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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-26 · 9 (26.2.1904) · page 13

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Nr. 9 Im Alter von zwölf Jahren hatte ich bereits zwei Traktate des Talmud allein, ohne alle Beihilfe, gründlich durchgenommen. Welche Vorkenntnisfe das voraussetzt, kann nur der Fachmann ermessen. Ich hatte den größten Teil der Bibel inne: ich konnte hebräisch und deutsch fehlerfrei schreiben, weil ich die Grammatik beider Sprachen wußte. Außerdem hatte ich schon Schillert Dramen und Gedichte gelesen und wußte sie zum Teil auswendig. Freilich habe ich nie an den heiteren Spielen der Schulgenossen teilgenommen; — das Ballspiel war als „Tulespiel" (Christenspiel) verpönt — meine ausschließliche Gesellschaft war der Vater, den ich überallhin begleitete und als frühreifer Junge an der Konversation mich beteiligte. Jedes halbe Jahr besuchte der Vater die Eltern seiner Schüler, um darüber zu verhandeln, ob sie dieselben auch ferner ihm anvertrauen wollen, sowie auch über das Honorar, das nicht fixirt war, sondern von Fall zu Fall vereinbart wurde. Da kamen regelmäßig Klagen über den ungenügenden Erfolg des Unterrichts, um — das Honorar herabzudrücken. Einmal, gelegentlich eines solchen Feilschens von Seiten einerreichen Gutspächterin, führte der Vater eine Talmudstelle ins Treffen, wo es heißt, daß Gott den Eltern, außer dem gewöhnlichen Hausbedarf, für den Unterricht der Kinder ganz besonders bescheere, daß also diese Ausgabe der liebe Gott aus sein eigenes Konto schreibe,- indem er fragte: „Warum wollen Sie nun, liebe Frau, für den lieben Gott so knauserig sein?" — Sie antwortete: „Sehen Sie, ich muß den Buben auch ftanzösisch unterrichten lassen, und das kostet viel." Da kam ich naseweiser Junge dem Vater zu Hilfe und sagte: „Jawohl, aber für französisch bescheert Gott nicht extra." Die Frau lachte und bewilligte das geforderte Honorar. Aber bei all' dem Eifer und der Gewissenhaftigkeit des' Vaters konnte das Einkommen den Hausbedarf nicht decken, zumal im Jahre 1847 eine Hungersnot über das Land kam, die in so unsäglicher Furchtbarkeit bei den heutigen Verkehrsmitteln und dem entwickelten Wohltätigkeitsfinn nicht mehr möglich ist. Zur Mißernte dieses Jahres hatte sich die Kalamität gesellt, daß die Kartoffel, das Hauptnahrungsmittel der dortigen Gegend, infolge anhaltenden Regens in Fäulnis übergingen. Der Preis des Roggens — Weizen gedeiht dort nicht — stieg rapid von Woche zu Woche und erreichte die Höhe von 50 Gulden Wiener Währung 42 kr. per Metzen. Das Elend war entsetzlich. Das Brot der armen Leute bestand aus Kleie, verfaulten Kartoffeln und — Sägespänen. Die Menschen fielen in den Gassen vor Hunger tot zusammen. In einem Hause fand man Fleischreste einer Kindesleiche, von der die Eltern und Geschwister einige Tage gelebt hatten. Entsetzlicher Selbsterhaltungstrieb! Der Hungertyphus raffte täglich eine große Anzahl Menschen hin, so daß man die Leichen aus Mangel an Totengräbern tagelang liegen ließ. Einmal gab die Mutter einer bettelnden Bäuerin ein Stückchen Brot. Da kniete sie nieder und dankte Gott, küßte das Brot und weinte vor Freude. Es war eine schwere Zeit der Not auch für meine Eltern, die alles Wertvolle versetzten, um nur den dringendsten Bedürfnissen genügen zu können. Gerade in dieser kritischen Zeit erhielten wir eine ganze Schar von Gästen, die umsoweniger willkommen sein konnten, als sie Ehren halber anständig bewirtet werden mußten. Es waren zwei Parteien, die eine Zusammenkunft in Kirchdorf vereinbart hatten. Die eine Partei war der älteste Bruder der Mutter, der im Talmud versirte Notär der Hunsdorfer Komitatsgemeinde mit Frau und Tochter; die andere war ein Rabbinatskandidat, ein bemoostes Haupt der Preßburger Talmudschule in Begleitung seines Bruders, eines hervorragenden Rabbiners. Das Mädchen wurde ihm von einem Heiratsvermittler angetragen. Eltern und Tochter kamen in sehr gedrückter Stimmung. Mit bangem Herzen sehen sie den nächsten Stunden entgegen: denn das Mädchen war zwar sehr gut erzogen, klug und Wirt- Seite 141 schaftlich, aber sie hatte das Unglück, ein Albino zu sein. Ihr Haar und ihre Augenbrauen und Wimpern waren weiß, die Pupillen rot und in steter zitternder Bewegung, so daß fie schwer einen Gegenstand fixieren konnte, sie sah aus — wie eine weiße Maus. Als sie zu uns kam, war sie in heller Verzweiflung, fie jammerte und lamentierte immerfort über eine Flasche, die fie ununmittelbar vor Kirchdorf zufällig zerbrochen hatte. Nach langem Hin- und Herfragen erfuhr man endlich die Ursache ihrer Verzweiflung In der Flasche war nämlich eine Flüssigkeit gewesen, mit der sie von Zeit zu Zeit das Haar befeuchtete, das davon eine dunklere Färbung erhielt. Und nun, wo die Würfel fallen sollen, die über ein ganzes Leben entscheiden sollen — war die Flasche zerbrochen! Es war zum Erbarmen, eine solche Tücke des Schicksals! Endlich kamen die Erwarteten. Die Herren vertieften fich sofort in ein talmudisches Thema: das Mittagmahl war gut, und — ein Gott hat Erbamen! Unser Heiratskandidat gebrauchte nicht einmal die Vorsicht, die der bekannte Rabbi aus Kolomea anwendete, der, als er die Tochter eines Preßburger Talmudisten freien wollte, fich doch wenigstens überzeugte, ob sie lahm sei, indem er zu ihr sagte: „Geh' Sie hinauf, und geh' Sie zurück — so — Maseltow!" — Unser Rabbinats- und Ehekandidat war sofort gefangen und verlobte sich. Während des Mahles wurde nach altem, jüdischem (vielleicht heidnischem) Brauch eine Schale zerbrochen und es gab ein glücklich Paar mehr auf Erden. Die Kosten der Gastfreundschaft aber waren in dieser teueren Zeit für uns recht bedeutend gewesen, und die arme Mutter mußte sie durch Entbehrungen, die sie dem Hause auserlegte, einzubringen suchen. Das Jahr der Hungersnot war vorüber, aber die Not im Hause nahm nicht ab, denn die Schule löste fich allmälig auf. Die Zahl der jüdischen Einwohner Kirchdorfs nahm nicht zu, und an die Stelle der der Schule Entwachsenen kam kein Nachwuchs, und es blieb dem Vater nichts anderes übrig, als wieder nach Hunsdors zurückzukehren. Da brach für uns eine bitterböse Zeit der Entbehrungen herein. Neben der dort mittlerweile errichteten öffentlichen Volksschule eröffnete der Vater eine Privatschule, die im ersten Jahre kaum das Allernötigste brachte. Die Mutter, die auch sonst zu sparen und zu berechnen verstand, war erfinderisch im Abschaffen des Entbehrlichsten. An die Stelle des Milchkaffees und des Weißbrotes trat eine Einbrennsuppe mit Kartoffel; Fleisch kam nur am Samstag aus den Tisch: aus die Kleider wurde Fleck auf Fleck gelegt; zu den Feiertagen erhielten wir nichts Neues, was bisher stets der Fall war; aber ich half mir. Einige Tage vor einem Festtage zog ich die Stiesel aus und ging barfuß, und wenn ich dann am Morgen des Feiertages in den blankgeputzten Stiefeln einherstolzierte, da hatte ich denn doch etwas Neues „zu Ehren des Festes" angelegt. Ich trug aber in dieser schweren Zeit auch schon mein Scherslein zum Haushalt bei. Im Alter von elf Jahren erteilte ich Unterricht. Ich hatte zwei Schülerinnen, für die ich monatlich sechs Silberzwanziger (4 K. 20 H.) erhielt. Eine Schülerin war sogar schon Braut, die ich für die Ehe präparierte, indem ich sie „davenen und leinen" (hebräisch und jüdisch-deutsch lesen) lehrte. Zugleich mußte ich die Antworten auf die Briefe ihres auswärts wohnenden Bräutigams aussetzen und ihr beim Abschreiben behilflich sein, wohl auch die Hand führen. Einmal hatte der Bräutigam einen Brief durch einen Boten geschickt, der spät abends ankam und aus sofortige Antwort drang, da er zeitlich morgens heimkehren wollte. Ich wurde daher um die Mitternachtsstunde aus dem Schlafe gerüttelt, um die Antwort zuwege zu bringen. Ob auch der Bräutigam mit den Liebesergüssen seiner Braut, welche der elfiährige Lehrer ihr in die Feder diktierte, zufrieden war? Ich glaube, die Frage bejahen zu können, denn diese Liebesbriefe bildeten kein Hindernis der Ehe, die glücklich geschloffen wurde. Dr. Dlocb's MocbenscbrM.

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