Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 10 (4.3.1904)
- Date
- 1904-03-04
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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’Jtr. 10 Dr. Blocb’s Mocdenscdnn. Leite 147 mon v. Rothschild sich für dieselbe verwendet hatte. Kurz nach Mannheimer's Bestellung als Religionslehrer ersuchten ihn die Vertreter (20. August 1826), „wenn seine Berufsarbeiten es ihm gestatten" ... „und wenn es ohne Aufopferung der zur Erholung nötigen freien Zeit geschehen kann" im Bethause an jedem zweiten Sabbat einen „religionsmoralischen Vortrag" zu halten. Mannheimer war noch sehr jung, allein seine Sturm¬ und Drangperiode schien bereits überwunden und seine Ansichten über den einzuschlagenden Weg stimmten mit Biedermanns Reformplänen. Beide hielten es für unabweislich, von der überlieferten Form des Gottesdienstes abzugehen, ihn den sozialen und ästhetischen Anforderungen der Zeit näher zu bringen, wenn auch nicht nach Art der Berliner und Hamburger Reformer. Insbesondere vertrat Mannheimer die Ansicht, daß die Gebetsprache hebräisch bleiben müsse, weil das Judentum dieses gemeinsamen Bindemittels nicht entraten könne. Wohl wissend, daß durch allzu weitgehende Aenderungen die verläßlichen Elemente der Gemeinde abgeschreckt würden, beschränkte er sich darauf, die Piutim, Jozeroth, Maarovis wegzulassen, desgleichen das Aw Horachamiin, Bame madlikim und an Stelle des Brich schme und des Jekumpurkan je ein deutsches Gebet treten zu lassen. Zugleich verfaßte Mannheimer Normen für den Besuch und .die Führung des Gottesdienstes. In einer Sitzung vom 23. Jänner 1826 genehmigten die Vertreter diese Grundsätze für den .Dienst im Tempel und für die Liturgie, und zwar in so vollständiger und trefflicher Weise, daß das Wesentliche derselben auch heute noch unverändert fortbesteht. Sollte aber die Neugestaltung nicht auf dem Papiere bleiben, so bedurfte es eines Vorbeters, der dieser hohen Aufgabe gewachsen war. Einen solchen empfahl Mannheimer in dem jugendlichen Vorbeter von Hohenems, Salomon S u l z e r. Seiner Jugend ungeachtet — er zählte erst 21 Jahre — nahmen die Vertreter keinen Anstand, ihn als Künstler ersten Ranges zu behandeln. Nach kurzen Verhandlungen luden sie ihn in einem sehr ehrende^. Briefe. vom 23. Dezember 1825 ein, am 12. Februar 1826, dem Geburtstage des Kaisers, einen Probevortrag zu halten. Neben einer von Professor Drexler komponierten Cantate trug er bekannte liturgische Melodien, jedoch kunstgerecht harmonisiert, vor, und zwar unterstützt durch zwei „Gehilfen", die er unter Zustimmung der Vertreter (Brief vom 8. Jänner 1826) sich aus Hohenems mitgebracht hatte. Das Entzücken der Zuhörer ließ sich gar nicht eindämmen. Es bedurfte jedoch einer besonderen, von den Vertreten: zu erbittenden polizeilichen Bewilligung, Sulzer in Wien verweilen zu lassen, bis die Bedingungen seiner Anstellung vereinbart waren. Sulzer's Jahresgehalt ward mit 800 Gulden Kon.-Münze festgesetzt. Am 9. April 1826, 1. Nissan 5566, ward der Tempel eingeweiht. Die ersten Bethausvorsteher waren Jos. Biedermann 86ii., Jac. Löwy, Moriz Königswarter und Signi. v. Wertheimstein. Mannheimer hielt die Festrede, Sulzer funktionierte als Vorbeter. Schon am Pessachfeste erkannten die Anwesenden mit freudigem Staunen, welche heilsame Veränderung in der Form und im Wesen des Gottesdienstes erzielt worden war. Mannheimer's erhebende und begeisternde Reden aus jener Zeit sind uns erhalten. Erinnert man sich an das bis in sein Alter biegsam und wohlklingend gebliebene Organ, an die edel gebildeten Gesichtszüge, die feurigen Augen, die ausdrucksvollen Gesten, an den seinen Worten Nachdruck verleihenden Ruf der Gelehrsamkeit, Charakterreinheit und Gedankenklarheit, so mag man den Eindruck erinessen, den er auf die andächtig lauschenden Hörer hervorgebracht hat. Ergänzt und verherrlicht wurde die Reform durch Sulzer's Leistungen. Mit erstaunlichem Verständnis ging er an eine völlige Umgestaltung des Synagogengesanges. .Er konservierte sorgfältig die althergebrachten Weisen, insoweit sie ihm musikalisch und traditionell bedeutsam erschienen, paßte sie aber den musikalischen Anschauungen seiner Zeit an und schnitt alle Auswüchse und Mißbräuche energisch ab. Doch erfaßte er seine Ausgabe keineswegs als eine rein musikalische, vielmehr war er sich darüber klar, daß die gottesdienstliche Musik nur Mittel zum Zweck, der eigentliche Zweck aber darin gelegen sei, das Gebet zu höherer Andacht und Innigkeit zu erheben, es musikalisch zu interpretieren. Dazu bedurfte es vor ollem einer verständlichen Gebersprache: diese von Verunstaltungen zu reinigen, erkannte er als unerläßlichste Vorbedingung. Ohne viel zu fragen, schuf er für sich und seinen Chor feste Regeln der Aussprache: die Vokale, welche nach damaligem Brauche verwechselt, vermischt, unrein ausgesprochen nmrden, führte er auf ihre ursprüngliche Reinheit zurück. Das o welches als n. das e welches als ei, das au, welches als oi ausgesprochen wurde, stellte er in ihren eigentlichen Lauten wieder her, den Akzent, den Tonfall und vor allem die Phrasierung legte er fest und mit solchem Erfolge, das; nach wenigen Jahren die Gemeinde von den alten üblen Gewohnheiten befreit war. Auch die musikalischen Mißbräuche, welche zur 'seit der Einführung die Strenggläubigen gegen den Synagvgengesang eingenommen hatten, die Wiederholung des einzelnen Wortes um der Arie nullen, die Zerstückelung des Wortes, die Wiederholung einzelner Silben, ganz besonders die von polnischen Vvrbetern eingesührte Einschaltung von Zwischentönen in der Mitte von Worten oder Phrasen verbannte er so wie die üblen Angewöhnungen anderer Vorbeter, die überflüssigen Colvratnren, Läufe, Triller, den fprungweisen llebergang von Piano ins Forte und Aehnliches, was seinem künstlerischen Gefchmacke widerstrebte, den Gottesdienst ungebührlich verlängerte und die Andacht störte. (Fortsetzung folgt.) Arbeit. Einer Einladung des Konsuls A. M. S i m o n in Hannover Folge leistend, besuchte ich vor wenigen Tagen die israelitische Erziehungsanstalt zu Ahle m. Es wäre überflüssig, über dieses Musterinstitut, dessen Zrveck, Organisation und Leistungen in den weitesten Kreisen längst bekannt sind, eingehend zu berichten. Die Erziehungsanstalt zu Ahlem ist ein lebendiger Protest gegen die Behauptung unserer Gegner, daß die Juden sich für Ackerbau und Handwerk nicht eignen und lediglich dem Schacher leben. Die Anstalt besteht ans einer Schülerabteilung, in tvelcher bedürftige und verwaiste Knaben unter 14 Jahren Volks Schulunterricht genießen, wobei zugleich ihr Sinn für Bodenkultur und Handwerk geweckt und gepflegt wird; ferner aus einer Lehrgärtnerei, in welcher junge Leute im Obst- und Gemüsebau, in Pflanzen- und Baumschulkultureu praktisch unterwiesen werden, endlich aus einem Erziehungshause für Mädchen im Alter von 6 bis t8 Jahren, in welchem dieselben in allen Zweigen eines städtischen und ländlichen Haushaltes ausgebildet werden. Seit dem verhältnismäßig kurzen Bestände der Ahlenrer Erziehungsanstalt wurden aus der Schülerabteilung 63 Zöglinge entlassen, von denen 23 Gärtner und Landwirte, 24 Handwerker der verschiedensten Art, 13 Kaufleute und 3 Lehrer geworden sind. Aus der Lehrgärtnerei gingen bisher insgesamt 81 Lehrlinge hervor, und zwar 79 Gärtner und 2 Tischler. Von den Gärtnern befinden sich in Tätigkeit 35 in Deutschland, darunter einer selbständig und 1 als Obergärtner, 3 in Oesterreich, je einer in der Schweiz, in Frankreich und Rußland und 5 in Amerika. Sowohl in der Schülerabteilung, als in der Gärtnerei habe ich eine Anzahl galizischer Knaben kennen gelernt, die daheim in Kolomea, Buczacz, Pcczenyczin im tiefsten Elend verkommen wären, wenn nicht ein gütiges Geschick sie nach Ahlem geführt hätte. Es ist überraschend, welche Metamorphosen die ehrliche Arbeit, die tägliche Beschäftigung mit der Mutter Eytze m diesen Menschen vollbracht hat. Aus verkümmerten, hleichsüchtigen, rachitischen Kindern sind kraftvolle, gesuudheitsstrotzende Jünglinge geworden. Einer von ihnen, der vor kurzem erst die Anstalt verlassen hatte, genießt als Gärtner einen solchen Ruf, daß nicht nur er selbst von vielen christlichen und jüdischen Gartenbesitzern in ganz Deutschland verlockende Anträge erhält, sondern daß seine Empfehlung