Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3020846-3021547-3021557--13392-3038041- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Sette 132 Dr. Mocb's TEGlocbenscbrtft Nr. 9 Cw Interview mit Herrn v. Plehwe. Das Vorstandsmitglied der Anglo Jewish Assoziation, Herr Lucien Wolf, hat vor Kurzem eine Reise nach Rußland unternommen, um dort die Lage der heimischen Juden kennen zu lernen. Er hat in St. Petersburg den Minister des Innern, Herrn v. Plehwe, interviewt und hat das Ergebnis dieser Unterredung in der Samstag- Nummer der „Times" in einem längeren Artikel veröffentlicht, dem die „Israelitische Wochenschrift" Folgendes entnimmt: „Bevor ich nach Rußland abreiste, hatte ich einen unangenehmen Vorgeschmack der Judenfrage in jenem Land Mein Gesuch um ein Paßvisum wurde nämlich verweigert und selbst auf die Intervention des Auswärtigen Amtes nicht berücksichtigt. Daß eine betreffende Bitte des Staatssekretärs abgelehnt wurde, war bisher noch nicht vorgekommen. Als im Jahre 1881 der damalige Minister Lord Grauville die beklagenswerte Schwäche bewies, für die britischen Juden die Rechte zu opfern, die sie nach dem englisch-russischen Vertrag von 1859 in gleichem Umfang mit ihren christlichen Mitbürgern besaßen — die Negierung der Vereinigten Staaten hatte damals das nämliche Ansuchen strikt obgelehnt — war vereinbart worden, daß die ruffischc Regierung etwaigen Gesuchen des englischen Auswärtigen Amtes um Reiseerlaubnis für einen englischen Juden „freundlichste Berücksichtigung" schenken würde. Nach vierzehntägigem Warten erhielt ich durch das freundliche Entgegenkommen des Fürsten Valerian Obolenski und des ruffischen Auswärtigen Amtes in Berlin meinen nur für Petersburg geltenden Paß — wenn ich noch weiter reisen wollte, müßte ich in Petersburg „autorisations speciales“ nachsuchen. Hier erhielt ich wirklich von Herrn v. Plehwe die „besondere Erlaubnis", mich in Warschau „einige Tage" aufzuhalten. In Warschau fragte ich einen Beamten, wie lange diese Frist von „mehreren Tagen" zu dauern pflege, und der sehr liebenswürdige Heri antwortete mir — nicht amtlich, sondern nur privatim! — daß die autorisation speciales gewöhnlich für einen Monat gelte, daß die Verwaltung aber freie Hand habe, die Frist abzukürzen, sobald der begünstigte Ausländer sich irgendwie verdächtig mache. Ich erwähne diese Dinge nicht in feindlichem oder anklagendem Sinn, denn wo immer ich in Rußland mit Behörden zu tun gehabt, ist mir die äußerste Höflichkeit und Gastfreundschaft erwiesen worden, sondern nur als Beweis dafür, wie weit die Feindseligkeiten zwischen der Regierung des Zaren und seinen jüdischen Untertanen gediehen sind." In Petersburg gelang es Herrn Lucien Wolf, eine Unterredung mit Herrn v. Plehwe zu erlangen. Er beschreibt den Minister des Innern als einen in der äußeren Erscheinung und im Wesen mehr westeuropäischen als russischen Staatsmann von liebenswürdigen Manieren und beinahe altmodischer ungekünstelter Höflichkeit. Er scheint ein strenger und, wenn nicht alles trügt, ehrlicher Mann; als Verwaltungsbeamter unbeugsam und gewiffenhaft, aber mit geringem Sinn für staatsmannische Experimente und Fortschritte. Die Unterredung hat anderthalb Stunden gedauert und die verschiedensten Gebiete berührt. Herr Lucien Wolf hat nach Schluß des Interviews die von Herrn v. Plehwe ausgesprochenen Aeußerungen in französischer Sprache niedergeschrieben und sie dem Minister zur Durchsicht eingereicht, bevor er sie veröffentlichte. Vor Kurzem hat er seine Niederschrift mit einigen Korrekturen zurückerhalten und der Oeffentlichkeit übergeben. Sie lautet: „Im Verlauf einer mir von Herrn v. Plehwe gewährten Audienz bemerkte der Minister, daß er den Ernst der Judenfrage in vollem Maß anerkenne. Es war von ihm gesagt worden, er sei ein unerbittlicher Feind der Juden. Das ist nicht wahr. Er habe schon seine Jugend in Warschau verlebt, einer halb-jüdischen Stadt; daher kenne er die Juden und wiffe die guten Eigenschaften dieses intelligenten Volkes zu würdigen. Aber er halte cs mit vielen anderen für schwierig, ihnen freien Zutritt in das Innere Rußlands zu gestatten. Der ruffische Bauer ist sehr arm, und wenn die Juden sich als sei,ie Nachbarn niederlassen, wird er das bischen Besitz noch mit den Einwanderern zu teilen haben, die zum größten Teil nicht Produzenten sind. Als Politiker bekennt sich Herr v. Plehwe zur Schule des Grafen Tolstoi, eines konservativen Staatsmannes, dessen Verdienste lange nicht genug gewürdigt worden sind. Dem Grafen Tolstoi gebührt der Ruhm für die Beenoigung der antisemitischen Unruhen von 1881. Als Minister sei er, Herr v. Plehwe, weder liberal noch konservativ, sondern einfach das getreue Werkzeug der Befehle Sr. Majestät und der Wächter über die Sicherheit des Landes. Die scheinbare Strenge seiner Politik muß damit erklärt werden, daß im Land Elemente vorhanden sind, gegen die prompt und streng vorgegangen werden muß. Die jüdische Jugend zum Beispiel widmet sich fast vollständig der revolutionären Bewegung, und in der Bekämpfung dieser beklagenswerten Erscheinung tue er nur seine Pflicht. Er wiffe sehr wohl, daß die Juden unter unaufhörlichen Kümmerniffen zu leiden haben, für deren Beseitigung eine neue Politik nötig wäre. In erster Reihe wolle er alles Mögliche versuchen, um die Affimilierung der gebildeten Juden, dh. der oberen Schichten des Volkes, mtt anderen russischen Bürgern und Patrioten zu fördern. Das wird keine allzu schwierige Arbeit sein, würde aber nur eine unwesentliche Sette der Frage berühren. Die Lösung des Problems wird schwieriger, wo es sich um die unteren Klaffen handelt, um die große Anzahl und die große Armut der ungebildeten Juden, die der russischen Erziehung unzugänglich sind. Die wichtigste Frage ist, wie man ihrer großen Not steuern kann. Noch bevor man sich mit der Möglichkeit ihrer modernen Bildung beschäftigt, müßte man ein Mittel finden, wie sich diese armen Juden ihr täglich Brot verdienen können. Zu diesem Zweck ist man im Begriff, in den den Juden bereits offenen Provinzen das Ansicdlungsgebiet zu erweitern, und es ist bereits ein Dekret erlassen, das den Juden die Niederlassung in gewissen kleinen Landstädtchen gewährt, die ihnen vorher verschlossen gewesen Ein zweites Dekret wird demnächst dem Ministerrat Vorgelege werden, das eine fernere Ausdehnung des Niederlassungsgebietes bestimmt. Ein anderes Hilfsmittel ist in der Auswanderung gegeben. Bisher ist das Auswandern verboten gewesen, aber es wäre angezeigt, eine Aenderung dieses Gesetzes vorzunehmen. Vielleicht sind auch noch andere Reformen möglich. Bei Gelegenheit der Auswanderungsfrage bemerkte Herr v. Plehwe, es wäre der russischen Regierung sehr angenehm, wenn die ottomanische Regierung den auswandernden russischen Juden unbehinderten Zutritt nach Palästina gestattete. Obgleich er im Allgemeinen kein Gegner des Zionismus ist, sprach Herr v. Plehwe doch die Befürchtung aus, daß der politische Zionismus eine Chimäre sei. Er würde der Propaganda zionistischer Ideen in Rußland keinerlei Schwierigkeiten machen, so lange diese Propaganda sichauf Auswanderung bezieht. Für Juden, die nicht auszuwandern beabsichtigen, mögen die zionistischen Ideen sich als wirksames Gegengift gegen die sozialistischen Lehren erweisen. Im Verlauf des Gesprächs kam die Rede auf die Frage der Ansiedlung von Juden in Ostsibirien. Herr v. Plehwe bemerkte dazu, daß ein Kolonisationsplan für die Mandschurei schon im Werk gewesen, und daß er selbst bei dem demnächstigen Besuch des Admirals Alexejew in Petersburg (das Interview hat schon einige Zeit vor den Kriegs- Verwicklungen stattgefunden Anm. der Red.) mit ihm über diesen Plan konferieren würde. Er versprach auch, den Admiral über einen Plan zu befragen, den der Interviewer selbst ihm vorgelegt und der von der Begründung jüdischer Kolonien in Südsibirien handelt. Diese Kolonien sollten eine Schranke von russischen Untertanen bilden gegenüber der anwachsenden Ueberflutung des Landes von seiten der Chinesen." Soweit die von Herrn v. Plehwe durchgesehene Niederschrift. Herr Lucien Wolf fährt in seinem Bericht fort: „Es ist selbstverständlich, daß ich die oben entwickelte Politik nicht unwidersprochen durchgehen ließ. Es wurde mir um so leichter, freimütig zu reden, als der Minister mir mit höflicher Liebenswürdigkeit zuhörte, und als meine jüdischen Freunde in Rußland mir vorher gesagt hatten: es käme mehr darauf an, Herrn von Plehwe neue. Gesichtspunkte'in Bezug auf die Judenfräge vorzutragen, als von ihm etwaige liberale Versprechungen herauszudrücken. Das vom Minister entwickelte politische Programm ist charakteristisch für den Mann. Es mag aufrichtig gemeint sein — aber es ist die Politik eines Verwaltungsbeamten, nicht eines Staatsmannes. Er blickt nicht über die augenblicklichen Aufgaben hinaus. So wie er es für seine erste Pflicht hält, die Unzufriedenheit mit Unterdrückung zu bekämpfen, so begrenzt er seine positive Politik auf die Erleichterung der oberflächlichen Symptome wirtschaftlichen Elends. Es ist sehr angenehm zu hören, daß er nicht ohne persönliche Sympathie für die Juden ist, daß er ein Schüler des Grafen Tolstoi ist, der 1882 mit so fester Hand die antisemitischen Unruhen und Mordtaten bekämpfte, für die sein Vorgänger Graf Jgnatiew verantwortlich war, daß feine gegenwärtige strenge Politik nur vorübergehend ist, und daß er bemüht ist, die wirtschaftliche Lage der Juden durch weitere Dezentralisierung und durch teilweise Auswanderung nach Sibirien zu verbessern . . . Die russischen Juden, die russische Politik kennen, stehen den vorgeschlagenen Neuerungen skeptisch gegenüber. Das sibirische Projekt würde ihnen ganz gut zusagen; aber sie fragen schon jetzt, was für eine Sicherheit ihnen gewährt wird, daß nicht nach glücklicher Entwicklung der dortigen Kolonien ihnen neue Schwierigkeiten gemacht würden. Indessen ist man schon mit wenigem Greifbaren zufrieden und wird Herrn von Plehwe dankbar sein, wenn er in der weiteren Erschließung des Ansiedelungsgebiets versprochenermaßen fortfährt. Wie Herr von Plehwe sich die von ihm geplante Assimilation der gebildeten Juden mit den gebildeten Nichtjuden Rußlands vorstellt, hat er seinem Besucher trotz eindringlichen Ersuchens nicht mitgeteilt. Auch wird er wohl auf keinen Erfolg rechnen können, wenn er nicht den Juden die gleichen Rechte einräumt, wie ihren Mitbürgern. Die in anderen Ländern auf diesem Gebiet gewonnenen Erfahrungen werden den russischen Staatsmännern oft als Beweis für die Entwicklung des Naüonalgefühls bei den Juden vorgehalten. Selbst innerhalb des russischen Reiches gibt es einen Beweis dafür. In Polen haben der Zionismus und die jüdische Nationalbewegung nur wenig Fuß faffen können, weil die Nationalgefühle der dortigen Juden durch ihre gesetzliche Emanzipation nach dem Aufstand von 1863 völlig befriedigt sind. Der damalige Ukas, der die Juden zu polnischen Bürgern gemacht und zu tapferem Kampf fürs Vaterland begeistert hat, ist niemals gesetzlich widerrufen worden. In Warschau sind die „oberen Schichten" ganz besonders stolz darauf. Und trotz des von den russischen Behörden geschürten Antisemitismus sind die Juden patriotische Polen, sprechen polnisch, lehren es ihre Kinder und geben bedeutende Geldsummen aus, damit auch die ärmere, den Jargon sprechende jüdische Bevölkerung die polnische Sprache erlerne. Die Aufrichtigkeit dieses Patriotismus ist