Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Journal
- Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
- Volume
- 21 (1904)
- Issue
- 9 (26.2.1904)
- Date
- 1904-02-26
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Ur. 9 Bloch’s Jahrgang Ul Centralorgan für die gesammten Interessen des Iudenthums. * ■ -« A. k. Pofisparrast'-n-Amt Elraring- Verkehr Ar. 810.976. AedsrNon und Administration: Viru IX/1, Vergsaffr Nr. 39. Telephon Nr. 14.847. IK * -—-— Wien, 26. Februar 1804. -3—-M- —- Lrsch eint jeden Freitag. - 44- *■<'- Brief-Adresse: Wien, IX/1» Berggaffe SS. Telegramm-Adresse: Vloch's Wochenschrift» Wien. « -: .. . - Bsjugaprst* für Srstrrrrich: Halbjährig S Kronen. Einzelexemplare 50 Heller. Für'« Ausland: Halbjährig 10 Kronen. Ganzjährig 20 » Anzeigen: Die 4mal gespaltene Petitzeile 24 Heller. % ■ =m Inhalt: Leitartikel: Die „Europäer" und die „Asiaten". — Vom Jahrmarkt des Lebens: Glossen zur Tagesgeschichte — Ein Interview mit Herrn v. Plehwe. — Ein Jubiläum. — Correspondenzen: Plenarsitzung des Vorstandes der israelitischen Cultusgemeinde. Wien. Der Antisemitismus als Erzieher. Czernowitz, Dresden, Der polnische Aeskulap. Petersburg, — Vermischtes: Kranzablösungsspenden zu Gunsten der „Chewra-Kadischa" in Wien. Wien, Brünn, Holleschau. Prag. Budapest, Rzeszow, Basel, Bukarest. — Feuilleton: Jüdische Kulturbilder. — Neue Bücher. — Briefkasten. — Inserate. Die „Europäer" und die „Astalen". Die Russen sind nicht gewöhnt, die Rolle des Angegriffenen zu spielen und deshalb benehmen sie sich auch in dem ihnen von Japan ausgezwungenen Kriege ziemlich ungeschickt. Das zeigt auch die neueste Auslassung der russischen Regierung, in „welcher von einem heimtückischen Schlage" und von der „Treulosigkeit" der Japaner die Rede ist, deren wegen sie „gezüchtigt" werden müssen. Daß die Japaner sich herausgenommen haben, ohne besondere Kriegserklärung sofort nach dem Abbruch der diplomatischen Beziehungen gegen Rußland so vorzugehen, wie Rußland gegen die Türkei verfuhr, empfindet man in Petersburg als eine Kränkung des „Völkerrechtes". Was dem „Europäer" gegenüber dem „Orientalen" gestattet ist, wird als gegen das Völkerrecht verstoßend gebrandmarkt, wenn die Orientalen mit gleicher Münze zu zahlen versuchen. Die russische Regierung hat eine pragmatische Darstellung der Vorgänge und Verhandlungen, die sich unmittelbar vor Beginn des Krieges zugetragen, veröffentlicht und eine Anklageschrift gegen Japan wegen Verstoßes gegen das „Völkerrecht" und Verletzung des „neutralen" Gebietes von Korea. Nur fehlt eine Erwähnung des russisch-chinesischen Vertrages vom 8. April 1902, in welchem der Kaiser von Rußland sich verpflichtet: „Innerhalb sechs Monaten nach Unterzeichnung dieses Vertrages hat Rußland die Provinz Mukden bis zum Liaofluß zu räumen und die Eisenbahn wieder unter chinesische Verwaltung zu stellen." Die vollständige Räumung sollte am 8. Oktober 1903 vollzogen sein, was bekanntlich nicht geschah. Peinlich empfindet Nikolaus II. den Umstand, daß er noch zu Neujahr dieses Jahres der Welt eine „Friedensbotschaft" sandte und wenige Wochen 'später der Krieg ausbrach; er erblickt darin eine persönliche Bloßstellung. Ein Korrespondent aus Moskau berichtet: „Bis zum vergangenen Samstag war man in Petersburg allgemein der Ansicht, daß es nicht zum Kriege mit Japan kommen würde. Am Samstag Abend war ich in Petersburg im Michael-Theater, der ganze Hof war anwesend, der Kaiser an der Spitze. Man gab das Donnay'sche Stück „Ustonr äs llsrnsalsm". Die Herrschaften amüsirten sich bei diesem durch und durch antisemitischen Stücke sehr gut und nichts ließ darauf schließen, daß der japanische Gesandte bereits am Samstag früh seine Pässe verlangt hatte." Die „patriotischen Demonstrationen" der Massen flößen dem Zaren und seiner Regierung Angst und Besorgniß ein. Der „Daily Telegraph" weiß zu berichten: „Der Zar hat Befehl erteilt, die Veranstaltung von Straßenaufzügen und anderen öffentlichen Ansammlungen möglichst hintanzuhalten. Er wurde dazu veranlaßt durch einen Vortrag des Ministers des Innern, der der Befürchtung Ausdruck gab. die Straßendemonstrationen würden zu revolutionären Zwecken mißbraucht werden. Aus diesem Grunde auch wurde vor einigen Tagen eine Volksmenge, die sich auf dem Newskyprospekt angesammelt hatte, von den Kosaken mit Peitschenhieben auseinandergetrieben. In besonderen Fällen, zum Beispiel bei der Feier eines großen russischen Sieges, sollen Volksansammlungen keine Hindernisse bereitet werden, jedoch kostet es dem Zaren Ueberwindung, vor einer großen Menschenmenge zu erscheinen." Dagegen hat der Zar in einer Anwandlung erhabener Großmut „gestattet", daß die unter polizeilicher Aussicht stehenden politisch Verdächtigen — als Gemeine ins Heer eintreten und nach Ostafien in den Krieg ziehen dürfen. Nicht genug damit, hat der Kaiser von Rußland noch weiters den politisch Verdächtigen konzediert, daß sür die Zeit, während welcher sie als Gemeine in der Armee dienen, die polizeiliche Beaufsichtigung ihnen erspart bleiben soll. Man „gestattet" den Männern, welche wegen eines freien Wortes, wegen der Lektüre einer westeuropäischen Zeitung, wegen des Besitzes eines philosophischen Buches der Polizeiwillkür ausgeliesert waren, sich als Kanonenfutter zu verwenden. Selbst aus Sibirien, dem großen Gefängniß, kommen böse Nachrichten. Auch dort hat sich eine revolutionäre Organisation gebildet und ein Bahnhofvorsteher aus dem Gouvernement Tomsk wurde nach Oftsibirien verbannt, weil er „Nieder mit dem Zarismus" rief. Die Regierung greift auch hier zu dem bewährten Mittel, durch Veranstaltung von Judenmetzeleien die Aufmerksamkeit der Massen abzulenken. Ein solcher Versuch in Tomsk scheiterte an dem festen Widerstand der Arbeiterschaft. Die Regierung weist nun aus Tomsk und Jakutsk hunderte von jüdischen Familien aus, die schutzlos dem Elend überliefert werden. Und dieses Rußland hat — den Muth, vor den europäischen Mächten Japan wegen „Verletzung des Völkerrechtes" anzuklagen — „mit dem bittern Borwurf gegen die Staaten, welche sich beeilten, Japan den zivilisierten Völkern zuzurechnen". Rußland bewährt sich in der Tat als Hort und Vorkämpfer „ abendländischer Zivilisation ".