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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-26 · 9 (26.2.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 142 Dr. Mocb's Mlocbenscbrttt. Nr. 9 In meine Kindheit fiel die glorreiche Zeit des ungarischen Freiheitskampfes. Zeitlicher als in sonstigen Jahren hatte die Natur die Bande gesprengt, in denen ihr Leben gefesselt lag; eine herrliche Frühlingssonne sendete ihre Strahlen auf die Erde und weckte die schlummernde Pflanzenwelt, und auch die Sonne des Völkerfrühlings war aufgegangen und hatte die Fesseln gesprengt, welche das Leben der Nation gefangen hielt. Wie wenn droben auf waldiger Bergspitze der Donner in tiefem, dumpfen Grollen zu dröhnen beginnt, mit lautem und immer lauterem Getöse an den Felswänden hinrollt und von den Gipfeln der Berge hundert- und hundertfach widerhällend, hineindringt in die stillen Täler, die tiefen Schluchten, bis endlich die ganze Gebirgskette unter dem wilden Aufruhr der entfesselten Elemente erbebt, so war es auch, als der Freiheitsgedanke, dem zuckenden Blitze gleich, aus gewitterschwarzen Wolkenhöhen vom fernen Westen her zündend in die Geister fiel und der Aufruhr der eutfeffelten Völker sich fortpflanzte von Land zu Land, von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf, von Weiler zu Weiler, bis endlich das ganze alte Reich in seinen Grundfesten erbebte und das morsch gewordene Gebälk der verwitterten Staatsverwaltung in allen seinen Fugen krachte. „Drei Worte nenn' ich Euch inhaltsschwer. Sie gehen von Mund zu Mund, Dem Menschen ist aller Wert geraubt. Wenn er nicht mehr an die drei Worte glaubt." „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit!" So klang es von einem Saume der Erde zum anderen, und diese Worte waren auch in unser weltvergessenes Dorf gedrungen. Wie jubelte mein kindlich Herz diesem Völkerfrühling entgegen! Ich hatte wohl noch kein Verständnis für die politischen Motive, welche die Bewegung hervorgerufen; aber „Wilhelm Tell" hatte meinen Geist gereist und mein Herz für die Freiheit eines unterdrückten Volkes empfänglich gemacht. Ludwig Kossuth war ein „Wilhelm Tell", und dessen „Manifeste an das Volk" verschlang ich mit Heißgier. Auch die äußeren Erscheinungen, welche die nationale Bewegung begleiteten, fesselten die Augen des Kindes. Die dreifarbigen Fahnen an den Häusern, die rotweißgrünen Kokarden, von denen ich auch eine an meine stolze Brust geheftet hatte, das Ausrücken der strammen Nationalgardisten, welche übrigens nichts anders als solche bezeichnete als die Kokarde — denn Uniform und Waffen hatten sie nicht — all das war für uns Kinder ein intereffantes, ungewohntes Schauspiel, und im Grunde genommen war es auch nichts anderes als ein — Soldatenspiel, das im Ernste sich nicht bewährte. Wir sahen sie aus den Zipser Städten und Dörfern zu Tausenden ausrücken, die braven Deutschen, voll glühender Vaterlandsliebe, brennend vor Kampflust, um GeneralSchlick, der das Gebirge um Kaschau besetzt hatte, aus seiner festen Position zu werfen. Ihre Waffe war die Sense und die Heugabel, hie und da eine alte, verrostete Flinte, die der eine oder andere von einem Feldhüter entlehnt hatte. In Reih' und Glied, mit hocherhobenem Haupte, zogen sie aus; die B6lüer hatten sogar für Kavallerie gesorgt, ein Trupp schmucker Reiter auf kleinen, aber kräftigen, mit roten Schabraken behängten Pferden bildete die Avantgarde. Kampfbereit und siegesbewußt zogen sie aus; aber nach wenigen Tagen kamen sie heim, einzelweise, in trauriger, gedrückter Stimmung, alle unverletzt. General Schlick, als er die wchrlosen Leute vor sich sah, mochte wohl ein menschlich Rühren gefühlt haben, denn er ließ nur eine Rakete in die Luft steigen, deren übrigens unschädliche Funken praffelnd auf sie herniederfielen. Die guten Leute stoben, von panischem Schrecken ergriffen, in wilder Flucht auseinander. Am besten hatte es bei diesem Rückzuge die Kavallerie; auch da bildete sie die Avantgarde, allen voraus war sie zu allererst zu Hause glücklich angelangt. Und wenn man dann die Leute, die das Soldatenspiel schon satt hatten, über den Her- und Ausgang des Treffens beftagte, so sagten sie in ihrer schwäbischen Mundart: „'S wär ja gutt, — wenn's nur nicht schießen taten. Jzunder Waas mer, was Krik bedajt." („Jetzt wissen wir, was Krieg bedeutet.") Für Schlick gehörte ein Mächtigerer, und den fand er auch in Görgey. Wir sahen im Winter 1848/9 seine Armee durchziehen. Das waren wirkliche Soldaten, die in der Schlacht bei Braniesko einen glänzenden Sieg über Schlick erfochten. Sonst sahen wir nur einzelne Guerillas, welche wahrhaft tollkühne Reiterstückchen vollbrachten. Sie streiften gruppenweise in der Gegend herum und schnitten gar manchen, von der Truppe zurückgebliebenen österreichischen Proviantwagen samt der militärischen Bedeckung ab und führten sie der ungarischen Armee zu. Ich erinnere mich, daß zwei solche kernmagyarische Guerillas vor dem Wirtshause Halt machten und ohne vom Pferde abzusteigen, je eine Flasche Wein bestellten. Bevor man denselben brachte, sahen sie von der Straße her österreichische Reiter kommen. Sie warteten aber, bis man den Wein brachte, tranken ihn gemächlich aus, warfen die Flaschen zu Boden und flogen vor der Nase der Oesterreicher weg und waren spurlos verschwunden. Dann aber sahen wir nur die Russen, die den Weg nach ihrer Heimat über Kesmark nahmen. Die Russen waren abgezogen, nachdem sie ein edles Volk, das ihnen nichts zuleide getan hatte, niedergetreten und aus tausend und tausend Wunden blutend zurückgelassen. Aber als wäre des Jammers noch nicht genug gewesen, ließen sie als „Fluch der bösen Tat, die fortzeugend Böses muß gebären", einen Würgengel zurück, der, ihr Mordhandwerk fortsetzend, die Gräber füllte und unsägliche Trauer über das schwergeprüfte Land brachte. Dieser Würgengel war die Cholera, der die Aerzte damals ratlos gegenüberstanden. Sie wütete in der Zeit der „furchtbaren Tage", — von Bosch ha-schonoh bis Jom Kippur — am heftigsten, und der langdauernde Gottesdienst in den überfüllten Synagogen, sowie das Fasten am Versöhnungstage, das allzufrühe Aufftehen vor Morgengrauen mag auch zur Verbreitung der Pest unter den Juden beigetragen haben. Jeder Tag forderte neue Opfer, und selbst Berl Baß,, dem „Liberer", imponierte das hohläugige Gespenst, das keinen Spaß versteht, es verließ ihn sein Humor und auf seinem Kautschukgesichte lagerte sich um diese Zeit düsterer Ernst. Schon dachte man daran, das probate Mittel gegen Cholera anzuwenden, welches darin besteht, daß man ein armes Waisenmädchen ausstattet, mit einem armen Jungen verheiratet und die Trauung samt der Hochzeit auf dem Friedhofe abhält. Das hilft — allenfalls dem Waisenmädchen zur Gründung eines häuslichen Herdes! Wahrscheinlich aber hatten die Feiertage die Anwendung dieses unfehlbaren Mittels verhindert, bis die Gefahr allmälig abnahm. — Aber auch mich hatte die böse Krankheit ergriffen. Am Rüsttage des Versöhnungstages hatte sie den Höhepunkt erreicht und ich sah es den verweinten Augen von Vater und Mutter an, daß sie das Aergste befürchteten. Da — am Abend, die Kerzen waren schon angebrannt, das „Seelenlicht", ein Oellämpchen, nach alter, frommer Sitte angezündet, der Vater, schon bereit, in die Synagoge zu gehen, hatte auf das Haupt der Geschwister segnend die Hand gelegt, — da trat der Großvater ein, und kam geradeaus zu meinem Bette hin. Es war mir, als hätte eine himmlische Erscheinung lichtumflossen y' mir sich herniedergelassen. Der lange, weiße Bart des einundach-sigjährigen Greises wallte ihm über die Sterbekleider herab, in die er für den Gang ins Gotteshaus sich gehüllt hatte; heiliger Ernst lag auf seinem Antlitz, auf das der nahende „Jom Kippur“ eine Lichtfülle der Verklärung gegossen hatte und mit tränenerstickter Stimme sprach er die Worte, „Jeworechehu Adonai“ „es segne dich der Herr und behüte dich!", indem er seine zitternden Hände auf meine fieberglühende Stirne legte.

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