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Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift · 1904-02-19 · 8 (19.2.1904) · page 14

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Journal
Dr. Bloch's oesterreichische Wochenschrift
Volume
21 (1904)
Issue
8 (19.2.1904)
Date
1904-02-19
Page
– (sequence 14)
Language
German
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Sette 126 Dr. Mocb's MocbenscbrM. Rr. 8 zu diesem seinem Bankier: „Reb Mordcheleben, sagen Sie mir, wem gchören eigentlich diese zwei Gulden, Ihnen oder mir?" In seinen jüngeren Jahren war er ein gesuchter Mohel (Circumciseur) und wurde auch zur Vornahme dieser Operation in serne, tief im Gebirge liegende Ortschaften berufen, wohin er öfter, weil mit Wagen unzugänglich, hoch zu Roß sich begab. Es soll das für das kleine, furchtsame Männchen, das auf Talmudschulen erzogen wurde, wo man wohl dem Sport geistiger Handicaps, aber nicht den des Reitens betrieb, nichts Geringes gewesen sein, ein wirkliches, ein lebendes Pferd zu besteigen. Aber man half sich. Man holte einen Sessel, stellte ein „Klötzl" auf denselben und so schwang sich der kühne Reiter auf das Roß, an das er sich, größerer Vorsicht wegen, festbinden ließ. Den „Talisbeutel" hing man an den Hals des Kleppers und seine Seele Gott empfehlend, das „Gebet für die Reise" murmelnd, trabte er an den Ort seiner Bestimmung. Woher der arme Großvater die Mitgift von zweihundert Gulden Konventions-Münze nahm, die er der Tochter gab — darüber ich habe im Familienarchiv nichts gefunden. Ich hörte nur, daß in das Heim der jungen Eheleute Frau Sorge mit eingezogen war und daß meinem Vater nichts anderes übrig blieb, als durch Unterricht im Talmud und der hebräischen Sprache sich und seine Familie zu erhalten. Doch die energischere Mutter drängte den Vater, das Joch abzuschütteln. Sie gingen nach Kirchdorf, einem Städtchen am Fuße des Zipser Schloßberges und eröffneten ein Wirtsgeschäft. Aber es glückte nicht; der letzte Rest der Mitgift ging darauf, die Familie ward größer und das Einkommen kleiner. So mußte der Vater wieder zum Lehramt greifen, und war bis an sein Lebensende verurteilt — von den Göttern gehaßt zu werden. Der Satz: quem dii ödere, magistrum fecere, ist gewiß nur auf den jüdischen Lehrer der alten Zeit geschrieben worden. Die heutige Generation hat keinen Begriff von der aufreibenden, Geist und Körper tötenden Arbeit des Melamed, eines jüdischen Lehrers der damaligen Zeit. Der Unterricht dauerte von 7 Uhr morgens bis 7 Uhr abends mit Unterbrechung der Mittagsstunde von 12—1; das sind wöchentlich — so wird heute die Stundenzahl des Unterrichts berechnet — 60 Stunden. Freitag nachmittags und Samstag war ftei. Im Winter kamen die bereits im Talmud Vorgeschritteneren um 4 Uhr Früh und lernten bis halb 7 Uhr. Jedes Kind brachte Sonntag eine Talgkerze mit, um die Beleuchtung zu besorgen. Da aber fast jedes Kind eine eigene Klaffe bildete, so läßt sich leicht ermeffen, welch furchtbare Arbeit mein armer Vater zu bewältigen hatte. Was Wunder, daß der arme Mann, dessen karg zugemeffenes Einkommen ihm nicht gestattete, sich ordentlich zu nähren, unter der schweren Last des Frohndienstes zusammenbrach und erkrankte! Er litt an Appetit- und Schlaflosigkeit, verlor jede Arbeits¬ und Lebenslust, hatte stets Angstgefühl, — heute würde der Arzt auf hochgradige Nervosität die Diagnose stellen. Damals hatte man keine Nerven; man kannte das Wort nur vom Nervenfieber, der heute Typhus genannt wird. Einst in der Nacht überkam den kranken Vater ein solches Angstgefühl, daß er meinte, seine letzte Stunde sei gekommen. Kalter Schweiß trat chm auf die Stirne und er bat die Mutter, sie möge um Leute schicken, denn seine letzte Stunde habe geschlagen und er will nicht „ohne Leute" sterben. Die arme Mutter wollte um den Arzt schicken, doch hatte sie niemand dazu; einen Dienstboten zu halten, erlaubten die Mittel nicht; den Vater verlassen durfte sie nicht; er hielt in seiner Todesangst krampfhaft ihre Hand in der seinen; — da lief ich, ein achtjähriges Kind, um den Arzt. Dieser Arzt war eine Spezialität Kirchdorfs, ja der ganzen Umgebung. Es war der Pater Prior des Klosters der „Barmherzigen Brüder", der im Rufe einer ärztlichen Koryphäe stand, dabei aber stets — betrunken war. Das jedoch erhöhte nur sein Renommee, denn das Volk ließ es sich nicht nehmen, daß er gerade dann die genialsten Kuren an seinen Patienten vollbringe, wenn er total berauscht war. Dabei war er ein leidenschaftlicher Tabakschnupfer. Um diesen Mann wob die Volksseele einen ganzen Sagenkreis. So erzählte man sich, Pater Simandl, so hieß er, sei einnml zu einer schweren Entbindung geholt worden, und er war so vollgesoffen, daß er einen Teller Butter, der auf dem Tische stand, für Schnupftabak ansah und ausschnupfte, aber dann seine Sache meisterhaft ausführte. Zu diesem Prior, der unser Hausarzt war, weil er von dem armen Lehrer kein Honorar annahm, eilte ich; aber das war keine kleine Aufgabe für ein kaum achtjähriges von Natur furchtsames Kind. Ich betrat — eben schlug die Uhr des Klosterthurms die Mitternachtsstunde — die langen, nur dunkel beleuchteten Korridorre und da starrten mich überall die Statuen und lebensgroßen Bilder der Heiligen an. Ein Lichtschimmer huschte über ihre Gestalten, und ich meinte, sie alle schauen grollend auf mich, als wollten sie fragen: „Was suchst Du „jüdisch Kind" hier in diesen Räumen? Was störst Du uns auf in mitternächtlicher Schlafenszeit?" Aber das Bild des sterbenden Vaters trat mir vor die Seele und ich eilte fort in das Zimmer des Priors. — Er schlief. Und überall traurige Spuren seines Rausches. Ich weckte den Mann, aber er rührte sich nicht; ich rüttelte ihn gar unsanft, er schnarchte weiter; ich schrie ihm ins Ohr und er lallte: „Laß mich schlafen!" und drehte sich auf die andere Seite. Endlich rief ich jammernd: „Wollen Sie denn meinen Vater sterben lassen?" Das half, mein kindlicher Schmerzensschrei hatte sein gutes Herz getroffen. Er raffte sich auf und ging mit mir. Im Vorübergehen weckte ich einen Bekannten. Der nahm, als er hörte, ich habe Pater Prior geholt, fürsorglich eine Flasche Sliwowitz mit sich und begleitete mich. Der Prior ftagte nicht viel, sondern nahm einen Aderlaß vor. Aderlaß und Schröpfen waren ja damals Universalmittel. Der arme Vater, der wohl nicht viel Blut zu verlieren hatte, beruhigte sich doch bald, und der Prior, nach wohlgetaner Arbeit, machte sich über die Flasche Sliwowitz und plauderte gemütlich. „Der kleine Spitzbub dort", sagte er, „der hat einen Schnabel, der hat mich ordentlich gepackt. Du wirst sehen, Lehrer" er duzte, jeden ohne Ausnahme — „der wird noch einmal Rabbiner." So hat ein Ordensbruder vor 58 Jahren mir das Horoskop gestellt und meinen Beruf vorhergesagt. Doch der Vater trug blutwenig dazu bei, diese Prophezeiung wahr zu machen. Ich genoß wohl den Unterricht mit den andern Schülern; aber in seiner Gewissenhaftigkeit betrachtete er es als einen Raub an den andern, wenn er seine Aufmerksamkeit mir zugewendet hätte. Oft kam ich weinend zur Mutter und klagte ihr mein Leid, daß der Vater mich, wenn die Reihe an mir ist, den Possuk (Schristvers) nicht hersagen läßt, — er meint, er müsse jene unterrichten, für die er gezahlt bekomme. (Fortsetzung folgt.) Literatur. Von einem im Jännerheft der „Neuen Rundschau" veröffentlichten Fragment einer Dichtung Gerhard Hauptmanns, „Das Hirtenlied", teilte der bekannte Essayist Max Burckhardt in der „Zeit" folgende, unsere Leser gewiß außerordentlich interessierende Inhaltsangabe mit: Der erste Akt führt uns einen Maler vor, der siech, „vor Hunger fiebernd und vor Dunkelheit", den Ekel vor der Welt und vor dem „Brot, das in dem Kot der Straße liegt", im Herzen und auf der Zunge, auf das Ruhebett seines Arbeitsraumes hingestreckt ist. Und ein Engel tritt an sein Lager und fordert ihn auf zur Arbeit. Aber der Künstler hadert mit ihm und mit Gott und schilt den himmlischen Boten ein Phantom, eine Ausgeburt seiner Fieberträume. Und wenn jener ihm. herrlich die Freuden jener Heimat malt, zu der er ihn führen will, sieht der kranke Maler nur schaudernd den Weg, der seiner harrt, wenn er aus seiner finsteren Kammer tritt. Und selbst da der Künstler in dem Engel „den lieben Friedensfürsten" erkennt, findet er nicht „den letzten Muth ins Freie" sein „Werk" hält ihn zurück, an dem er malt, „Rahel am Brunnen". Und da führt der Engel den armen Mann, „der malen will, was er nie gesehen hat", hinaus aus der Stadt, und sie schreiten dahin durch die Nacht, über rauhe Klüfte, einsame Pässe, Gletscher, Ströme — und auf einer Halde bei einem bemoosten Stein an einer Quelle da halten sie endlich zur Rast. Und der Tag bricht an und Hirten kommen mit ihren Herden, und der Engel entschwindet und Rahel tritt heran, und aus dem Maler wird Jakob, der Rahel den Stein vom Brunnen wälzt,

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