Mannheim
Compact Memory

Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-26 · 9 (26.2.1904) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
9 (26.2.1904)
Date
1904-02-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3020846-3021547-3021557--13391-3038040
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

txmiMxrKmi'rrmmuvr»*.. Nr. 9 Dr. Llocb's Mocbenscdrttt. Seite 131 Vom Aabrmarkt des Lebens. Gloffen zur Tagesgeschichte. (Auftreten des Herrn Bielohlawek und anderer Kunstkräfte. - Deutscher bis zum letzten Bluts tropfen. — Herr Prochazka als Politiker und Erzieher.) Der Fasching ist vorüber und die Zeiten werden immer ernster. Da tut es. denn so recht vom Grund aus wohl und wirkt erfrischend, wieder einmal Herrn Bielohlawek zu begegnen. Er ist in der Vorwoche wieder in einer Wählerversammlung in Favoriten aufgetreten. Man fängt eben bei Zeiten an, und natürlich kann die Kampagne nicht besser eingeleitet werden, als durch eine feierliche, moralische Hinrichtung der Juden. Das zieht immer und sichert dem illustren Redner jedesmal den vollen, ungeschmälerten Erfolg. Alles übrige ist Nebensache. Ich war bei der Versammlung nicht persönlich anwesend — man muß sich einmal einen Genuß auch versagen können — aber ich folge der sicherlich authentischen Darstellung des „Deutschen Volksblattes". In diesem Falle ist unser Vertrauen ein vollkommen gerechtfertigtes. Das „D. V." wird ganz gewiß nichts dazutun, um seinen Bielohlawek in der öffentlichen Meinung absichtlich herabzusetzen. Es ist sicherlich auch weit davon entfernt, Herrn Bielohlawek mit überlegener Ironie zu frozzeln. Was also das „D. V." in diesem Falle mitteilt, hat Anspruch auf Glaubwürdigkeit. Es hat eher, wo es anging, die Rede etwas verbessert und, sofern es nötig war, sie stellenweise in das geliebte Deutsch übersetzt. Denn das Deutsch des Herrn Bielohlawek ist doch nicht unter allen Umständen ganz zuverlässig. Folgen wir also dem Gedankengange des erleuchteten Volksvertreters und lassen wir seine tiefgründige Weisheit auf uns wirken. „Ueber den Reichsrat ist eigentlich nichts zu sprechen. Er befindet sich im Stadium eines boshaften Kindes." Man könnte hier, da auch ein boshaftes Kind sich nicht konsequent bei einem Stadium aufhält, mit einigem Grunde fragen, in welchem? Aber wir wollen uns dabei nicht aufhalten, und viel fragen wird man da überhaupt nicht dürfen. „Wenn sich die Deutschen und Tschechen so lange vertragen haben, wie kommt es, daß sie sich auf einmal so bekämpfen?" Das ist in der Tat interessant. Wie mag das nur kommen? Wir erhalten sofort und prompt die Antwort: „Das ist den Hebräern wunderbar gelungen: Der Parlamentarismus, der in die Hände wahrer Volksfreunde gelangt wäre, mußte flöten gehen." Zu dumm, nicht wahr? Aber von unbedingt sicherer Wirkung! Das „D. V." verzeichnet an dieser Stelle „Entrüstung". Wir müssen aber erläuternd hinzufügen, daß die Entrüstung des Auditoriums nicht etwa den Albernheiten des Redners galt, sondern den verrotteten Juden, welche auf solche Weise den österreichischen Kaiserstaat zu Grunde richten. Der Uebergang auf die Juden war freilich ein bischen erzwungen, aber das verschlägt nichts. Gelungen ist er doch, und nun haben sie sich gefunden, der Redner und sein Auditorium und liegen sich bewegt in den Armen. Ein feierlicher Moment edler männlicherIRührung. „Bei meiner Begeisterung als Deutscher bis zum letzten Blutstropfen, muß ich zugeben, daß die andern Nationen nicht einfach ausradiert werden können." Das ist ein Standpunkt. Ich gebe selbst zu, daß es einigermaßen unzart, um nicht zu sagen eine Gemütsroheit wäre, andere Nationen einfach auszuradieren. Das tut man nicht, wenn man etwas auf sich hält. Aber nicht davon wollen wir hier reden. Uns interessiert der „letzte Blutstropfen". Es ist ganz in der Ordnung, wenn einer, der auf dem Rassenstandpunkt steht, der, um das Kind beim richtigen Namen zu nennen, für seinen Rassenhaß irgend einen halbwegs plausiblen ethischen Vorwand sucht, großes Gewicht auf den letzten Blutstropfen legt. Herr Bielohlawek ist Deutscher, begeisterter Deutscher bis zum letzten Blutstropfen. Schön. Wir gratulieren. Eine gewisse Beklemmung werden wir aber doch nicht los. Ganz ohne Grund heißt man doch nicht Bielohlawek. Sonst werden ja zu verdächtigen Namen Ausrufungszeichen gemacht und Schlüsse aus ihnen gezogen. Man heißt beispielsweise nicht ungestraft Kohn, nicht einmal wenn man ein Erzbischof ist. Es wird wohl gestattet sein, diese Analogie anzuführen. Trotzdem ist das Bekenntnis des begeisterten Deutschen bis zum letzten Blutstropfen mit Heller, fteudiger Begeisterung ausgenommen worden. Es waren zahlreiche Notabilitäten und Honoratioren anwesend. „Unter den Anwesenden", wir zitieren das „D. V.", „bemerkte man: Reichsrats- und Landtagsabgeordneten Prochazka, Landtagsabgeordneten und Stadtrat Bielohlawek, Gemeinderat Jerzabek, Bezirksvorsteher Hruza, die Bezirksräte Cymbal und Nejezchleba, Dr. mkü. Jerzabek, Kurat Kozlik u. s. w." Auch ein Herr Schlesinger war anwesend, aber es wird zur allgemeinen Beruhigung mitgeteilt, daß er Kooperator sei. Das also ist die Gesellschaft, in welcher Herr Bielohlawek unter allgemeinem Jubel sein „Deutschtum bis zum letzten Blutstropfen" deklariert, ausgerechnet bis zum letzten Blutstropfen. Das sind die großen Philosophen der Raffentheorie, die es nicht einmal einem Erzbischof vergeben können, daß der letzte Blutstropfen in ihm nicht arischer Provenienz ist. Und nicht die Gesinnung ist es, die sie an diesem Erzbischof verdrießt. Denn noch niemals hat er auch nur das Mindeste den Juden zu Liebe getan; es ist lediglich der Blutstropfen, den sie ihm nicht verzeihen. Das Horaz'sche Wort „veniam damus petimusque" gilt für sie nicht. Sie nehmen die Nachsicht für sich in Anspruch, den anderen wollen sie sie aber vorenthalten dürfen. Gewiß, die Herren Bielohlawek, Jerzabek und Nejezchleba sind unschuldig an dem reinen oder gemischten Blut in ihren Adern. Aber dann sollten sie wenigstens nicht die anderen verdammen lediglich um der Beschaffenheit ihres Blutes willen und dann sollten sie namentlich auch sich vor der ungeheueren Geschmacklosigkeit hüten, mit ihrem letzten Blutstropfen die Parade aufzuziehen und in gehobener Selbstgefälligkeit zu protzen. Ein wahrer Trost wird es Herrn v. Koerber sein, daß ihn Herr Bielohlawek in dieser Versammlung nicht ganz vernichtet hat. „Wir haben gegenwärtig einen sehr fähigen Ministerpräsidenten". Herr v. Koerber wird über das Kompliment sehr erfreut sein. Worin äußert sich nun seine Befähigung? „Doktor v. Koerber bemüht sich wenigstens, nicht brutal zu sein." Dieser Satz tiefer Lebensweisheit hat etwas ungemein Beruhigendes. Nun denn, Herr Bielohlawek, noch eine letzte Anstrengung und Sie selbst erheben sich noch vielleicht zu dem Range eines befähigten Staatsmannes! Streben Sie dem großen Vorbilde nach, bemühen Sie sich gefälligst auch, wenn es möglich ist, wenigstens nicht brutal zu sein — es wäre doch schon etwas! Auf Herrn Bielohlawek folgte Herr Prochazka. Er trieb hohe Politik und beleuchtete den russisch-japanischen Krieg sud specie aeternitatis. Dieser Krieg ist nicht nur ein Krieg zweier Rassen, sondern ein Kampf zweier Weltanschauungen. So sagt Herr Prochazka. Er findet auch, daß die japanische Kultur nur eine übertünchte ist. Wie er im Gegensatz dazu über die russische Kultur denkt, das wird der hochaufhorchenden Zeitgenossenschast in dem Berichte vorenthalten. Redner besprach dann in „fesselnder Weise" die soziale Frage und zählt endlich die Vorwürfe aus, die ihm von gegnerischer Seite gemacht werden. Er könne es leider nicht Allen recht machen. Dem einen sei er zu viel Sozialdemokrat, dem anderen viel zu arbeiterfteundlich; dem sei er zu viel für die Gewerbetreibenden, dem zu national, dem zu tschechenfreundlich und dem wieder zu — fleißig. Solcherart bringt er die Anklagen vor, die gegen ihn erhoben werden. Man wird ihm zugestehen, daß seine Methode zum mindesten eine recht bequeme ist. Die Verteidigung ist dann allerdings nicht schwer, und das gibt dann auch einen guten Abgang. „Ich werde immer ehrlich bestrebt sein, den einzelnen Ständen Rechnung zu tragen. Viel Feind', viel Ehr'. Mit gutem Gewissen arbeite ich jederzeit, mein Können stelle ich der Wählerschaft zur Verfügung". Und sonst nichts? fragt der Leser besorgt. O ja — aber natürlich! Redner schloß mit einem kräftigen „Hinweg mit der Judenschast!" Und nun erst verstand ihn sein Auditorium, das wie von einem Banne befreit aufatmete und ihm brausenden Beifall zollte. Nun hatten sie ihn endlich doch verstanden. Wie man begonnen hatte, schloß man auch, in hell aufflammender Begeisterung, in reiner innerer Erhebung. Whig.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.