wr. Extrablatt" sich ausdrückt, in aufrichtige Trauer versetzt sein." Dieser Casus macht uns lachen, aber er ist falsch und wir fürchten sehr, daß er auf Rechnung der „Reichspost" zu setzen ist, deren deutscher Empfindung nicht zu trauen wir doch täglich neu präsentierte Gründe haben. „Notar ward keiner herbeigeholt", fährt die „Reichspost" fort, ihren deutschen Empfindungen Luft zu machen. „Daß er in der Stadt der Intelligenz ein gewaltiger Denker war, ist kaum zu bezweifeln." Nun hat das protestantische Berlin auch seinen Hieb weg, und es ist schwer zu verstehen, wie es diesen Schlag verwinden wird. Und dann geht es weiter im Sündenregister des todten Affen. „Er kleidete sich wie ein Professor, setzte sich Mittags zu Tische, legte sich Abends zu Bette wie ein solcher, glaubte auch nichts, außer was er sah oder mit Händen greifen konnte, wollte nichts von einem überweltlichen Gott wissen, er war völlig v o r aussetzungslos, betete darum auch nicht, ganz wie ein moderner Freisinniger, so daß zwischen diesem und ihm gar kein Unterschied zu entdecken ist. Schade um den „Konsul". Vielleicht hätte er es, wenn er noch länger gelebt hätte, zum Universitätsprofessor an der künftigen „freien" Hochschule in Salzburg oder mindestens zum Vortragenden bei den Hochschulferialkursen daselbst gebracht!" Man wird finden, daß die „Reichspost" ein bischen viel von einem Affen verlangt, und man wird sich sagen können, daß, wenn er den hier geäußerten - Wünschen entsprochen hätte, er sofort tauglich gewesen wäre, in die Redaktion der „Reichspost" einzutreten. Schließlich wird man aber eines begreifen, — hinc illae lacrimae! Jeder Witz muß aber eine Pointe haben, und sie fehlt auch hier nicht. Die „Reichspost" schließt mit dem Kernsatze: Wer auf die Dummheit spekuliert, macht immer ein gutes Geschäft. — Das sagt die „Reichspost". Von der freien Hochschule in Salzburg dürfen wir auf die katholische Universität übergehen, die dort errichtet werden soll, und dürfen zurückgreifen auf die kürzlich dort abgehaltene und mit einer feierlichen Pontifikalmesse und mit einer Festpredigt in der Domkirche eingeleitete Generalversammlung des katholischen Universitätsvereines, dem die freie Hochschule nicht minder ein Dorn im Auge ist, wie der still und mild wirkenden „Reichspost". Schon der erste Redner hielt es für seine vornehmste Pflicht, nachzuweisen, daß Se. Heiligkeit Papst Pius X. dem Unternehmen sein hohes Wohlwollen entgegenbringe. Das bedurfte eigentlich keines Beweises, jedenfalls wäre es leicht gewesen, es mit besseren Argumenten zu belegen, als es geschehen ist. „Als einstmaliger Oesterreicher und Unterthan Sr. Majestät wird Pius X. auch jetzt noch Oesterreich lieben." Wir zweifeln nicht, daß der Papst Oesterreich liebt, aber das angeführte psychologische Motiv ist anfechtbar, und es stellt sich wieder einmal heraus, daß wer zuviel beweist, gewöhnlich kein Glück hat. Da wußte Se. Eminenz Kardinal Fürsterzbischof Doktor Katschthaler die Notwendigkeit der Errichtung einer katholischen Universität, die ihre Lehre nicht in Widerspruch setzt zu den Glaubenswahrheiten der katholischen Religion, schon viel einleuchtender darzustellen. Er wies darauf hin, daß der katholische Universitätsverein in diesem Jahre auch ein Jubiläum feiern werde, nämlich das fünfzigjährige Jubiläum der feierlichen VeMndigung des Dogmas der Unbefleckten Empfängnis der Muttergottes. „Schon in alten Zeiten begab sich die Stadt Salzburg unter den Schutz der heiligen Muttergoües, und den Professoren an der altehrwürdigen katholischen Universität in Salzburg war die Ablegung des Eides auf die Unbefleckte Empfängnis zur Vorschrift gemacht. In diesen Zeiten blieb Salzburg von allen Bedrängnissen verschont. Erst n a ch A u s l ö s u n g des Juramentum nach dem Ende des achtzehnten Jahrhunderts brachen über Salzburg schwere Zeiten herein und wurde die Stadt dem Feinde preis gegeben. Im Jahre 1803 wurde das alte Kirchenfürstentum Salzburg säkularisiert und 1810 auch die einst blühende Salzburger Universität aufgehoben. Auch gegen die neue Universitätsgründung erheben sich zahlreiche Gegner und der Verein bedarf des hohen übernatürlichen Schutzes, und um diesen zu erflehen, wird auch er das Jubiläum feiern." Das sind ernsthafte Gründe von praktischer Bedeutung. Niemand kann wollen, daß das schöne Salzburg wieder in Feindeshand gerate, und darum muß die katholische Universität aufgerichtet werden und die Lehrer der Wissenschaft des zwanzigsten Jahrhunderts haben wieder die geforderten Eide abzulegen. Den Beschluß macht das Satirspiel. Herr Gregorig beruft eine Antisemitenverfammlung ein und diese wird gesprengt, nicht etwa durch die wildgewordenen Sozialisten, Freimaurer und Juden, sondern durch — Antisemiten. Die Bewegung ist im Zuge, und es wird kommen, wie es kommen muß. Als anläßlich des Rummels von Tisza-Eszlar die antisemitische Bewegung in Ungarn vorübergehend gewalttätige Formen annahm, wurde Koloman Tisza von seiner Partei bestürmt, mit starkem Arm dazwischen zu fahren. Damals waren Verhovay und Jstoczy die großen Männer. Tisza empfahl Geduld. Die dunklen Ehrenmänner müßten sich gegenseitig selbst abtun. Und sie haben sich abgetan. Es scheint, sie werden sich auch bei uns abtun. Gregorig ist hinausgelehnt und der bleibt hinausgelehnt. Ohne Herrn Gregorig allzuviel Bedeutung beizumessen, kann man sagen, es ist ein Dammbruch. Wichtiger oder bedeutender find die anderen Größen auch nicht, und die Lücke, die er gerissen, ist immerhin eine Lücke. Das Satirspiel ist ein vollendetes. Herr Gregorig hat sich unter den Schutz des Herrn Nagorzanski begeben, und er, von dem man erwarten konnte, daß er sich entweder lauclabiliter unterwerfen oder fanatisch leidenschaftliche Gegenagitation entfalten werde, hat den albernsten Ausweg gewählt, den der elegischen Opposition. Er ist tief gekränkt, daß man von ihm voraussetzte, daß er von Ghega noch nichts gehört habe, und darum die ganze Scheidungstragödie. Man würde es nicht glauben, wenn er es nicht selber sagte, und man wird vielleicht gut tun, es trotzdem nicht zu glauben. ^Vhig. Darwinisten vor Darwin. In einem Vortrage, den der Hohenemfer Rabbiner Dr. Tänzer am 21. v. M. in der „Oesterreichisch-Jsraelitischen Union" hier gehalten, sprach er von der „Stellung des Judentums gegenüber der Entwicklungslehre." Es scheint dies, ohne Umschweife sei es gesagt — parva si licet eomponere magnis vorausgesetzt — eine Ilias post Homerum zu sein. Wenn sich Dr. Tänzer auch nur oberflächlich mit dem Gegenstände beschäftigt hat, so kann es ihm nicht unbekannt geblieben fein, daß Dr. B. Placzek (Brünn) feit mehr als einem Vierteljahrhundert bis zur jüngsten Zeit dieses Thema ausführlich behandelte und in Fachblättern vielfach zur Diskussion brachte. Also nicht zur Belehrung des Dr. Tänzer, sondern zur Richtigstellung der Ansichten einiger seiner Zuhörer werde, bei dem lebhaften allgemeinen Interesse für diese Frage einiges, das vielgelesene Zeitschriften im letzten Jahre darüber veröffentlicht, hier reproduzirrt: A t a v i s m u §.*) Errare — animale est. Wer kennt nicht den Glauben an die Seelenwanderung — diese Wahnidee, die so alt ist, wie die Menschheit, und noch jetzt viele Millionen Bekenner zählt? Und doch ist die *) Aus einem größeren, unter dem Titel „Die animalische Logik" zum Drucke vorbereiteten Werke.