Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 130 Dr. Dlocb's Mocbenscbritt. Nr. 9 Als auf dem ruffischen Aerztecongreß, der vor 10 Tagen in Petersburg abgehalten wurde, bei einer besonderen Beratung über Sozialhygiene und Bekämpfung der Tuberkulose die Forderung diskutiert wurde, daß die Aerzte in Presse und Versammlungen belehrend wirken sollten, sah die Staatsgewalt hierin einen Angriff auf sich selbst. Als dann der Aerztekongreß die Gefahren besprach, die sich in gesundheitspolizeilicher Beziehung in dem großen Reichsjudenghetto entwickeln und den Beschluß gefaßt, „die Aufmerksamkeit aus die Gefahr zu lenken, die aus der Nnstlichen Zusammendrängung der jüdischen Bevölkerung an den genehmigten Wohnplätzen innerhalb der Städte und Flecken des südlichen und westlichen Rußlands entsteht", wobei schließlich die Forderung gestellt wurde, daß den kranken Juden die Erholung in der Landluft und die Gesundung in Bädern gestattet werden möge; da verfiel der Kongreß der polizeilichen Auflösung. Es ist auch arg die Forderung: Ungläubige Juden sollen orthodoxe Landluft einatmen. Kurz vorher hat in demselben Petersburg ein Kongreß von Technikern und Gewerbetreibenden getagt. Als nun einer der Hauptschuldigen von Kischenew — also einer von denen, die gerichtlich nicht belangt werden — das Wort ergriff, erhob sich bei einem Teile, der mit den Mördern von Kischenew und ihren Anstiftern nicht identifiziert sein wollte, Widerspruch und es erfolgte ein Antrag, den Mann vom Kongresse auszuschließen. Das genügte, um den Kongreß polizeilicherseits „wegen politischer Kundgebungen" zu schließen. Denn es zeugte dieser Antrag von revolutionärer Gesinnung wider den durch zwei Jahrtausende geheiligten Brauch des Judenschlagens. Daß die eigentlichen Schuldtragenden am Kriege und den kriegerischen Unglücksfällen schließlich die Juden sind, beginnt den offiziösen Blättern der russischen Regierung bereits einzuleuchten. „Mitunter scheint es," behauptet Herr Suworin (Herausgeber der „Nowoje Wremja") mit vorsichtiger Niederträchtigkeit, „als sei Japan blos das Opfer des durch die Kischenewer Ereignisse aufgeregten internationalen Judentums." Die „Nowoje Wremja" notiert sogar bedenkliche Symptome. So haben die amerikanischen Juden ihrerseits Beträge für die japanischen Verwundeten hergegeben und das ist doch eigentlich empörend. Zwar hat das Haus Rothschild in Paris 10.000 Francs für die russischen Verwundeten gespendet, allein das war ein Gebot des „Völkerrechtes". Rechtsanwalt Perewersew, der im Prozeß von Kischenew mitgewirkt und über diese Justizkomödie in einer Schriftstellerversammlung einen Vortrag gehalten hat, ist deswegen auf drei Jahre nach dem Gouvernement Archangelsk verbannt worden. Durch derartige Transporte wird aber die sibirische Bahn ihrem gegenwärtigen Hauptzweck entzogen, als Zufahrtstraße zum ostasiatischen Kriegsschauplatz zu dienen. Und wiederum sind es die Juden, die dem russischen Staat solchen schweren Schaden bereiten. Denn gäbe es keine Juden in Rußland, so hätte es in Kischenew auch bei dem bösesten Willen der Regierung kein Judengemetzel geben können, es hätte keine Kischenewer Justizkomödie gegeben, Rechtsanwalt Perewersew hätte darüber keinen Vortrag gehalten und er wäre nicht zur Verbannung nach Archangelsk verurteilt worden. Der Statthalter des ostasiatischen Rußlands, Admiral Alexejew, hat es als erste Aufgabe seiner Machtvollkommenheit betrachtet, die Juden aus Port Arthur zu vertreiben. Die gespannte Aufmerksamkeit, die er dieser gemeinnützigen Tätigkeit widmete, hat ihn verhindert, die Sicherungsmaßnahmen für die ruffische Flotte in Port Arthur in geziemender Ordnung zu halten. Die Folge davon war das Glücken des überraschenden japanischen Angriffs. Statthalter Admiral Alexejew hat aus diesem Vorkommnis eine Bestärkung seiner Auffassung von der Schädlichkett der Juden gewonnen. Es habe sich jetzt, meint er, wieder gezeigt, wie abttäglich die Juden dem russischen Staat sind. Wären sie nicht in Port Arthur gewesen, so hätte der Statthalter sich nicht mtt ihrer Vertteibung beschäftigen müssen und die russische Flotte existtette vielleicht heute noch. So sind denn aus Port Archur achtzig jüdische Familien ausgewiesen worden. Zwei jüdische Kapitalisten sind im Begriff, in Lodz eine große Baumwollspinnerei zu begründen, in der die arbeitsfähigen Mitglieder dieser achtzig Familien Beschäftigung finden sollen. — Eine jüdische Aerztin, die jahrelang in Nischni Nowgorod prattiziert hatte, ist kürzlich nach Sibirien verbannt worden, augenscheinlich nur, weil sie in jener Stadt als Jüdin nicht wohnen durfte. — Auch aus Kiew ist neuerdings eine große Anzahl jüdischer Familien ausgewiesen worden. Japan hat eine Bevölkerung von 47 V2 Millionen und ein Flächengebiet von 417.297 Quadratkilometer, wogegen Rußland etwa 140*/2 Millionen Einwohner auf einem Flächenraum von 22,470.004 Quadratkilometern besitzt. Trotzdem hat Japan in seinen Schulen mehr Schüler als Rußland. In den japanischen Elementarschulen befinden' sich nach der neuesten Statistik 4,302.623 Kinder, in Rußland nur 4,193.594 Kinder oder 92 vom Tausend in Japan gegen 32 vom Tausend in Rußland. Die Zahlen für höhere Schulen und Universitäten sind ebenfalls viel größer für Japan als für Rußland. Die russische Mission erfteute sich in Japan einer solchen Freiheit, daß gegenwärtig die russisch-orthodoxe Kirche in Japan 175 Kirchen, 260 Kirchengemeinden, gegen 30.000 Gläubige, dann einen Bischof, 31 Pfarrer, 8 Diakone und 149 Katechisatoren besitzt; ferner bestehen ein geistliches Seminar, eine Schule zur Heranbildung von Katechisatoren und eine Diözesanmädchenschule. Ueberdies existtert in Japan ein Verein zur Übersetzung religiöser Werke und kirchlicher Bücher aus dem Russischen in die japanische Sprache, der auch zwei Missionszeitschristen herausgibt. Die Liturgie und der Gottesdienst werden in allen Missionskirchen japanisch abgehalten; alle Vorträge in den Schulen und alle Publikationen geschehen gleichfalls in der Landessprache. Der Bischof aber wird vom heiligen Synod in Petersburg ernannt. Wie hingegen behandelt Rußland die Andersgläubigen? Am 16. Jänner feierte in Tokio die Gesellschaft für englische Sprache ihr jährliches Stiftungsfest im Hause des hiesigen Adelsklubs. Derselben gehört eine Reihe von bedeutenden und einflußreichen Männern Japans an, Baron Kanda, Präsident der Gesellschaft, Baron Kikuchi, ftüherer Unterrichtsminister, Baron Kaneko und andere. Aber auch Fremde, Engländer und Amerikaner, sind Mitglieder, und so war es nicht zu verwundern, besonders da nicht weniger als acht Toaste für den Abend vorgesehen waren, daß im Hinblick auf die heutige Lage allerlei Redeblüten zum Vorschein kamen. Nachdem Baron Kikuchi den schnellen Fortschritt Japans während der letzten 50 Jahre gepriesen hatte — er meinte unter anderem, die letzten 50 Jahre waren ungefähr 2 bis 3 Jahrhunderten in Europa gleichwertig —, nahm der Herausgeber der „Daily Mail" das Wort zu einem Toast auf England. Japan habe seit der Eröffnung des Landes wie ein Wanderer die ganze Welt durchzogen, um das Gute zu nehmen, wo er es findet. Er (der Redner) habe aber niemals gezweifelt, daß die Ideale der anglosächsischen Rasse, nämlich Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, schließlich auch die der japanischen Nation werden würden, denn sie sind die Prinzipien, deren Verwirklichung das Glück und Wohlergehen der größten Anzahl der Mitglieder der menschlichen Gesellschaft bewirtt. „Der Idee einer anglosächsischen Union nähern wir uns, wie es scheint immer mehr, aber es fehlt noch etwas, und ich bin schon oft auf den Gedanken gekommen, daß es Japans Bestimmung ist, dies Etwas zu sein. Vielleicht ist die Zeit nicht mehr fern, daß die starke Sympathie, welche England und Amerika den Japanern jetzt in der Stunde der Not entgegenbringen, die drei Nationen mit einem festen und dauernden Bande umschlingt." * * * Demgemäß erklärt das offizielle Organ der Wiener „Christlich-Socialen", die „Deutsche Zeitung": „Alles, was Japan zu seiner Verteidigung des Friedensbruches sagt, ist Spiegelfechterei. Zahllos sind die Gefahren, die über Europa hereinbrechen würden, wenn das größenwahnsinnige Japan Sieger bliebe in dem Kampfe der weißen mit der gelben Rasse, dem Kampfe der abeüdländischen Kultur mit dem Heidentum."