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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-26 · 9 (26.2.1904) · page 12

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Seite 140 Dr. Dlocb's Mocdenscbrlrt. Nr. 9 denn auch ein Fach, das ein Jude nicht versteht? Einer, seines Zeichens Geflügelhändler, fragte einst allen Ernstes den Vater: „Sagen Sie mir, lieber Herr Schnitzer! Warum unterrichten Sie ein Paar „Blatt Gemore" (Talmud) und dazu nur ein kleines Tossefoß (Erläuterungen zum Talmud) und ein „Stücke! Mahrschu" (Randglossen zu den Erläuterungen), warum lehren Sie nicht lieber ein Paar Blatt Mahrschu nach einander?" (d. h. ein Paar Blätter Randglossen ohne Text!) Ob der Mann sich überzeugen ließ, weiß ich nicht, wohl aber weiß ich, daß der arme Vater im Schweiße seines Angesichtes sich abmühen mußte, in jedes einzelne Kind soviel Gelehrsamkeit als möglich einzutrichtern, und demnach mir, für den er — nur sich allein verantwortlich war, keine Zeit widmete. Wahrlich, ein Glück, daß der Vater im Hebräischlesen von einem anderen mich unterrichten ließ; ich wäre, vielleicht aus purer Gewissenhaftigkeit ein Analphabet geblieben. Dieser Lehrer war Harschet Temerls, sogenannt weil seine Mutter auf den Namen Temerl hörte. Er hatte von einem „Belfer" zum „Mikre-Dardeke-Melamed" sich emporzuschwingen gewußt. Das sind freilich für die heutige jüdische Generation böhmische Dörfer. Nun, ich will das erklären. Ein „B e l f e r", eigentlich B e h e l f e r, Schulgehilfe, hatte den Beruf — wie der Kuhhirt das Vieh auf die Weide treibt — die kleinen Kinder vom Hause in das Cheder (Schule) zu führen; die allerkleinsten trug er Huckepack. Ein Mikre-Dardeke-Melamed war der Lehrer, der ausschließlich „Dawenen" (Hebräischlesen) unterrichtete. Einen Grad höher stand der Chumesch-Melamed, der Bibellehrcr, den nur noch der Gemore-Melamed (Talmudlehrer) überragte. Harsche! Temerls war bei Schmulele Melamed Belfer gewesen. Nebenbei bemerkt, war dieser — oder vielmehr auf Grund seines Kosenamens — dieses Schmulele, eine dürre, hopfenstangartige Gestalt, welche alle Hunsdorfcr um 2—3 Kopflängen überragte. Eine seiner Nebeneinkünfte bildete das „Malkosschlagen". Es hat nämlich in der damaligen Zeit eine große Menge Leute gegeben, welche am Rüsttage des Versöhnungsfestes, um jenen Teil der Sünden, auf welche nach dem Religionsgesetze die Geißelstrase gesetzt ist, abzustoßen, sich dieser Geißelung unterzogen haben. Der Betreffende kniete nieder, beugte den Vorderkörper vor und ließ sich von Schmulele mit einer Peitsche, die aus einigen dünnen Streifen harten Leders bestand, neununddreißig Hiebe applizieren. Währenddessen sprach der Bußfertige, an die Brust sich klopfend, das Sündenbekenntnis, während Schmulele den Schristvers: wehu rachmn jechaper uwarni (Er, der Barmherzige, verzeihe die Sünde) der aus dreizehn Worten besteht, dreimal rezitierte, was zusammen neununddrcißig macht. Es hing von dem Wohlwollen Schmulele's und auch von dem zu erwartenden Honorar ab, ob die Hiebe kräftig ausfielen oder von ihm nur markiert wurden. Nachdem Harschel Temerls bei Schmulele mehrere Jahre „gebelfert" und seinem Meister die Methode abgeguckt hatte, eröffnete er auf eigene Faust sein Cheder (Schule) und wurde nun „Rebbe" (Lehrer). Harschel Temerls bildete den schärfften Gegensatz zu Schmulele. Er war eine kleine, gedrungene Gestalt, die in die Breite ging. Auf seinem feisten Gesicht mit den kleinen pfiffigen Aeuglein lag stets ein breites, selbstzufriedenes Lächeln, das vielleicht durch ein Branntweinfläschchen hervorgerufen wurde, welches als Herzstärkung in seinem schweren, heiligen Berufe sein unzertrennlicher Begleiter war. Seine Kleidung bestand aus grünen, vom Alter graugewordenen „manchesternen" (baumwollsammtenen) Beinkleidern und einem bis zur Erde reichenden gelben Rock. Auf dem Kopfe trug er über einer blauen baumwollenen Schlafhaube, die in der Schule seine Kopfbedeckung bildete, eine hohe, gelbe Pelzmütze (Spodek), wie sie die polnischen Rabbiner trugen. Diese Pelzmütze sollte seine Würde als „Rebbe" urdi et orbl kundtun. Das Chederlokal entsprach keineswegs den Anforderungen der modernen Schulhygiene. Es war eine niedere, finstere Stube mit kleinen Fensterchen, deren Scheiben hie und da ein Blatt Papier ersetzte. Das Nebengeschäft der „Rebbezen" war auch nicht geeignet, die Reinlichkeit der Stube und die Reinheit der Luft zu erhöhen; sie war nämlich „Gänslerin" und rupfte und öffnete das Geflügel im Schullokal. Ihre Mußestunden füllte sie mit Federschleißen aus, wozu sie auch die hoffnungsvolle Schuljugend heranzog. Wenn dann ein solcher Federnberg durch eine lebhaftere Bewegung der Kinder ins Fliegen kam, daß man meinte, es wäre plötzlich ein Schneegestöber gekommen, da gab's ein Keifen, Schelten und Schreien, daß wir arme Kinder, wie eine Schar aufgescheuchter Hühner, ängstlich uns verkrochen. Diese willkommene Unterbrechung des Unterrichtes benützte der Rebbe hinter dem Rücken der keifenden Matrone zu einer Herzstärkung und — sein Lächeln wurde noch breiter. Wie er es zuwege brachte, seine Schüler lesen zu lehren, ist mir noch heute ein Rätsel. Er trug vor: des—komez—u du, gimel—segol—e ge u. f. w. War's doch übrigens beim deutschen Leseunterricht auch nicht besser. In allen Schulen lehrte man z. B.: ess—ze—ha—er—e—i schrei oder 688—te—er—a—6—u sträu; und dennoch konnten die damaligen jüdischen Kinder besser hebräisch lesen, als die jetzigen mit ihrer leichten Lautiermethode. Harschel Temerls — der arme Rebbe, konnte es trotz seinem „Spodek" zu keinem „Reb" vor dem Namen bringen — er hatte eben zu lange gebelfert — wußte die Disziplin wunderbar zu erhalten. Wollte ein Kind nicht parieren, so stülpte er ihm einen mit einem Gansflügel phantastisch aufgeputzten dreieckigen Hut auf den Kopf, zum allgemeinen Gaudium der Schuljugend, oder er heftete von rückwärts das Hemdchen an den Kragen des Röckchens, gab ihm einen Besen in die Hand und ließ das Kind einigemal auf- und abmarschieren. Auch Präventivstrafen wendete er als Abschreckungstheorie an. Freitag mittag schloß er damit den Unterricht, der bis Sonntag ftüh unterbrochen war, daß er jedes Kind ohne Ausnahme „herüberlegte" und mit einigen Ruthenstreichen bedachte, „damit Du zuhause brav Dich aufführst." Es scheint, daß ich kein rechtes Verständnis für diese Methode hatte; denn ich ließ mich regelmäßig — und die gute Mutter unterstützte mich darin — eine halbe Stunde vor dieser Anticipando -Abschlags Zahlung aus der Schule holen. Später, als das Cheder der öffentlichen Schule weichen mußte, kehrte Harschel Temerls dem undankbaren Geschlechte grollend den Rücken und zog nach Budapest, wo er statt junge Kinder — alte Kleider ausklopfte und sie verkaufte. Und da ließ er es sich nicht nehmen, einst einen Abstecher nach Komarom zu machen, um mich, der ich seither Rabbiner hier wurde, als seinen einstigen Talmid (Schüler), wie er selbstbewußt mich nannte, noch einmal im Leben zu sehen. Er hatte seine schönsten alten Kleider angelegt, den glänzend gebügelten Zylinder aufgesetzt und stellte sich mir und auch in einigen angesehenen Häusern als meinen „Rebbe" vor, wozu er doch eigentlich Fug und Recht hatte. Im Alter von fünf Jahren hatte ich die Hochschule des Harschel Temerls absolviert und ward indie Schule des Vaters ausgenommen, freilich nur, wie ich oben bemerkte, Dank der allzu skrupulösen Gewissenhaftigkeit des lieben Vaters als „außerordentlicher Hörer". Dennoch hatte ich auch als solcher in Folge meiner Wissenslust eine Fülle von Kenntnissen erlangt, welche weit über das Durchschnittsmaß hinausgingen. Es kann mir wohl nicht als Ruhmrederei angerechnet werden, wenn ich heute, nach mehr als einem halben Jahrhundert, von meinem Wissen als Kind erzähle; aber es soll als Kulturbild und zur Charakterisierung der damaligen Unterrichtsmethode nicht verschwiegen bleiben, damit unsere Zeit, die so sehr jede Belastung des kindlichen Gehirns perhorresziert, ersehen möge, was ein solches Gehirn aufzunehmen vermochte.

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